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Lust am Scheitern

Verbaute Chancen: Offizielle Proklamationen sind eine Sache, urbanistische Realität eine andere.

Was hat denn flexible Frameworks eigentlich mit Berlin zu tun?" fragte Joseph Paul Kleihues, ehemaliger Chef der Internationalen Bauausstellung und einer der Berliner Oberbaumeister unschuldig in einem Interview, um gleich darauf klarzustellen, dass dies doch als angelsächsischer Urbanismusansatz direkt und ungeprüft zu verwerfen sei. Im selben Atemzug forderte er die planerische Oberleitung für die frisch vereinte deutsche Hauptstadt doch eher in die Hände einiger auserwählter Stadtbaumeister zu legen, die dann alle weiteren Entscheidungen allein treffen würden. Damit war der Kampf um Berlins architektonische Zukunft eröffnet.

Eben hatte eine Investorengruppe um Daimler Chrysler, Metro und Sony das Gelände am Potsdamer Platz erworben, einen Masterplan vom britischen Stararchitekten Richard Rogers erstellen lassen und damit das Land Berlin als neue Hauptstadt unter Zugzwang gebracht, sich schnell für ein neues Bild in der Öffentlichkeit zu entscheiden. Ohne lange zu zögern wurde dies dann auch gefunden: die Rekonstruktion des städtischen Idealbildes des 19. Jahrhunderts schien hervorragend geeignet, um ein einheitliches neues Bild der Hauptstadt in die Welt zu tragen. Eine Reihung von geschlossenen Häuserblöcken, 22 m hoch, mit einheitlichen Lochfassaden, Straßen und öffentlichen Plätzen basierend auf dem Stadtgrundriss von 1890.

Dieses neu gefundene Leitbild wurde im darauf stattfindenden Wettbewerb mit solcher Macht durchgesetzt, dass Rem Koolhaas, Jurymitglied und immerhin einer der renommiertesten Architekten der Welt, Berlin unter Protest verließ und der Stadt in einem offenen Brief vorwarf: "Berlin wurde genau in dem Moment Hauptstadt, in dem sie politisch, ideologisch und künstlerisch am wenigsten dazu in der Lage war." Der Siegerentwurf des Münchener Büros Hilmer und Sattler war eine Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses mit einem Pflichtanteil von 20% Terrakotta an den öffentlichen Fassaden aller Gebäude. Was hat Berlin eigentlich mit Terrakotta zu tun?

Das war 1991. Seit dem ist viel passiert in Berlin, oder vielleicht sollte man besser sagen, seit dem ist nichts passiert in Berlin.

Zugegeben, der Potsdamer Platz war die größte Baustelle Europas und wurde in einer imposanten logistischen Geste mit computergesteuerten Schwimmbaggern aus dem Nichts gezaubert. Eigens dafür errichtete Beton- und Stahlbiegewerke, eine illustre Schar internationaler Architekten und jede Menge Pressearbeit stellten sicher, dass Berlins Prestigeprojekt rechtzeitig und auf die richtige Weise gewürdigt fertiggestellt wurde. Und die Berliner?

Mit einiger Verwunderung kann man heute feststellen, dass die Kraft von Mac Donald's, einigen Kinocentern und einer Einkaufspassage auch in diesem neuen Jahrtausend doch immerhin ausreicht, um dieses seltsame Gebilde von zu groß geratenen Gründerzeithochhäusern mit Touristen und - ja, auch mit Berlinern zu füllen, aber ein städtischer Platz ist dabei nicht so recht entstanden. Letztendlich ist es doch eher eine Art Downtown geworden mit einigen, wenn auch zu kleinen Hochhäusern für das Berliner Selbstwertgefühl und zu guter Letzt ist es wohl doch Aldi zu verdanken, dass wieder einiges Leben an den einst verkehrsreichsten Platz Europas zurückgekehrt ist, obwohl die Berliner Politik genau das so verzweifelt zu verhindern versucht hat.

