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Mobilität: Ein bedrohliches Tabu

Beim Äpfeleinkauf im Supermarkt: Beim Auspacken des ersten Apfels stelle ich fest, daß er ein Pickerl mit der Herkunftsbezeichnung Neuseeland trägt. Neuseeland! Ein Apfel reist um die halbe Welt und konkurriert in Wien erfolgreich mit einheimischer Ware ...

Ahnlich ist es mit Blumen aus Kolumbien, Holz aus Chile, mit Spielzeug aus Korea, Erdöl aus Saudi-Arabien, Getreide aus den USA. Die Ent wicklung der Weltwirtschaft hat ein bisher unbekanntes Maß an Mobilität der Güter hervorgerufen. Flugzeuge, Züge, Schiffe, Autos und eine wachsende Flotte von Lkws sind billig unterwegs, um Güter und Menschen kreuz und quer über Kontinente und Weltmeere zu befördern. Urlaubsreisen in ferne Länder sind längst kein Privileg der Elite mehr, Entfernungen von -zig Kilometern kein Hindernis auf dem täglichen Weg zur Arbeit.

Daß diese Verkehrsexplosion die Umwelt belastet, ist mittlerweile jedermann klar. Sie verbraucht viel Energie (ein Pkw in drei Minuten Betrieb so viel wie ein Mensch in 24 Stunden), erzeugt Lärm, Staub und Abgase (siehe Seite 14). In Osterreich ist jede fünfte Wohnung lärmbelastet. In 80 Prozent der Fälle ist der Verkehr schuld daran.

Der motorisierte Individualver-kehr und der Lkw-Verktehr gerieten besonders ins Kreuzfeuer der Kritik (siehe FURCHE 16/1994). Seit rund zwei Jahrzehnten gibt es daher eine Auseinandersetzung zwischen Umweltschützern und Vertretern der Wirtschaft, die für den weiteren Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und eine stärkere Motorisierung eintreten. Besonders heftig sind die Konfrontationen in den Ballungszentren und an

Redaktionelle Gestaltung: Christof Gaspari

Durch den Verkehr werden zwar Distanzen überbrückt, aber räumliche Unterschiede eingeebnet. So kommt das Besondere unter die Räder. den Hauptschlagadern des Verkehrs (etwa Inn- und Wipptal, siehe FüRCHK 16/1996). Das Auto, insbesondere der Lkw, wurde zum Umweltfeind Nummer eins. Vielen erschien der Umstieg vom umweltbelastenden Individual-auf den umweltverträglicheren Schienen- und Binnenschiffsverkehr die Lösung des Problems zu sein.

Diese Debatte ist nicht spurlos am Geschehen vorbeigegangen. Die Autoindustrie hat technische Entwicklungen zur Verringerung der Umweltbelastung ihrer Fahrzeuge forciert (weniger Verbrauch, weniger Abgase, weniger Lärm, siehe Seite 16). Die Bahnen wurden reorganisiert, das rollende Material modernisiert, das Schienennetz mit großem Aufwand erweitert, die Abwicklung des Frachtverkehrs verbessert ... Allein, der erhoffte Umstieg fand nicht statt.

Die Straße nimmt weiterhin einen wachsenden Anteil des weiterhin steigenden Verkehrs auf. Eine Verkehrsprognose für Österreich (aus 1995) rechnet mit dem Anhalten des Trends: Der Anteil des Pkw an der Personenbeförderung soll von derzeit 63 Prozent auf 65,5 im Jahr 2020 steigen - und Jas bei einer Zunahme des Gesamtverkehrs um 23 Prozent. Ähnlich ist die Prognose für den Lastenverkehr: Anstieg beim Lkw (von 54 auf 59 Prozent) und sinkende Anteile der Bahn (von 41 auf 35,5 Prozent). Auch hier sei angemerkt, daß mit einem starken Anstieg (43 Prozent) des Güterverkehrs gerechnet wird.

