7116344-1996_17_03.jpg
Digital In Arbeit

Kranksein wird bald unerschwinglich sein

DIeFurche: Wie sehen Sie die Situation im Gesundheitswesen? Klara MotteR: Das ist ein Dilemma. Wir haben hier eine Milliarden -Verschuldung. Die Länder haben jetzt versucht, sich zu einigen; aber ob das gelungen ist, ist noch nicht so sicher. Außerdem betrifft diese Einigung nur einen Teilbereich, das allein ist noch keine Reform.

DIEFURCHE: Was wäre aus liberaler Sicht eine „Reform"? motter: Wir haben dafür schon viele Vorschläge gemacht. Die Zersplitterung der Spitalsfinanzierung muß beseitigt werden. Sozialministerium, Gesundheitsministerium, Länder, und dann noch die Krankenkassen ... Hier müßte eine Zuordnung entweder zum Gesundheits- oder zum Sozialministerium erfolgen. Uberhaupt brauchen wir ein Ministerium mit Kompetenzen. Ein zahnloses Gesundheitsministerium kann keine Reform schaffen.

DIEFüRCHE: Dazu wäre eine Verfassungsänderung nötig ... MO'ITER: Wir ändern so oft die Verfassung. Da wäre es einmal sinnvoll. Auf Länderebene müßte es zentrale Finanzierungsstellen geben, daran (ist jetzt gedacht. Weiters eine Limitierung der Gesamtmittel, aber ohne Sparen am Patienten. Die Abteilungen müßten selbst wirtschaften können. Weitere Ansatzpunkte: der Großgeräte- und Spitalsplan, da könnten Mehrfachausgaben vermieden werden. Umwandlung eines Teiles der Akutbetten in Pflegebetten mit billigeren Tagessätzen. Anwesenheitspflicht der Primarärzte in ihren Abteilungen. Ausgliederung der nichtmedizinischen Leistungen aus den Krankenanstalten. Und vor allem: Man muß ja nicht unbedingt ins Spital, wenn dieselbe Leistung auch von einem niedergelassenen Arzt erbracht werden kann. Selbstbefyalte im ambulanten Spitalsbereich wären vorstellbar. Durch einen verstärkten Ausbau der „Gesundheits- und Sozi-alsprengel" bei den Gemeinden, die sich um ärztliche Betreuung und Pflege kümmern, könnten die Spitäler entlastet werden - in Vorarlberg funktioniert das schon.

DIEFüRCHE: Wie stehen die Liberalen zur bestehenden Pflichtversicherung? motter: Wir treten für eine Freigabe der Versicherungsmöglichkeiten ein. Wenn der Bürger selbst seine Krankenkasse wählen könnte, würde endlich leistungsorientierter gearbeitet werden.

DIEFüRCHE: Werden Beitragserhöhungen nötig sein? motter: Sie werden wahrscheinlich kommen. Worauf es aber ankommt, ist die umfassende Sanierung ohne Leistungseinschränkung für den Patienten. So, wie es jetzt geschieht, immer nur einzelne Punkte herauszupicken und dann gleich nach höheren Beiträgen zu rufen, wird es nicht weitergehen. Die Reform wird kommen müssen, sobald die Leute nicht mehr bereit sind, immer höhere Beiträge zu zahlen.

DIEFüRCHE: Sind die Krankenkassen noch zu retten?

alois PüMBERGER: Notwendig sind Bationalisierungen, Bürokratieabbau, Personaleinspamngen. Und wenn schon Leistungen gekürzt werden, muß man dem Zwangsversicherten die Möglichkeiten geben, auszutreten und die Versicherung zu wechseln. Es müßte auch private Versicherungsmöglichkeiten geben wie in Deutschland.

DIEFÜRCHE: Bis jetzt gibt es aber von privaten Fersicherungen gar kein entsprechendes Angebot... PÜMBERGER: Es gibt über 600 Versicherungen im europäischen Markt, da würden sich schon Anbieter finden. In Deutschland gibt es schon Bündelversicherungen, zur Zusatzversicherung wird auch gleich die Grundversicherung angeboten. Zum Beispiel wäre dann auch eine Versicherung mit freiwilligem Selbstbehalt möglich, ähnlich wie bei der Kfz-Kaskoversicherung. Wenn der Versicherte bereit ist, einen betraglich festgesetzten Selbstbehalt, zum Beispiel 20.000 Schilling pro Jahr, zu übernehmen, zahlt er weniger Prämie. Aber solange es das bestehende System mit der gesetzlichen Versicherung gibt, sind wir gegen jede Erhöhung und gegen neue Selbstbehalte.

dieFurche:

Sie sind selbst Arzt Wie stehen Sie zu Überlegungen, auch bei niedergelas-

senen Ärzten zu sparen3 pümberger: Man wird dort zu sparen anfangen, mit der Folge, daß der Strom in die Spitäler noch stärker wird. Selbst um den Tagsatz in einem billigen Landspital von 3.600 Schilling könnte der Patient jahrelang vom Hausarzt behandelt werden, bei 350 Schilling pro Krankenschein, also pro Quartal. Oder die bezahlte Nachtdienst-Bereitschaft: In Oberösterreich haben wir das durchgesetzt, mußten aber dafür kämpfen wie die Löwen. Wenn der Kranke in der Nacht keinen Arzt erreicht, muß er eben ins Spital, und der durchschnittliche Spitalsaufenthalt kostet 47.000 Schilling.

dieFurche: Also keine Entlastung der Spitäler in Sicht3 pümberger: Im Gegenteil. Die am 1. April in Kraft getretenen Ökonomierichtlinien des Hauptverbandes mit ihren neuen Limitierungen und Pauschalierungen und der Ausweitung der Chefarztpflichten ist ganz arg; und das Gruppenpraxen-Gesetz ist gestorben, bevor es beschlossen wurde. Es wird durch die für Gruppenpraxen vorgesehenen Honorarrichtlinien und durch die 53. ASVG-Novelle ad absurdum geführt. Dabei könnten hier wirklich die Spitalsambulanzen entlastet werden, bei echter „Chancengleichheit" für den Patienten. Ein Facharzt-Schein kostet 600 bis 700 Schilling, dieselbe Leistung in der Spitalsambulanz kostet mindestens das Dreifache. Die notwendige Strukturreform - weg vom teuren Spitalsaufenthalt, -hin zum niedergelassenen Bereich - ist nicht einmal in Ansätzen erkennbar.

dieFurche: Die Krankenkassen stecken in einem Dilemma ... Theresia Haiülmayr: Dieses Dilemma ist nicht von heute auf morgen entstanden. Viele Ausgaben wurden gemacht, wo man sich fragen muß, ob das sinnvoll ist. Jemand bekommt nach einer Meniskusoperation eine Schiene, die auf jedes Bein paßt, und hat sie nachher zu Hause im Kasten liegen. Warum gibt es das nicht als Leihgabe? Ich selbst habe schon versucht, der Kasse sparen zu helfen, indem ich mir meinen Rollstuhl zu einem wesentlich billigeren Preis selbst besorge. Geht nicht, war die Antwort. Er muß bei dem Bandagisten gekauft werden, der mit der Kasse einen Vertrag hat. Da ist alles einzementiert. Und jetzt ist es soweit, daß die Kassen nur mehr Einheitsrollstühle um 8.000 Schilling zahlen wollen, und daß Querschnittgelähmten die Betteinlagen gestrichen werden, weil sie angeblich „nicht zum Schutz des Körpers, sondern zum Schutz der Bettwäsche" dienen!

dieFurche: Wird es zu Beitragserhöhungen kommen3 haidlmayr: Sicher. Man kann nur hoffen, daß nicht die Prozentsätze erhöht werden, sondern die Bemessungsgrundlage, denn sonst werden wieder die Ärmsten am härtesten getroffen. Auf jeden Fall wird der Patient zur Kasse gebeten werden. Irgendwann wird man sich Kranksein nicht mehr leisten können, das heißt, man wird erst zum Arzt gehen, wenn die Krankheit schon akut ist -dann sind aber die Behandlungskosten noch höher.

dieFurche: Die Spitalsreform war aber doch ein erster Schritt ... haiülmayr: Das schon, aber die Spitalsreform ist kein Allheilmittel. Da wären zahlreiche Begleitgesetze nötig, und ein Leistungskatalog. Vor allem müßte die Wahrheit der Diagnose sichergestellt werden. Der Arzt könnte doch „Lungenentzündung" statt „Bronchitis" hinschreiben, damit mehr bezahlt wird ... Wenn man dann eine genaue Aufschlüsselung des Bechnungsbetrages verlangt, heißt es, das sei „zuviel Bürokratie".

dieFurche: Könnte ein Ausbau der Hauskrankenpflege das Gesundheitswesen entlasten3

Hauii.mayr: Das wäre sehr wichtig. Aber die „Gesundheitssprengel" funktionieren in der Praxis nicht. Ich war zehn Jahre lang Leiterin eines ambulanten Betreuungsdienstes. Wenn jemand nach einem Spitalsaufenthalt eine Betreuung wollte, hat die Bürokratie oft wochenlang gedauert, bis dahin war der Patient schon gesund. Die ambulanten Dienste leiden außerdem unter akutem Personalmangel. Unbedingt nötig wäre eine Aufwertung der Hausärzte. Hier kann man nicht sparen. Auch die Gruppenpraxen müssen gefördert werden. Warum muß man zu einer Durchuntersuchung ins Spital? Das ginge doch auch ambulant.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau