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Milliarden für die Abwasserentsorgung

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Bei der Abwasserentsorgung hinkt Osterreich im EU-Vergleich nach. Zwar werden die notwendigen Investitionen viel kosten, sie werden aber auch viele Dauerjobs schaffen.

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Bei der Abwasserentsorgung hinkt Osterreich im EU-Vergleich nach. Zwar werden die notwendigen Investitionen viel kosten, sie werden aber auch viele Dauerjobs schaffen.

Bereits im kommenden Frühjahr wird mit dem Bau der Verbandskläranlage für acht bur-genländische Großgemeinden, darunter Rust und Mörbisch, begonnen. Der Vollbetrieb der Anlage ist mit Jahresbeginn 2000 geplant. Ein Teil des 320-Millionen-Schilling-Projek-tes wird aus EU-Mitteln finanziert. Der Obmann des „Reinhaltungsverbandes Region Neusiedler See Westufer” und der Bürgermeister von Purbach, Franz Steindl, betont, daß die bestehenden Kläranlagen der Gemeinden stark veraltet seien. „Nach monatelangen Planungen haben wir uns entschlossen, die Finzelanlagen nicht zu sanieren. Dafür bauen wir eine Großkläranlage.” Die Vorteile: geringe Betriebskosten von jährlich elf Millionen Schilling (bei acht Einzelanlagen: 20 Millionen Schilling) und ein niedriger Errichtungsbeitrag. „Die Gemeinden müssen sich anstatt dem üblichen 60-Prozent-Zuschuß lediglich mit 35 Prozent an der Finanzierung beteiligen”, erklärt Steindl.

Der Siedlungswasserbau boomt in Österreich wie nie zuvor. Er sichert der Baubranche in den nächsten Jahren einen Milliardenmarkt, der Bevölkerung Tausende Arbeitsplätze und sauberes Wasser. Die Bedeutung einer funktionierenden Wasserwirtschaft spiegelt sich im Investitionsvolumen der Gemeinden und der Industrie wider. 1994 gaben die österreichischen Gemeinden 25 Milliarden für Wasserver- und Abwasserentsorgung aus (14 Prozent ihrer gesamten Ausgaben). Davon fielen 6,5 Milliarden auf die Wasserversorgung und 18,5 Milliarden auf die Abwasserreinigung. Die Industrie wendete im selben Jahr rund sechs Milliarden Schilling für die Wasserentsorgung auf (4,4 Prozent der Industrieinvestitionen).

Die immense Bautätigkeit hat einen einfachen Grund: Österreich hat alle Hände voll zu tun, um die Bicht-linien der EU zu erfüllen. Sie verpflichtet ihre Mitgliedsstaaten, für geschlossene Siedlungsgebiete von 2.000 bis 15.000 Einwohnern bis zum Jahr 2006 eine Kanalisation mit biologischer Abwasserbehandlung zu errichten. Für Orte mit mehr als 15.000 Einwohnern läuft die Frist schon am 31. Dezember 2000 aus. Brüssel achtet sorgfältig auf die Einhaltung der Vorgaben. Alle drei Jahre müssen die Mitgliedsländer einen detaillierten Bericht über den Ausbaugrad ihrer Abwasserreinigungsanlagen abliefern.

Osterreich hinkt nach

Österreich schneidet im EU-Vergleich schlecht ab und liegt an achter Stelle. Während bei uns 72 Prozent der Wohnbevölkerung an Kläranlagen angeschlossen sind, ist man anderswo schon viel weiter. An erster Stelle liegt Dänemark mit 98 Prozent, in Großbritannien sind es 87 Prozent und in Deutschland 86 Prozent. Nur in Südeuropa sind die Werte noch schlechter als bei uns. In Italien sind 61 Prozent der Bevölkerung ans Kanalnetz angeschlossen, in Spanien erst 59 Prozent. Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer will daher alles tun, um Österreichs Standard zu heben. Er plant, den Ausbaugrad der Reinigungsanlagen bis 2007 auf 80 bis 85 Prozent der Wohnbevölkerung zu erhöhen. 100 Milliarden Schilling wird man für die Erschließung neuer Gebiete, 30 Milliarden für die Errichtung von Kläranlagen und 20 Milliarden für Klärschlammbehandlungsanlagen aufbringen müssen. Gemeinsam mit den Landeshauptleuten hat der Minister eine Prioritätenliste erstellt, wo das Kanalnetz in den nächsten Jahren erweitert wird.