Nicht viel besser ist es der Friedrichstraße ergangen. Während die Debatte um Traufhöhe, parzellierte Blöcke und Stein- oder Glasfassaden immer dogmatischere Züge annahm, und sich ein Herr Lampugnani nicht zu schade war, öffentlich mit der ihm auferlegten Bürde zu kokettieren, die unerhörte Komplexität des Entwurfs einer steinernen Lochfassade zu meistern, die doch durch das ökonomisch vorgegebene Stützraster der Tiefgarage definiert war, wurden urbanistische Realitäten geschaffen, die allem widersprachen, was offiziell proklamiert wurde. Auf den Häuserblock pochend wurde die gesamte Friedrichstraße doch eher als einzelnes Gebäude geplant. Um mit öffentlich behaupteten 22.000 Quadratmetern die erneut größte Baustelle Europas zu werden, mussten schon alle drei Blocks unterirdisch zusammengefasst werden. Das Ergebnis ist eine mehr als fragwürdige neue Bautypologie: 3-4 Untergeschoße, die bei dem hohen Berliner Grundwasserstand schon fast ein Drittel der Baukosten für die Grubenabdichtung verschlingen. Dazu zwei Ladengeschoße und vier Büroetagen, die mit zwei zurückgesetzten Wohngeschoßen garniert sind. Macht zusammen zwölf Stockwerke, also eigentlich zur Hälfte in den Boden eingegrabene Hochhäuser, die zwar nach außen hin das Bild der historischen Stadt widerspiegeln, funktional und urbanistisch aber doch nichts anderes sind als eine Shoppingmall amerikanischen Ursprungs mit ausgestorbenen Straßen nach Ladenschluss.

Betrachtet man rückblickend die letzten zehn Jahre, so ist die Enttäuschung darüber nicht zu verbergen, was aus Berlins beispielloser Situation Anfang der 90er Jahre geworden ist. Alle nationalen und internationalen Denkansätze, die-se seltsame Kombination von Baulücken und riesigen Flächen unbebauten Raumes mitten im Stadtgebiet als Qualität zu begreifen und genau daraus neue urbanistische Ansätze für die Zukunft zu entwickeln, wurde von Seiten der Baupolitik unterdrückt. In einer enormen Kraftanstrengung wurde gebaut, was das Zeug hält - eine Kraftanstrengung, die nun schon ein wenig seltsam anmutet, wenn man bedenkt, dass wir mit mehr als zwei Millionen Quadratmetern leerstehender Bürofläche jetzt nichts anderes erreicht haben, als diese Brachen mit Natursteinfassaden zu umbauen. Ziel der gesamten Bauaktivität scheint einzig zu sein, schnellstmöglich alle sichtbaren Spuren von Krieg und Teilung auszulöschen, um jeden Preis.

Vor dem Hintergrund der Debatte um die Blockstrukturen ist das gerade fertig gestellte Regierungsviertel als roher, skulpturaler Gebäudekörper zumindest architektonisch schon eher eine Befreiung. Sicherlich ist es etwas zu groß geraten, was seinen Proportionen nicht unbedingt zugute kommt, in seiner Materialität und als städtebauliche Figur ist es jedoch durchaus gelungen. Ob die Entscheidung, im 20. Jahrhundert einen Regierungssitz mit all seinen Sicherheitsanforderungen mitten in ein Stadtzentrum zu setzen besonders glücklich war, wird sich noch zeigen müssen. Berlin hat eben auch das Recht, bekannte Fehler anderer Hauptstädte zu wiederholen.

Eines scheint heute besonders angesichts der desolaten wirtschaftlichen Lage Berlins jedoch eindeutig: Eine Wende in der Stadtentwicklung ist mehr als überfällig. Die Rekonstruktion hat nicht geschafft, die ideologische Sehnsucht nach einer intakten Stadt in die Realität umzusetzen und damit den Verdacht bestätigt, dass die Debatte über Fassaden und Blockraster obsolet ist, wenn den sozialen Realitäten nicht Rechnung getragen wird.

Das Festhalten an einem hochideologischen, einheitlichen Leitbild für Berlin lässt sich nicht nur nicht umsetzen, es negiert sogar die vorhanden Qualitäten der Stadt, denn ohne Zweifel hat Berlin den Weg zur Metropole geschafft, aber die Architektur hat daran leider keinen Anteil. Im Gegenteil, als einzige der Berliner Künste ist sie durch und durch provinziell. Wenn heute in der Welt eine Faszination von Berlin ausgeht, und immer noch junge Menschen in die Hauptstadt ziehen, dann ist es hauptsächlich das Berlin-typische Nischendasein, in dem Musik und Clubkultur, Kunst und Bohème, aber auch ein neues recht eigenwilliges Firmengründertum ihren Platz finden.

Ironischerweise fokussiert die internationale Wahrnehmung von Berlin in den Kunst-, Kultur- und Lifestylemagazinen fast ausschließlich auf die Hinterlassenschaften der offiziell so ungeliebten DDR-Architektur, dem virulenten Treiben auf den immer noch vorhandenen Industriebrachen und den nicht modernisierten Gewerbehöfen.

Sollte Berlin am Ende damit etwas zu tun haben?

Der Autor ist Architekt und Mediengestalter sowie Mitbegründer des "chateauSM. Labor für Rhibozomatik und Gratinologie". (www.chateausm.org)

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