So verbessert sich zwar die Fahrzeugtechnik, dafür aber ufert der

Straßenverkehr aus. Das Patentrezept Umstieg auf die Schiene bewährt sich vor allem deswegen nicht, weil es politisch nicht forciert wird (siehe Seite 15). Die Verkehrspolitik setzt keine neuen Akzente. Im Gegenteil: Vom Ausbau der Verkehrsinfrastruktur erwartet man sich Konjunkturbelebung und neue Arbeitsplätze. In der EU soll das Autobahnnetz (vor allem Richtung Osten) um tausende Kilometer erweitert und das Hochgeschwindigkeitsnetz der Bahn auf über 15.000 Kilometer erweitert werden.

Der Verkehr gilt nach wie vor als Uebenselixier modernen Wirtschaftens. Und damit sind wir am Kern des Problems Mobilität und Umwelt angelangt. Mobilität wird als positives Ziel schlechthin angesehen. Beweglich zu sein, keine starren Positionen einzunehmen, Strukturen zu verändern, Neues aufzusuchen, all das wird in unserer Gesellschaft positiv bewertet und gefördert.

Denn die Industriegesellschaft ist auf Veränderung angelegt, auf Fortschritt. Ihr erklärtes Ziel ist es, vorgegebene Zwänge zu beseitigen, Freiraum für Entscheidungen zu öffnen, mehr Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten. Zu neuen Ufern aufbrechen, heißt die Parole, Begrenzungen hinter sich lassen. Das Auto symoblisiert diese Freiheit, ein Image, das die Werbung liebevoll pflegt.

Dieser Aufbruch, der in der räumlichen Mobilität seinen Ausdruck findet, gerät zwangsläufig in Konflikt mit der Umwelt. Denn Umweltprobleme treten überall dort auf, wo nicht auf die Besonderheiten eines Umfeldes Rücksicht genommen wird.

Mit der Forcierung der Mobilität, dem Verfrachten von Menschen und Gütern über hunderte und tausende Kilometer ist die mangelnde Rücksichtnahme auf örtliche Gegebenheiten, also die Zerstörung der Umwelt, vorprogrammiert. Dann geraten Produktionsbedingungen, die unter ganz unterschiedlichen Rahmenbedingungen funktionieren müssen, in Konkurrenz. All jene, die unter schwierigeren Verhältnissen produzieren, setzen Techniken ein, die sie vom Umfeld möglichst unabhängig machen, was gleichbedeutend mit Umweltbelastung ist. Und jene die unter günstigen Bedingungen erzeugen, neigen dazu, ihre Möglichkeiten bis über die Grenzen des Zuträglichen hinaus auszuweiten, um Anteile an den scheinbar grenzenlosen Märkten zu gewinnen.

Eine Politik, die das Entstehen des' Weltmarktes für alle Produkte forciert, ist zwangsläufig umweltzerstörend - und zwar umweltzerstörend in einem umfassenden Sinn. Zerstört werden bei diesem Konzept, das die Mobilität vorantreibt, nicht nur die natürlichen Besonderheiten, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Diese verdanken ihre historisch gewachsene Gestalt ja meist ihrer optimalen Anpassung an ihr jeweils gegebenes natürliches Umfeld.

Die Mobilität aber begünstigt Großstrakturen, die ihre Konzepte nach der rein betriebswirtschaftlichen Rationalität entwerfen und imstande sind, diese auch weitgehend ungehindert von äußeren Bedingungen durchzuziehen.

Die kleinräumig konzipierte Wirtschaft kann auf die kleinräumig auftretenden Besonderheiten der Umwelt Bücksicht nehmen, sie - und damit unsere natürliche und soziale Umwelt - gerät aber unter die Räder der global agierenden Einheiten. Ihr nivellierender Einfluß ist nicht zu übersehen: weltweite Expansion der gleichen Zweckbauten (Supermärkte an den Stadträndern, Tankstellen, Flughäfen, Versicherungs- und Rankenhochhäuser ...), weltweit dieselben Tierrassen, Getreide- und Äpfelsorten, dieselben Insektizide und Futtermittel, Toyota, McDonalds, Benetton, Club Med, „Fast food” und Jeans ... Die von der überzogenen Mobilität von Gütern, Ideen und Menschen hervorgerufene Uniformierung gefährdet die Erhaltung der Umwelt, die nur in der Vielfalt unser Überleben auf Dauer sicherstellen kann.

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