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Jammern oder Mut fassen

Österreichs Beitritt zur Europäischen Union vor nunmehr einem Jahr ist nur eine Erklärung für die Umstellungen, die in unseren wirtschaftlichen Strukturen notwendig geworden sind. Zugleich mehren sich die Anzeichen für noch tiefergreifende Veränderungen, und nicht nur in der Wirtschaft. Das Wort von der Informationsgesellschaft, die Geißel verbreiteter Arbeitslosigkeit, die in aller Welt unerläßlichen Umweltmaßnahmen, die Bevölkerungsexplosion ... signalisieren eine neue Zeit. Die österreichische Industriellenvereinigung sieht unsere ganze Welt im Wandel, sie hält auch bei uns eine die Zukunft anvisierende Gesellschaftspolitik für unerläßlich.0

Noch wird der Wirtschaftsraum der EU erst von einem Teil der österreichischen Unternehmen als unser Binnenmarkt angesehen, noch gibt es vielfach eine Inselmentalität, die alles, was über unsere Landesgrenzen hinausreicht, bestenfalls Ms von manschen Schranken befreiten Export, beim Einkaufen als billiges Ausland betrachtet. Ein Studium in einem anderen Land, eine Berufserfahrung in Frankreich, England, Skandinavien ist noch selten (nur Deutschland liegt uns halt näher). Inzwischen bemüht man sich von Amerika aus schon um eine „Transatlantische Agenda" mit der EU, manche Beobachter sehen bereits das „Pazifische Zeitalter" kommen, dem sich die europäischen Unternehmen stellen werden müssen. „Dabei liegt es aber an uns selbst, ob es nicht ebenso ein „Europäisches Zeitalter" geben wird, meinen Verantwortliche unserer Industrien. Sie vergessen dabei nicht, auch auf die Folgen der Ostöffnung für die europäische Wirtschaft hinzuweisen.In-' ternationalisierung und Globalisierung bringen einen Wettbewerb der Standortfaktoren, also auch einen Wettbewerb der Kostenstrukturen mit sich. Werner Clement betonte vor kurzem, daß sich Osterreich nicht länger um Maßnahmen einer strikten Kostensenkung, wie sie in anderen Industrieländern schon im Gange sind, herumschwindeln dürfe, selbst wenn dies vorübergehend zu realen Einkommenseinbußen der Bevölkerung führe. „Wir haben uns in diesem Punkt völlig von der internationalen Entwicklung abgekoppelt, das ist eine Gefahr für die Industrie", mahnt Clement. Entbürokratisierung ist deshalb eine Forderung an die neue Be-gierung.

Bis vor einigen Jahren waren österreichische Betriebe gefragte Zulieferer der europäischen (und auch der japanischen) Autoindustrie. Da sich die in der Zukunftstechnik führenden Konzerne in den großen Industriestaaten befinden, müßte Österreich sich eine ähnliche Position als Zulie-ferland von hoher Leistung in den Wachstumsbranchen aufbauen - in der Datenverarbeitung, in der Telekommunikation, im Verkehrswesen, in der Umwelttechnik, in der Gentechnik. Einzelne bemerkenswerte Ansätze dafür gibt es, etwa in der Solarenergie, in Software-Programmen, in der Medizintechnik, sogar für die Baumfahrt. Aber von unserer industriellen Wertschöpfung entsteht derzeit nicht viel mehr als ein Viertel (27 Prozent) bei Hochtechnologieprodukten, während es in Deutschland 42 Prozent, in den Niederlanden immerhin 57 Prozent sind.

Einer der Gründe dafür liegt in der nach wie vor zu geringen Forschungstätigkeit. Sie erreicht bei uns erst 1,5 Prozent vom Brutto-Inlandsprodukt, in vergleichbaren Staaten dagegen über zwei Prozent, also um die Hälfte mehr. „Wir brauchen da einen Quantensprung", drängte kürzlich der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Werner Welzig.

Die Forschung dürfe für die neue Be-gierung kein Zugeid sein, betonte er. In der Studie der Industriellen Vereinigung wird darauf hingewiesen, daß Wissenschaft und Forschung in immer kürzeren Zeitabständen zu neuen Erkenntnissen führen, weshalb eine kreative Nischenpolitik Chancen bringen könnet Schwerpunktbildung beim Einsatz der vorhandenen menschlichen und finanziellen Bes-sourcen sei deshalb ebenso notwendig wie die Bündelung von Forschungsprogrammen und die Zusammenarbeit mit starken Partnern. Im übrigen muß wohl die steuerliche Behandlung von Forschungsergebnissen, trotz der Budgetprobleme, im Hinblick auf die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Österreich überdacht werden.

Der Wandel in den Wertvorstellungen, das Entstehen neuer Menschen- und sogar Weltbilder führen dazu, daß viele Bevölkerungskreise den Sinn der Industrie nicht mehr einsehen. Mit den Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, muß man sich in den Betrieben auseinandersetzen, beispielsweise durch die Schaffung von Freiräumen, die den Mitarbeitern Freiheit für eine dynamische, selbstverantwortliche Entwicklung geben. Schon selbstverständlich müßte ein Umweltmanagement sein, das nicht nur im Bekenntnis zum Umweltschutz und in dafür notwendigen Investitionen besteht, sondern den Mitarbeitern und der in Betriebsnähe lebenden Bevölkerung die Gewißheit ständiger Bedachtnahme auf die Bewahrung einer intakten Umwelt gibt.

Die Industrie geht noch weiter: Sie weist auf die Notwendigkeit eines betrieblichen Info-Managements hin, weil nur so aus der ständig wachsenden und bald nicht mehr überschaubaren Flut von Informationen die für das Unternehmen wichtigen Fakten und Entwicklungstendenzen heraus-zufiltern und dann erfolgreich zu verarbeiten sein werden. Für Firmen, die schon mit der Hochtechnologie vertraut sind, werden dann Vorstellungen realisierbar wie die einer „virtuellen Fabrik", die in der Planung und im Design mit vom Computer simulierten dreidimensionalen Objekten oder Landschaften arbeitet, oder auch einer „fraktalen Fabrik", die das Unternehmen in selbständige, eigendynamische Teile (Fraktale) zergliedert, somit „Fabriken in der Fabrik" schafft.

All diese neuen Begriffe und Vorstellungen werden nur Schritt für Schritt in die wirtschaftliche Praxis umgesetzt werden können. Doch allein dadurch, daß sie aufgezeigt werden, kann Verständnis für den starken Wandel in der Wirtschaftswelt geweckt werden. Voraussetzung ist freilich, daß große und kleine Unternehmer, Manager auf mehreren Ebenen diese Entwicklungstendenzen als Zeichen kommender Zeiten hinnehmen.

Was uns fehlt, ist offenbar die dafür unerläßliche Aufbruchsstimmung, die doch angesichts der nahen Jahrtausendwende zu erwarten sein sollte.

1) DIE WELT IM WANDEL.

Gesellschaftspolitik für die Zukunft (Hg. Industriellenvereinigung.)

Der Autor

ist Publizist irene dyk

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