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„Links“ und „Rechts“ in Spanien

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62, in Deutschland 58, in Frankreich 44 und in der Schweiz 73 Prozent des schwedischen Preises. Das gesamte Preisniveau liegt in Deutschland um zehn Prozent, in England um 13 Prozent und in Holland um 30 Prozent unter dem schwedischen Durchschnitt. In der Schweiz liegt es nach dieser Berechnung um drei Prozent höher.

Der Gesamtvergleich erscheint zweifellos für Schweden günstig. Hier muß jedoch beachtet werden, daß die Produktivität pro Angestellten in allen Zweigen der Industrie

beträchtlich über dem Durchschnitt liegt. Betrachten wir hier nur die Lage im Schiffbau. Die Produktion einer Bruttotonne kostet in England 1729, in Frankreich 1349, in Deutschland 1252, in Norwegen 1053, in Italien 1022, in Japan 794 und in Schweden — 647 Kronen! Der schwedische Werftarbeiter, der um 40 Prozent mehr verdient als der deutsche, muß dafür um 100 Prozent mehr leisten 1

Fürsorge und Schulen

Alle diese Zahlenangaben sind korrekt; mit ihrer Hilfe kommt man der Wahrheit näher, aber sie geben ebenso zweifellos noch kein richtiges Bild des wahrhaftigen schwedischen, Lebensstandards; man denke nur an die Schwierigkeit, Waren gleicher Qualität zu finden. Und zu alldem kommen nun noch die Sozialleistungen der Arbeitgeber und des Staates.

Seit 1. Jänner 1963 ist in Schweden ein Gesetz über die „Allgemeine Versicherung“ in Kraft, in dem alle Bestimmungen über die Krankenfürsorge, die Invaliditäts- und die Altersfürsorge zusammengefaßt sind. Die Krankenfürsorge ist etwa die gleiche wie in den mitteleuropäischen Ländern, nur daß in Schweden höchsten drei Viertel der Arztkosten ersetzt werden und auch bei den Medikamenten ein Kostenbeitrag von 50 Prozent vorgeschrieben ist. Außerdem müssen die Arztrechnungen vom Patienten selbst bezahlt werden, der dann gegen Vorlage der Bestätigung einen Teil des Betrages zurückerhält.

Die allgemeine Volkspension wird Jedem Staatsbürger gewährt, der das 67. Lebensjahr erreicht hat; sie beträgt nun 3400 Kronen für Alleinstehende und wird alljährlich dem Preisniveau angepaßt. Während des Jahres 1964 können auch 1899 geborene Staatsbürger die vorzeitige Pensionierung beantragen; sie erhalten jedoch dann für alle Zukunft eine um 15 Prozent verminderte Pension. Anderseits erhöht sich die Rente beim Warten über das 67. Lebensjahr hinaus um 0,6 Prozent für jeden Monat. Ähnliche Bestimmungen gelten für die Zusatzpension, deren Prämien von den Arbeitgebern bezahlt werden. Beide Pen-

sionen zusammen sollen nach der notwendigen Übergangszeit dem Pensionär zwei Drittel seines Einkommens in seinen „fünfzehn besten Jahren“ geben.

Zum schon erwähnten Kinderbeitrag kommen noch Kinderpensionen für Halb- und Vollwaisen von 1000 bis 1400 Kronen jährlich und die Kinderrente von 15 Prozent der Rente des verstorbenen Vaters. Die Witwe erhält 35 Prozent dieser Rente.

Bei Staatseinnahmen von (berechneten) 19,8 Milliarden Kronen für

das laufende Haushaltsjahr sind für Sozialausgaben des Staates heuer 5,27 Milliarden Kronen vorgesehen. Dazu kommen noch gewisse Sozialleistungen der Gemeinden.

In den schwedischen Grundschulen und einem Teil der Mittelschu-

len erhalten die Schüler alle Lehrmittel gratis, ebenso eine Schulmahlzeit täglich, sofern sie dies wünschen; diese Neuerung bekommt angesichts der Tatsache, daß viele Frauen im Arbeitsleben stehen, steigende Bedeutung. Für Kinder — doch nicht für Erwachsene — ist auch die Zahnbehandlung in den staatlichen Zahnkliniken frei.

Bei der Parlamentseröffnung im Jänner wurde die Einführung von Studienhilfen für alle Besucher von Hochschulen, Mittelschulen und Fachschulen angekündigt; sie sollen zwischen 75 und 250 Kronen monatlich betragen, kommen erstmalig auch jenen Schülern zugute, die nur die Grundschule besucht haben und bedeuten verbesserte Studienmöglichkeiten für 240.000 Studierende. Bei gleicher Gelegenheit wurde die Erhöhung der Sozialausgaben um 878 Millionen Kronen, auf 6,48 Milliarden -Kronen, angekündigt.

