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Kleine Delle, großer Crash?

1945 1960 1980 2000 2020

Sausen die Aktienkurse? Sausen sie nicht? Nachher geht es bestimmt wieder aufwärts.

1945 1960 1980 2000 2020

Sausen die Aktienkurse? Sausen sie nicht? Nachher geht es bestimmt wieder aufwärts.

Zehntausende, die noch nie eine Aktie besaßen, lösen Sparbücher auf und kaufen Aktien. Börsianer reden zynisch von der „Dienstmädchenhausse”, weil vor dem großen Crash angeblich selbst die Dienstmädchen an der Börse spekulieren. Zugleich verkaufen erfahrene Anleger Aktien und machen Kursgewinne zu Geld.

Ks ist wieder so weit. Alles wartet auf den nächsten Schwarzen Freitag oder Montag. Falls ein Tag wie 1929 oder 1987 überhaupt bevorsteht. Haben die Kurse eine kleine Delle abbekommen? Stürzen sie ab? Niemand kann es wissen. Genau dies reizt Menschen, die den Kitzel des Risikos lieben. In solchen Situationen, die in unberechenbaren Abständen wiederkehren, wird die Börse zum Roulette. Und zum Russischen Roulette für jene, die auf die gefährliche Karte der Termingeschäfte setzen - oder gar auf Pump spekulieren.

1929 mußte man beim Termingeschäft noch 20 Prozent des Äktienwertes einschießen, wenn man das Recht, bestimmte Aktien zu einem bestimmten Preis zu erwerben, im voraus erwarb. Steigt der Kurs bis-zum Stichtag um, sagen wir, zehn Prozent, hat man das eingesetzte Geld um die Hälfte vermehrt. Sinkt er um zehn Prozent, hat man die, Hälfte verloren. Fällt er um mehr als 20 Prozent, ist alles weg und die Differenz zu bezahlen. 1987 waren nur noch zehn Prozent einzuschießen. Das brachte größere Gewinnchancen und ein größeres Risiko.

Viele Spekulanten hatten ihren Einschuß nicht bar, sondern in Form von Aktien hinterlegt. Als die Kurse rasselten, deckte das Aktiendepot nicht mehr den Einschuß. Um ihn sicherzustellen, verkauften die Computer die Aktien der Spekulanten, diese Verkäufe ließen die Kurse weiter rasseln, die Aktienkurse begaben sich in den freien Fall. Die Computer mögen diesen Effekt 1987 verstärkt haben, aber schon 1929 lief die Kettenreaktion in wenigen Stunden ab. In der Zwischenzeit wurden Bremsen eingebaut, die den GAU verhindern sollen.

Trotz allem darf man der Aktie noch für viele Jahre eine rosige Zukunft prophezeien. Anleger mit langem Atem werden auch in Zukunft mit ihr eine bessere Verzinsung als mit konkurrierenden Geldanlagen erzielen. Und die Tage nach Kursstürzen sind die beste weil billigste Zeit für Einsteiger. Der Grund für solchen Optimismus mag für manchen befremdlich klingen: Das Geld muß weg. Ja, haben wir denn zuviel? Ja, aber natürlich nicht alle.

Liest man die Kommentare und Prognosen der Börsengu-rus, erfährt man eine Menge über den Zusammenhang zwischen dem Zinsniveau, dem Ertrag festverzinslicher Anleihen und den Aktienkursen. Wenn die Banken die Einlagen schlecht verzinsen und auch die Erträge der Festverzinslichen unattraktiv werden, suchen die Anleger einen besseren Hafen für ihr Geld.

Ein anderer, langfristig vielleicht noch wichtigerer Zusammenhang wird kaum je erwähnt: Die westlichen Industriestaaten erfreuen sich zwar einer Konjunktur, und viele Unternehmen machen erfreuliche Gewinne, aber die Investitionen lassen zu wünschen übrig. Ein erheblicher Teil der Gewinne, welche die Unternehmen derzeiteinfahren, wird nämlich erzielt, indem sie billiger produzieren. Billiger heißt rationeller. Rationeller heißt mit mehr Maschinen und Energie und weniger Menschen. Da Maschinen keine Konsumenten sind, aber immer mehr Menschen arbeitslos machen, wächst der Konsum nicht so, wie er wachsen müßte, wenn die Unternehmen die Möglichkeit haben sollen, das verdiente Geld gewinnversprechend zu investieren.

Wenn die Arbeitslosigkeit steigt und die Löhne der Arbeitenden stagnieren, stagniert eben auch die Massenkaufkraft. Deshalb suchen alle ihr Heil im Export in die wenigen Wachstumsmärkte. Zugleich ist der Geldwert so stabil wie schon lange nicht mehr. In den Zeiten der Inflation wurde ein Teil der Gewinne von der Geldentwertung aufgefressen, das ist nun nicht mehr der Fall. Daher stehen für Rationalisierungsinvestitionen größere Mittel zur Verfügung als je zuvor.

In Zeiten wie diesen stecken selbst gewinnträchtige Unternehmen einen erheblichen Teil des verdienten Geldes nicht in neue Produktionsstätten, sondern investieren es an der Börse. Der bestverdienende Schweizer Pharmamulti, Hoffmann LaRoche, erzielte in manchen Jahren ein Drittel seiner Gewinne nicht im operativen Geschäft, sondern mit Finanzspekulationen; der deutsche Konzern mit der größten Mitarbeiterzahl, Siemens, sogar zwei Drittel.

Man kann also ohne Gefahr zu übertreiben sagen, daß der Aktienmarkt die Rolle eines Ausgleichsgefäßes spielt, in dem Geld verschwindet, das anderenfalls wahrscheinlich auf den Geldmarkt drücken würde. Und daß wir nicht zuletzt dem Börsengeschehen die niedrigen Inflationsraten verdanken, über die sich derzeit alle freuen, die Geld haben, während die Schuldner stöhnen (ob Entwicklungsländer oder einzelne), weil eine starke Geldentwertung ihre Schulden verringern würde.

Dabei haben Crashs auch eine gute Seite: Sie vernichten das Geld derer, die Russisches Roulette gespielt haben. Sie brechen wieder einmal der Erkenntnis Bahn, daß Spekulation stets ein Risiko bedeutet. Die Spieler gehen unter, die seriösen Anleger bleiben übrig.

Eine Gefahr, die den Aktienwerten allerdings langfristig tatsächlich droht, ist derzeit noch nicht aktuell, kann aber, wenn wir so weitermachen, eines Tages zuschlagen. Dieses realistische Katastrophenszenario sieht so aus: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Kaufkraft in den alten Industriestaaten sinkt, zugleich läuft sich die Konjunktur der jetzigen Wachstumsmärkte tot. Die Erträge der Unternehmen lassen nach, und selbst solche, auf die sich die Börsen bisher verlassen konnten, geraten in Schwierigkeiten. Nun beginnt man tatsächlich zu fragen, in welchem Verhältnis der materielle Wert der Anlagen, Grundstücke und Reserven der Unternehmen im Falle eines Falles zu ihrem Börsenwert steht. Solange sie florierten, war dieses Verhältnis ziemlich uninteressant. Nun ist der Vertrauensverlust da, der Sinkflug beginnt.

Vertrauen ist an der Börse alles. Die Gewinnausschüttung eines Unternehmens macht den Besitz der Aktie nicht interessant, sie ist bloß von größter Wichtigkeit für das Vertrauen, welches das Unternehmen an der Börse genießt. Und damit für den Kurs. Darum machen die Anleger solchen Druck auf die Unternehmen, höhere Gewinne zu erzielen, was heute meist bedeutet, Leute hinauszuwerfen. Zu den

Größten unter den Großanlegern zählen die Versicherungsgesellschaften. Daher wird jeder Angestellte, der eine Lebensversicherung abschließt, zum Aktionär und erhöht, ohne es zu wollen, den Druck auf dem Arbeitsmarkt, der auch ihn selbst gefährdet.

Dies spricht nicht gegen die Börse als notwendige und nützliche Institution. Sie ist nicht die Krankheit, sondern zeigt das Fieber an. Sie kann nichts dafür, daß Arbeitsplatzvernichtung das Nebeneinander von öffentlicher Armut und privatem Reichtum verschärft (dieser Satz von John Kenneth Galbraith gilt heute mehr denn je). Sie kann nichts für einen Zeitgeist, der Brutalität belohnt und Solidarität verachtet. Sie ist nur sein Werkzeug.

Sollte der Markt dereinst nicht die umweltvernichtenden Wölfe, sondern die ökologischen Lämmer belohnen, wird die Börse auch diesen Trend verstärken. Und wenn die Ökonomen und die auf sie hörenden Politiker einen Weg finden, der den Finsatz menschlicher Arbeit wieder lohnend macht, dann werden die Anleger auch Druck auf die Unternehmen machen, Leute anzustellen, statt sie „freizusetzen”.

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