Muss denn Wissen nützlich sein?

Wie das Spannungsfeld zwischen Wissen, Wissens-Werten und Wertschöpfung

aufgelöst wird, ist maßgeblich für den Stand unserer Kultur.

Wenn ich immer wüsste, was ich suche, hätte ich noch selten etwas gefunden", sagt Josef Hader alias Kommissar Brenner in der Verfilmung des Klerikal-Krimis "Silentium" von Wolf Haas. Treffender kann man den kreativen Prozess kaum beschreiben. Das Paradoxon der Innovation besteht nun einmal darin, dass sie zwar zunächst auf bestehendem Wissen gründet, dann aber die Wissenselemente neu kombiniert. Dennoch erfolgt die Suche nicht ziellos. Meist gibt es ein Bild davon, wie das Suchergebnis ausschauen könnte. Wissenschaftler entwerfen schöpferische Gedankengebäude, die zu neuen Begrifflichkeiten führen, aber auch wirtschaftliche Innovationen folgen Entwürfen von informierten Bildern einer Zukunft, die dann auf den konkreten Pfaden der Produkt-und Prozessinnovation umgesetzt werden.

Information für alle

Zur Vermessung und Beschreitung dieser Pfade stehen uns heute nie gekannte Daten-und Informationsmengen zur Verfügung. In digitalisierter Form stellen die wichtigsten Bibliotheken der Welt ihre Wissensbestände bereit. In progressiv zunehmenden Verarbeitungsgeschwindigkeiten lassen sich bisher für unüberwindlich gehaltene wissenschaftliche Grenzen übersteigen. Nie zuvor wurde schöpferische Neugier mit einer solchen Fülle von Auskünften belohnt, waren Suchprozesse so produktiv, globale wissenschaftliche Kooperationen so aussichtsreich.

Das Internet hat sich schneller als jedes andere Massenmedium durchgesetzt und wurde zum Katalysator einer Globalisierung - nicht nur der Information, sondern auch neuer arbeitsteiliger Wertschöpfungsketten. Es hat eine einheitliche, global zugängliche Benutzeroberfläche für ein Kommunikations-und Informationsmedium geschaffen, das die schönsten Träume der Aufklärung übertrifft: Enzyklopädien, an deren Perfektionierung rund um die Uhr kollektiv gearbeitet wird, Zugänglichkeit von Informationen für alle, auch in den entferntesten Gegenden, Potenziale der Emanzipation nicht-urbanisierter Lebensräume, dezentrale Artikulationsmöglichkeiten, privat-publizistische Plattformen - eine Welt-Gemeinschaft in Klick-Distanz.

Was sind Wissens-Werte?

Hermann Hesses Erkenntnis, dass man Wissen mitteilen kann, Weisheit aber nicht, führt von den bis zur Erschöpfung unerschöpflichen Quellen und Speichern des Wissens zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Was müssen wir wissen - nicht um im Millionenquiz zu bestehen, sondern im Leben selbst? Welche sind die Wissens-Werte, auf die wir unsere jeweils sozial-und berufsspezifischen Wissensgebäude bauen?

Ist die Wissensgesellschaft, wie die Informationsgesellschaft oft euphorisch auch genannt wird, in der Lage, auch jene Quellen der Ver-Gewisserung offenzuhalten, an denen der Wissensdurst gestillt wird, oder sind die diesbezüglichen Quellenangaben längst

unter dem Wust der Informationen aus zweiter Hand verschüttet? "Wahres Wissen erwirbt man durch verstehendes Aneignen. Wissen ist immer auch subjektiv" (Konrad Paul Liessmann). Dieser Vorgang der individuellen Aneignung ist unverzichtbar, wenn Lernen gelingen und Neugier wachgehalten werden soll.

Woher sollten all die in den Personalfragebögen geforderten "social skills" kommen, wenn nicht aus

einem mit Persönlichkeitsbildung untrennbar verschränkten Wissenserwerb? Und woraus Standfestigkeit und Mut zu vorurteilsfreiem Denken, wenn nicht auf der Grundlage von Eigenständigkeit durch eben jenes verstehende Aneignen?

Eigenständige Urteilskraft und Trittsicherheit im Sozialen ist nicht nur angesichts der in fast allen beruflichen Bewährungsfeldern geforderten Flexibilität geradezu überlebensnotwendig. Sie liefert auch das geeignete Rüstzeug für den Umgang mit immer rascherer Entwertung von Wissensbeständen. Die technologiebedingte Überalterung von Wissens-und Kapitalbeständen hat nie gekannte Dimensionen angenommen. Dazu kommt die Neuordnung der ökonomischen Kräfteparallelogramme nach der Implosion der ehemaligen kommunistischen Staatswirtschaften. Um diesen Wandel zu bewältigen, müssen wir auf dauerhafte geistig-emotionale Besitzstände und Wissens-Werte zurückgreifen können.

