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Lug und Trug im Nadelstreif

Eine Studie zur Wirtschaftskriminalität in Österreich ergab, dass 46 Prozent der Unternehmen bereits Opfer waren.

Über die Leichtgläubigkeit mancher Leute kann sich Maximilian Burger-Scheidlin nur wundern. Vor allem, wenn es um eine angebliche wundersame Geldvermehrungen geht, lassen sich viele vom schönen Schein locken. Und verlieren dabei Unsummen, berichtet der Spezialist für das Thema Wirtschaftskriminalität und Leiter der Internationale Handelskammer (ICC) Österreich. Wie etwa der österreichische Selfmade-Millionär, der einem Angebot aus dem Ausland nicht widerstehen konnte. Ein paar Millionen Euro könne er zu äußerst günstigen Konditionen anlegen, hieß es. Der versprochene Zinssatz betrug 34 Prozent - monatlich. Zur Absicherung zeigten ihm seine Geschäftspartner eine angebliche Bankgarantie. Gegen den Rat von Burger-Scheidlin, einem Wirtschaftstreuhänder und einem Bankbeamten legte der gutgläubige Wiener dann immerhin fünf Millionen Euro an. Die waren natürlich weg. Samt Geschäftspartnern.

Geldanlagebetrügereien wie diese seien eine der häufigsten Formen der Wirtschaftskriminalität in Österreich, erklärt der ICC-Leiter. Zusammen mit Korruption, beispielsweise bei der Auftragsvergabe, und firmeninternen Betrügereien. Eine Umfrage unter den 500 größten österreichischen Unternehmen, durchgeführt von dem internationalen Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG, ergab nun, dass beinahe jedes zweite befragte Unternehmen innerhalb der vergangenen fünf Jahre Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen wurde. Je größer das Unternehmen, desto häufiger waren die Vorfälle. So waren 63 Prozent der Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern betroffen. Zwei Drittel der Täter kamen dabei aus dem Unternehmen selbst, 13 Prozent der Delikte wurden von Managern verübt. Die langten offenbar meist ordentlich zu: Sie waren für 43 Prozent der Schäden verantwortlich. Am "beliebtesten" bei den Tätern: Diebstahl sowie Bilanz- und Rechnungsfälschungen. Den Verlust, der durch Wirtschaftskriminalität in Österreich jährlich entsteht, beziffert die Studie mit 1,2 Milliarden Euro. Auffällig dabei: Nur 44 Prozent der befragten Unternehmen zeigten die Täter an. KPMG-Studienautor Peter Humer: "Den Geschädigten geht es vor allem um wirtschaftliche Wiedergutmachung. Und die ist schwierig, wenn die Täter im Gefängnis sitzen."

Was Burger-Scheidlin nur für einen Teil der Wahrheit hält. Er kann selbst diesen geringen Prozentsatz an Anzeigen nicht so recht glauben: "Bei der Umfrage haben mit Sicherheit hauptsächlich die Unternehmen geantwortet, die eine weiße Weste haben", ist er überzeugt. Dagegen werde bei den Unternehmen, die selbst in kriminelle Handlungen wie Korruption oder ähnliches verwickelt seien, aus Angst vor polizeilichen Untersuchungen kaum ein Mitarbeiter angezeigt. Auch von den Geldanlagebetrügereien komme nur ein Bruchteil an die Öffentlichkeit, vermutet Burger-Scheidlin. "Ein großer Teil solcher Geschäfte wird mit Geld gemacht, das an der Steuer vorbei verdient wurde. Da würde man sich ja selbst anschwärzen, wenn man so einen Fall anzeigt." Die ICC schätzt daher, dass höchstens zehn Prozent aller Delikte zur Anzeige gebracht werden. Und dass der wahre Schaden in Österreich bis zu zehn Milliarden Euro jährlich betrage. Tendenz steigend.

Beizukommen sei firmeninterner Kriminalität nur durch eine Unternehmenskultur, die Mitarbeiter zu Partner mache, sind sich Studienautor Humer und ICC-Leiter Burger-Scheidlin einig. Wer sich mit dem Unternehmen und dessen Zielen identifiziere, sei weniger anfällig für Gaunereien, die der Firma schaden. In Bezug auf ungeliebte Arbeitgeber seien dagegen Wirtshäuser nach Dienstschluss eine Quelle der Inspiration für Erpresser und Betriebsspione. "Man muss nur genau zuhören, was manche Angestellte nach ein paar Bier am Stammtisch über ihre Firma erzählen. Dann lädt man sie zum Essen ein und plaudert ein bisschen, schon hat man alle nötigen Informationen, um der Firma zu schaden", erzählt Burger-Scheidlin. Und bei Delikten wie Geldanlagebetrügereien? "Hier hilft nur weitreichende Aufklärung", ist er sicher. Damit bei fragwürdigen Millionengeschäften eher die Alarmglocken der Anleger als die Geldbeutel der Betrüger klingeln.

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