Motivation - © Pixabay
Wirtschaft

"Motivation ist nicht immer alles"

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Der Arbeits- und Organisationspsychologe Christian Korunka über positive Aspekte der Vertrauensarbeitszeit auf Betriebsklima und Motivation.

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Der Arbeits- und Organisationspsychologe Christian Korunka über positive Aspekte der Vertrauensarbeitszeit auf Betriebsklima und Motivation.

Professor Christian Korunka leitet den Arbeitsbereich für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Er spricht sich im Gespräch mit der FURCHE für eine Ausweitung der Vertrauensarbeitszeit aus und argumentiert, weshalb ihr die Zukunft gehört.

DIE FURCHE: Das neue Arbeitszeitgesetz sorgte vor dem Inkrafttreten im September 2018 für heftige verbale Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Was hat dieses Ihrer Meinung nach verändert?
Christian Korunka: Diese Auseinandersetzungen fanden vor allem auf einer politischen Ebene statt. Auf der einen Seite steht eine Entwicklung, die unternehmerische Werte in den Vordergrund rückt, Stichwort Neoliberalismus; auf der anderen Seite die sozialen Errungenschaften in der Arbeitswelt seit der Industriellen Revolution. Wir stehen in einer Entwicklungsphase, in der die lange selbstverständlichen sozialen Errungenschaften wie etwa die 40-Stunden-Woche oder die umfassende soziale Absicherung, von den politischen Entwicklungen in vielen Ländern in Frage gestellt werden.

DIE FURCHE: Die Vertrauensarbeitszeit ist im Kommen. Welche positiven Aspekte können sie diesem Modell abgewinnen?
Korunka: Vertrauensarbeitszeit sehe ich als eine positive Entwicklung im Rahmen der vorhandenen Arbeitszeitmodelle, ganz einfac,h weil das Vertrauen dabei im Vordergrund steht. Vertrauen bedeutet auch immer Vertrauensvorschuss, den in diesem Fall das Unternehmen bzw. die Führungskräfte den Mitarbeiter entgegenbringen. Wenn Vertrauen entgegengebracht wird, steigt das Vertrauen insgesamt, das bestätigen zahlreiche Studien. Gleichzeitig sinkt das Misstrauen, das Klima verbessert sich, Motivation und Leistung steigen. Freizeit und Arbeit können bei einem flexiblen Arbeitszeitmodell ebenfalls besser miteinander vereinbart werden. Auch nehmen flexible Modelle besser auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht: Morgenmenschen arbeiten etwa in der Früh, Abendmenschen am Abend besser.

DIE FURCHE: Motivation ist nicht alles. Sehen Sie in dieser Entwicklung auch Nachteile?
Korunka: Studien belegen gleichzeitig, dass hochmotivierte Mitarbeiter eher zu viel arbeiten und sich selbst auch auspowern können. Die Qualität des Arbeitslebens kann dann sinken.

DIE FURCHE: Was sehen Sie auf Firmen zukommen?
Korunka: Bei hoher zeitlicher Flexibilität kann es zu Abstimmungsproblemen kommen. Überlegt werden muss beispielsweise, wann welche Mitarbeiter da sind und wann sich etwa ein Team zu einer Besprechung treffen kann. Die Koordination wird daher meist etwas herausfordernder. Mitarbeiter müssen sich den Arbeitstag auch eigenständig einteilen, was ebenfalls eine zusätzliche Herausforderung sein kann. Früher war vieles oft einfacher: Arbeitnehmer waren in der Arbeit genau von „nine to five“ und nicht länger.

DIE FURCHE: Was wünschen sich Arbeitnehmer heute?
Korunka: Zentrale Grundbedürfnisse von Menschen sind Autonomie und Entscheidungsfreiheit. Wir wollen aber auch unsere Kompetenzen und Fähigkeiten gut in der Arbeit einsetzen. Ebenso wünschen wir uns soziale Einbindung und Sicherheit. Zahlreiche neuere Studien bestätigen, dass hochwertige Arbeitsplätze diese Grundbedürfnisse erfüllen können und dies zu positiven Effekten führt. Mitarbeiter, die sich in einer Firma wohlfühlen, arbeiten effizient, motiviert und sind im Endeffekt auch produktiv und erfolgreich.

DIE FURCHE: Weshalb ist die Vertrauensarbeitszeit in vielen Firmen noch nicht angekommen?
Korunka: Bei vielen derartigen Entwicklungen gibt es Vorreiter, die mit gutem Beispiel vorangehen – das gilt natürlich auch bei der Vertrauensarbeitszeit. Erfolgreiche Arbeitgeber sind heute flexibel und setzen dieses Arbeitszeitmodell ein. Diese Flexibilität wird auch von einer jüngeren Generation von Mitarbeitern vermehrt eingefordert. Auch gibt es natürlich Führungskräfte, die solchen Neuerungen sehr aufgeschlossen gegen­überstehen.

DIE FURCHE: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser?
Korunka: Dieses Zitat wird meiner Meinung nach meist falsch interpretiert: Kontrolle heißt nicht nur kontrollieren, sondern vor allem auch, den Mitarbeitern Rückmeldung zu geben, Leistung anzuerkennen und zu würdigen. Blindes Vertrauen ist aber genauso schlecht wie Überkontrolle. Die Ausgewogenheit zwischen Kontrolle und Vertrauen ist entscheidend.

DIE FURCHE: Homeoffice oder mobiles Arbeiten - wohin wird sich die Arbeitswelt in der Zukunft entwickeln?
Korunka: Die Arbeitswelt befindet sich allgemein in einem starken Wandel. Die Erreichbarkeit der Mitarbeiter wird immer wichtiger. Noch weiter zunehmen wird das so genannte hochmobile Arbeiten, das Mitarbeitern ermöglicht, sich überall mit dem Firmennetzwerk zu verbinden, Mails abzurufen und auch an Videokonferenzen teilzunehmen.