Mobiltelefon - © Foto: iStock / Damir Khabirov

Mobiltelefone: Unsere Identitäts-Verwahrer

1945 1960 1980 2000 2020

Die Telefonnummer, ein Relikt aus der Analogzeit, ist zum Identifikationsstandard im digitalen Zeitalter geworden. Das ist praktisch und problematisch zugleich.

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Die Telefonnummer, ein Relikt aus der Analogzeit, ist zum Identifikationsstandard im digitalen Zeitalter geworden. Das ist praktisch und problematisch zugleich.

Als um das Jahr 1880 in den USA und Europa die ersten Telefone in Betrieb gingen, gab es noch keine Telefonnummern. Der Anrufer stellte per Kurbel oder Knopfdruck an seinem Apparat eine Verbindung zur Telefonzentrale her und gab an, wen er gerne sprechen möchte. Eine Telefonistin stöpselte dann die Kabel an der Schalttafel zusammen und stellte so eine Verbindung her. Was für ein Service! Kommunikation war damals noch echte Handarbeit. Mitunter musste man ein paar Stunden warten, wenn es gerade kein freies Loch gab. Weil es kaum „Abonnenten“ gab – nur ein paar Hundert Haushalte konnten sich damals überhaupt einen Telefonanschluss leisten –, brauchte man zunächst auch keine Nummern. Ihre Einführung verdankt sich einem pandemischen Hintergrund.

Maserntelefonie

1879 grassierten in dem amerikanischen Städtchen Lowell die Masern. Weil es damals noch keinen Impfstoff gab und in der Telefonzentrale nur vier Leute arbeiteten, war das Kommunikationssystem bedroht. Wie sollten Anrufer verbunden werden, wenn die Telefonisten erkrankten und ausfielen? Dann wäre Funkstille. Der Arzt Moses Greeley Parker hatte daher eine ebenso simple wie geniale Idee: Die Telekommunikationsanbieter sollten den rund 200 Abonnenten der Stadt eine vierstellige Nummer zuweisen. Wenn ein Abonnent in der Zentrale anrief, musste er nur die Nummer des Angerufenen nennen. Der Mitarbeiter musste dann nicht mehr schauen, wo ein Lämpchen aufleuchtete, sondern konnte einfach „durchstellen“. Das System hatte den Vorteil, dass Telefonisten schneller eingelernt und im Fall einer Erkrankung ersetzt werden konnten.

Als um das Jahr 1880 in den USA und Europa die ersten Telefone in Betrieb gingen, gab es noch keine Telefonnummern. Der Anrufer stellte per Kurbel oder Knopfdruck an seinem Apparat eine Verbindung zur Telefonzentrale her und gab an, wen er gerne sprechen möchte. Eine Telefonistin stöpselte dann die Kabel an der Schalttafel zusammen und stellte so eine Verbindung her. Was für ein Service! Kommunikation war damals noch echte Handarbeit. Mitunter musste man ein paar Stunden warten, wenn es gerade kein freies Loch gab. Weil es kaum „Abonnenten“ gab – nur ein paar Hundert Haushalte konnten sich damals überhaupt einen Telefonanschluss leisten –, brauchte man zunächst auch keine Nummern. Ihre Einführung verdankt sich einem pandemischen Hintergrund.

Maserntelefonie

1879 grassierten in dem amerikanischen Städtchen Lowell die Masern. Weil es damals noch keinen Impfstoff gab und in der Telefonzentrale nur vier Leute arbeiteten, war das Kommunikationssystem bedroht. Wie sollten Anrufer verbunden werden, wenn die Telefonisten erkrankten und ausfielen? Dann wäre Funkstille. Der Arzt Moses Greeley Parker hatte daher eine ebenso simple wie geniale Idee: Die Telekommunikationsanbieter sollten den rund 200 Abonnenten der Stadt eine vierstellige Nummer zuweisen. Wenn ein Abonnent in der Zentrale anrief, musste er nur die Nummer des Angerufenen nennen. Der Mitarbeiter musste dann nicht mehr schauen, wo ein Lämpchen aufleuchtete, sondern konnte einfach „durchstellen“. Das System hatte den Vorteil, dass Telefonisten schneller eingelernt und im Fall einer Erkrankung ersetzt werden konnten.