Während die Entsorgung in den Städten und Ballungsgebieten bereits zügig vorangeschritten und teilweise sogar abgeschlossen ist, stehen jetzt die dünn besiedelten ländlichen Gebiete auf dem Programm. Dort reißt der gesetzlich vorgeschriebene Kanalbau tiefe Löcher in die Gemeindebudgets. In kleinen Orten hängen fast alle Schulden damit zusammen, betragen doch die Produktionskosten für die Abwasserentsorgung 3.600 bis 4.700 Schilling pro angeschlossenem Einwohner. Hinzu kommen jährlich 580 Schilling pro Bürger für die Betriebskosten. Von diesem Betrag fließen 100 Schilling in die Fj-haltung des Leitungssystems und 480 in die Abwasserreinigung und Schlammbehandlung. Da die Gemeinden nur einen Bruchteil des Geldes durch die Einhebung von Gebühren zurückbekommen, wären sie ohne großzügige Bundesförderung im Schnitt 42 Prozent der Kosten - längst in einem finanziellen Desaster gelandet.

Da in Streusiedlungen kilometerlange Kanalleitungen und Pumpwerke viel zu teuer kommen, faßt man dort die Abwässer nicht in einer Verbandskläranlage zusammen. Fmige Firmen bieten als Alternative zu Großkläranlagen sehr kompakte, vollbiologische Tauchkörper- oder Belebtschlammanlagen an. Sie sind für die Abwasserentsorgung von sechs bis 20 Personen angelegt und nur wenige Quadratmeter groß. Die vorgefertigten Anlagen eignen sich auch für den Einbau in schwierigem Gelände, sind leicht zu transportieren und werden am Einsatzort einfach eingegraben. Sichtbar ist nur ein kleines Wartungshaus. Aufgrund des geringen Energiebedarfs ist nicht einmal eine Stromversorgung notwendig. Ihre weiteren Pluspunkte: geringe Betriebskosten und Überwachung per Computer.

Seit einigen Jahren sind auch Pflanzenkläranlagen auf dem Markt. Sie leiten die Abwässer in ein mit ausgewählten Sumpfpflanzen besetztes F euchtgebiet zur Beinigung. Ihre Kosten belaufen sich auf 25.000 bis 80.000 Schilling. Ihr Vorteil: In herkömmlichen Anlagen setzen sich die aus dem Abwasser gefilterten Schwermetalle im Schlamm ab, was eine meist kostenintensive Schlammbehandlung erfordert. Bei Pflan-zenkläranlagen legen sich die Schwermetalle dagegen im Wurzelraum der Pflanzen fest und stellen keine weitere Belastung dar. Auch wenn dieses Verfahren inzwischen technisch etabliert ist und landesweit gefördert wird, haben sich bislang nur wenige Gemeinden und Haushalte dafür entschieden.

Pflanzenkläranlagen

Adolf Weixlbaum von der Niederösterreichischen Wasserschutzwacht ist zuversichtlich, daß die Nachfrage nach Pflanzenkläranlagen steigen wird: „In anderen Ländern ist man schon viel weiter. In Österreich legt sich vor allem die Kanalbaulobby quer, weil sie Umsatzeinbußen befürchtet.”

Die Förderung des Siedlungswasserbaus ist nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen wichtig. Sie schafft Tausende Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft. Eine Modellrechnung von Michael Kosz, Professor für Infrastrukturpolitik an der Technischen Universität Wien, zeigt den positiven Beschäftigungseffekt: Bei Ausgaben für die Abwasserreinigung von einer Milliarde Schilling sind durchschnittlich 1.600 Arbeitsplätze zu erwarten. Im Vergleich: Ausgaben für den privaten Konsum in der Höhe von einer Milliarde Schilling bringen nur 700 Arbeitsplätze.

„Gleichbleibende jährliche Ausgaben für die Wasserver- und Abwasserentsorgung von 25 Milliarden Schilling bedeuten insgesamt 37.400 Dauerjobs”, faßt Kosz das Ergebnis seiner Untersuchung zusammen. „Oft wird die Siedlungswasserwirtschaft nur hinsichtlich der immensen Kosten beurteilt. Der Siedlungswasserbau ist eine enorm wichtige Investition, die sich langfristig auf jeden Fall lohnt. Und zwar nicht nur für die Bauwirtschaft.”

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