Es geht dabei um bewusste Auswahl, um Schneisen für Persönlichkeitsbildung und eigenständige Wege zum Wissen im Überangebot von Information, um Spam-Filter gegen uns überfordernde Medienwirklichkeiten. Ein Scheitern dieser Bemühungen inmitten einer richtungslosen, in Beliebigkeit entgleitenden Moderne würde in einem Zustand

des "rasenden Stillstands" (Hartmut Rosa) münden, der letztlich lähmend auf die Erneuerungskräfte einer Gesellschaft wirkt. Friedrich Schiller, der Aufklärer und "Erfinder des deutschen Idealismus" (Rüdiger Safranski), kritisierte erstaunlicherweise schon die Moderne seiner Zeit als eine Kultur, die allzu sehr unter dem Diktat der Nützlichkeit steht. Er kritisiert sie als geschlossenes System der Zweckrationalität und der instrumentellen Vernunft, in der es keinen Sinn mehr für die schöne Zwecklosigkeit gäbe. Eine ähnliche Kritik richtet sich heute gegen die Überbetonung der Marktkräfte und Orientierung an Geld-Werten im Sinne eines einseitig verstandenen Shareholder-Value.

Dem stellt Schiller einen eindrücklichen Gestaltungsauftrag gegenüber, den er in einem Brief an Wilhelm von Humboldt so umschreibt: "Am Ende würden wir uns schämen, uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten und nicht wir die Dinge." Ein Appell mit erstaunlicher Aktualität. Immerhin werden die Marktkräfte in der Meinung des medialen Mainstreams als so wirkungsmächtig eingeschätzt, dass kaum mehr Möglichkeiten offen bleiben, "die Dinge zu formen". Es liegt mir fern, die Wirkungsmacht einer Wettbewerbswirtschaft unterschätzen zu wollen. Unter den entsprechenden Voraussetzungen (Rechtsstaat, Demokratie) und Rahmenbedingungen (Wettbewerbspolitik, Spielregeln für soziale, ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit) gibt es kein leistungsfähigeres System zur Entfaltung der wirtschaftlichen Potenziale aller Marktteilnehmer, zur Zuordnung knapper Ressourcen und zur Schaffung von Wohlstand für eine möglichst große Zahl von Menschen. Die "spontane Ordnung" ist darin allen Versuchen einer planvollen Feinsteuerung unterlegen.

Primat der Politik

Aber, und dieser Akzentunterschied scheint mir entscheidend: Wir haben doch auf systemischer Ebene die Verantwortung dafür, "die Dinge zu formen". Weil wir Ergebnisverantwortung für die Resultate marktwirtschaftlicher Dynamik zu tragen haben, gibt es gerade auch in Zeiten globalisierter Märkte ein "Primat der Politik". Dies gilt für den Bereich der finanzmarktpolitischen Spielregeln ebenso wie für internationale Energie-und Verkehrspolitik oder etwa Gesundheits-und Bildungspolitik.

Wenn in Österreich und Europa Lebens-und Gesellschaftsmodelle geglückt sind, die eine im Geschichtsvergleich einzigartige Qualität aufweisen, dann ist dies nicht zuletzt einem immer noch vitalen Bestand an Wissens-Werten zu verdanken, mit denen ein bis heute tragfähiges demokratiepolitisches, soziales und ökologisches Wirtschaftsmodell fundiert wurde. Ihr Kernbestand leitet sich aus "Jenseits von Angebot und Nachfrage" (Wilhelm Röpke) gegründeten Glaubens-und aufgeklärten Werteüberzeugungen ab, denen das europäische Modell sein solides ordnungspolitisches Fundament verdankt.

Wagnis der Vernunft

Heute gilt es, auf Grundlage dieser Wissen-Werte globale ordnungspolitische Positionen zu erringen. Stand in den späten Siebzigerjahren das Erzwingen ökologischer und qualitativer Standards im Mittelpunkt, geht es heute vor allem um faire Produktionsbedingungen und die Verantwortung der Unternehmen gegenüber den Menschen an prekären Standorten in Niedriglohnländern.

Es braucht also ein "Wagnis der schöpferischen Vernunft", wie es Friedrich Heer, der große Geisteswissenschafter und langjährige Leit-Publizist der Furche, beschrieben hat. Wir werden dieses Wagnis eingehen müssen, wenn wir wachsende Risiken politischer Instabilität mit unabschätzbaren Folgekosten vermeiden wollen. Die Art und Weise, wie dieses Spannungsfeld zwischen Wissen, Wissens-Werten und Wertschöpfung aufgelöst wird, ist nicht zuletzt auch maßgeblich für den Stand unserer Kultur.

Der Autor ist Generaldirektor der Investkredit Bank AG und Mitherausgeber der Furche.

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