Mithilfe der Mobilnummer könnten Cyberkriminelle auch ohne das Gerät Textnachrichten empfangen und TANs für Online-Überweisungen abgreifen.

Die Telefonnummer sollte sich rasch als neuer Kommunikationsstandard etablieren. Obwohl sie anfangs gar nicht gut ankam, wie der Autor Ammon Shea in seinem Buch „The Phone Book“ schreibt: „Die meisten Leute waren der Meinung, dass die Abonnenten ihre Telefone früher oder später abgeben würden, als sich der Unwürde, von einer Nummer identifiziert zu werden, zu unterwerfen.“ Heute gibt es nach Angaben der Internationalen Fernmelde­union (ITU) rund 914 Millionen Festnetznummern auf der Welt. Vor allem die Zahl der Mobilfunknummern ist mit dem Siegeszug von Smartphones in den vergangenen Jahren exponentiell gestiegen: auf weltweit neun Milliarden.

Die Telefonnummer, ein Anachronismus aus der Analogzeit, ist zur zentralen ID in der digitalen Gesellschaft geworden, noch wichtiger als die Reisepassnummer: Man braucht sie in Onlineshops, in sozialen Netzwerken oder Messengerdiensten. So kann man sich bei Facebook wahlweise mit seiner E-Mail-Adresse oder Telefonnummer anmelden. Ohne Handynummer kann man in der Audio-App „Clubhouse“ schon gar nicht mehr mitreden. Ohne Nummer kein Anschluss. Das heißt: Die Telefonnummer erfüllt einen ganz anderen Zweck als den, für den sie ursprünglich geschaffen wurde. Und das ist ein Problem.

Aussagekräftige Ziffernkombination

Gerade weil die Telefonnummer nicht mehr nur an eine Leitung in einem Gebäude gekoppelt, sondern mit zahlreichen anderen Diensten verknüpft ist, sagt sie zum Teil mehr über eine Person aus als ihr Vor- und Zuname. Mit etwas Geschick ist in Datenbanken herauszufinden, wo man wohnt, wie die Familienmitglieder heißen, wie viel Steuern man bezahlt, wo man überall hingereist ist und ob man einen Eintrag im Strafregister hat. Wenn früher eine Telefonnummer in die falschen Hände geriet, wurde man schlimmstenfalls Opfer von Telefon­terror. Heute ist die ganze Identität bedroht.

In der Vergangenheit haben Cyberkriminelle neben E-Mail-Adressen, Passnummern und Kreditkartendaten auch immer wieder Telefonnummern erbeuten können, die dann im Darknet für ein paar Dollar verhökert wurden. Erst vor Kurzem sind Telefonnummern und weitere personenbezogene Daten von 533 Millionen Facebook-Nutzern im Internet aufgetaucht – darunter auch die Handynummer von Mark Zuckerberg.
Cybersicherheitsexperten sehen die Entwicklung mit Sorge. Denn die Daten lassen sich nicht nur für unerwünschte Telefonwerbung nutzen. Mithilfe der Mobilnummer könnten Cyberkriminelle auch ohne das Gerät online Textnachrichten empfangen und beispielsweise TANs für Online-Überweisungen abgreifen, wenn der Versand per SMS erfolgt.

Mobilfunknummern stellen nicht nur ein Sicherheitsrisiko dar, sondern auch eine Gefahr für die Privatsphäre. Wer in der populären Plauder-App „Clubhouse“ Kontakte einladen will, muss Zugriff auf sein Telefonbuch erlauben. Man sieht etwa, welcher seiner Kontakte wie viele Freunde in „Clubhouse“ hat. Dass Telefondaten ausgelesen und gespeichert werden, sehen Datenschützer kritisch. Pikant: In dem Netzwerk sind auch einige Spitzenpolitiker unterwegs, deren Handynummern womöglich auf irgendeinem US-Server landen. Dass der amerikanische Geheimdienst NSA unter anderem auch die Handynummer von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgriff, scheint längst in Vergessenheit geraten zu sein.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Kein Anschluss ohne Nummer" in FURCHE 16/2021

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