Familienfeindlich — wie in Österreich!

Mit allem Recht fragen nun kritische Beobachter, ob es hier denn gar keine vernachlässigten Bevölkerungsschichten gibt Die Antwort lautet: ja. So sinkt der Lebensstandard in Familien mit Kindern,

in denen nur der Mann erwerbstätig ist, stark unter den Durchschnitt ab. Es gibt keine Kinderzulagen zu den Löhnen, und die Besteuerung nimmt auf die Anzahl der Kinder keine Rücksicht. Die Umstellung auf Verbrauchssteuern trifft diese Familien, die das ganze Einkommen zur Bestreitung der Lebenskosten verwenden müssen, besonders hart. Nur wenn die Frau und Mutter der Kinder ebenfalls eine Anstellung annimmt, verbessert sich die Finanzlage bis in die Nähe des Durchschnitts. Doch dann entstehen auch neue, schwer lösbare Probleme: die Erziehung und Überwachung der Kinder! Die Frau im Haushalt und Erzieherin der Kinder ist von den Gesetzgebern bisher vergessen worden. Erst in der allerletzten Zeit gibt man auch auf Regierungsseite — und auf Seiten der Arbeiterpartei — zu, daß hier ein großes Versäumnis gutzumachen ist. Tage Erlander erwähnte kürzlich die Möglichkeit der Einführung eines staatlichen „Erziehungsbeitrages“ für solche Hausfrauen; man nennt in der Diskussion Summen von 3000 bis 5000 Kronen jährlich, die künftig die Ökonomie der hart kämpfenden Familien mit Kindern verbessern sollen,

Da lob' ich meinen Staat

Zu all dem kommt noch eine positive Erscheinung, die außerhalb Skandinaviens ziemlich unbekannt, für das „gesellschaftliche Klima“ Schwedens aber von größter Bedeutung ist: Der schwedische Bürger hat zu seinem Staat ein sehr positives Verhältnis; er schimpft häufig auf die Regierung und besonders auf den Finanzminister, kommt es jedoch zu einer Kritik von Ausländern, dann stellt er sich fast ausnahmslos vor seine Regierung und

verteidigt sogar die Steuerpolitik, die ihn ein Drittel oder mehr seines Einkommens kostet! Man hat die schweren wirtschaftlichen Notzeiten nicht vergessen, schätzt den Fortschritt, den man erzielt hat, die demokratischen Rechte und vor allem das Bekenntnis zu einer bündnisfreien Außenpolitik, von der man hofft, daß sie dem Land den Frieden erhalten wird. Das ist wohl der wesentlichste Unterschied zwischen Schweden und anderen Staaten.

Die jüngsten Unruhen in Spanien — hauptsächlich in Madrid, Barcelona, Saragossa und Sevilla — *varen eine .Mischung aus Studen-* hAaltf un etnstlicher-pdlitiseWr Be-* unruhigung. Die Teilnehmer daran waren zum größten Teil Studenten, zum anderen Arbeiter verschiedenster Tendenz, der katholischen „Arbeiterbruderschaften“, dissidenter Falangegruppen, Sozialisten, Anarchisten, Kommunisten, und gewiß befanden sich unter ihnen auch berufsmäßige Agitatoren und vielleicht selbst Provokateure. Irgendein Vergleich der Ereignisse mit den Vorfällen auf Zypern oder selbst nur mit den Prügeleien zwischen Studenten und Polizei In Paris wäre grundfalsch. Hier war alles ungleich harmloser, die Zahl der Leichtverletzten gering, die der Verhafteten soll bei 50 liegen, und hätte sich all das in einer Demokratie ereignet, wäre man mit einem Achselzucken darüber hinweggegangen. In einer

Diktatur haben Unzufriedenheitskundgebungen aber ein ganz anderes spezifisches Gewicht.

Mfchi><^z$ten Iii IV&nÄesttnten

Der Grund, warum die Manifestanten in Spanien relativ ruhig waren und keinen Augenblick das Regime in Gefahr brachten, wurde jedem Augenzeugen klar: Bei den meisten Zusammenstößen war nämlich die Zahl der Polizisten größer als die der Demonstranten. Rechnet man noch hinzu, daß um alle größeren Städte ein Ring von Kasernen liegt, so versteht man, warum in den kommenden Wochen das Regime darangehen kann, die „25 Jahre Frieden und Ordnung“ unter Francos Regierung in kolossalem Ausmaß zu feiern.

Genau dagegen aber, daß die Ruhe in diesem Land erzwungen und nicht organisch ist, manifestierten die Unzufriedenen in erster Linie. Ein Sturmzeichen?

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