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Digital In Arbeit

Nach Ghana, um Fahrräder zu reparieren

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Zunehmende Sensibilisierung für ökologische und soziale Probleme läßt bei vielen Urlaubern ein schlechtes Gewissen aufkommen. Der neue Trend: Urlaub machen und dabei etwas Gutes tun.

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Zunehmende Sensibilisierung für ökologische und soziale Probleme läßt bei vielen Urlaubern ein schlechtes Gewissen aufkommen. Der neue Trend: Urlaub machen und dabei etwas Gutes tun.

Haben Sie Lust, im Urlaub etwas ganz Besonderes zu tun? Für Menschen, die neugierig sind, gibt es unendlich viel Spannendes zu entdecken, zu erleben und zu tun." Mit diesem Versprechen lockt ein Hamburger Beisebüro der ganz besonderen Art. „Ferien machen und dabei die Welt retten" heißt der neue Trend. Was in den USA bereits seit 20 Jahren bekannt ist, wird nun auch in Deutschland ökologisch und sozial interessierten Menschen angeboten. Wer den Baubbau an der Natur verhindern möchte, sich gegen die Umweltverschmutzung engagiert, nicht mehr länger tatenlos dem Klimakollaps und der Ausbeutung der Dritten Welt zusehen will und auch bereit ist, dafür sogar seine Ferien zu opfern , der kann bei dem Reisebüro „Tra-vel'n Care e.V."" eine Forschungsreise buchen. Weitere Vorraussetzung: Er darf nicht knapp bei Kasse sein.

Die Idee ist einfach: Sogenannte „freiwillige Helfer" oder „Volontäre" arbeiten zusammen mit Fachleuten und Wissenschaftlern an sozialen oder ökologischen Projekten. „Sie fahren hin und helfen mit. Mit ihrem Reisegeld leisten Sie einen Beitrag,

„Einem Teil dieser Ausgabe liegt ein Prospekt des Landesverlages T

Veritas

bei. Wir danken unseren Leserinnen und Lesern für dessen Beachtung

die Existenz des Projektes abzusichern", wirbt das Prospekt von „Tra-vel'n Care e.V.", aus 100 Prozent Altpapier, versteht sich. In den Karpaten werden Wölfe beobachtet, in Ghana Fahhräder repariert, in Indien das Wasser getestet, Wälder aufgeforstet und in Indonesien kann der tauchbegeisterte Öko-Tourist die Korallenriffe erforschen. Alles für rein wissenschaftliche Zwecke.

Seit einem halben Jahr versucht Conny Sessler von „Travel'n Care e.V." gutverdienende Sinnsucher mit finanziell schwachen Ökoprojekten in Verbindung zu bringen. Allerdings will ihr das noch nicht so recht gelingen: „Es ist sehr schwierig, die Leute an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie irgendwo arbeiten sollen und dann noch dafür bezahlen müssen", erklärt sie das bisher noch eher geringe Interesse an den Projekten. Ohne finanzielle Unterstüt-zung gebe es diese Projekte aber nicht, sagt sie.

Die internationale Organisation „Earthwatch" ist da bereits wesentlich erfolgreicher. Ausgehend von den USA eröffnete „Earthwatch" bereits Büros in Australien, Japan und England. Seit kurzem ist die Organisation auch in Deutschland vertreten. „Earthwatch repräsentiert eine neue Partnerschaft zwischen Bevölkerung, Wissenschaft und Wirtschaft", preisen die durchgestylten Prospekte, ebenfalls 100 Prozent Altpapier, das Konzept. Nach eigenen Angaben ist die gemeinnützige Organisation komplett privat finanziert. 80 Prozent der Geldmittel bringen die freiwilligen Helfer auf.

Dafür können die Mitglieder im ka-ribischen Trinidad im Bahmen einer lokalen Studie eine Dokumentation über die Erderwärmung und über den Anstieg des Meeresspiegels erstellen. Oder sie untersuchen die Säuglingssterblichkeit in Zimbabwe. In Kenia werden alternative Energiequellen er-

probt. In Böhmen ist eine internationale Gruppe dem Waldsterben auf der Spur: Oder wollen Sie lieber seltene Pflanzen in den Regenwäldern Kameruns sammeln und Schildkröten vor dem Suppentopf retten?

Die Organisation erfüllt dabei gleich zwei Bedürfnisse. Zum einen wären viele ökologische, soziale und wissenschaftliche Projekte ohne finanzielle Unterstützung der freiwilligen Helfer zum Scheitern verurteilt. Die neuen Geldquellen werden von den Wissenschaftlern, die diese Projekte leiten, gerne angenommen. Nach Angaben von „Earthwatch" zählt die Organisation zu den größten privaten Förderern wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die dem Tourismuswahn entgehen möchten und mit schlechtem Gewissen aus Teneriffa oder den Malediven heimkehren. Sie wehren sich zu-nehmend gegen die Zerstörung von Naturparadiesen durch den Massentourismus und wollen im Urlaubsort auch keine Müllberge mehr hinterlassen. Da bieten Forschungsreisen, bei denen das Gefühl aufkommt, etwas Sinnvolles geleistet zu haben, eine willkommene Alternative.

Jennifer E. Firstin, Geschäftsführerin von „Earthwatch" Deutschland, lehnt den Begriff Tourismus in Zusammenhang mit ihrer Organisation vehement ab. „Wir sind kein Reisebüro. Die Freiwilligen, die bei uns mitmachen, müssen fleißig sein. Sie schlafen wenig und das Essen ist auch nicht toll. Da ist nichts Schickes dran." Die Geschäftsführerin betont, daß es auch nicht nur das Geld sei, an dem die Wissenschaftler interessiert seien. „Sie brauchen die Hilfe und Arbeitskraft von diesen Menschen, auch wenn sie keine Fachkräfte sind. Die jährlich 4.000 Freiwilligen sind aber auch be-

reit, bei den Projekten wirklich mitzuarbeiten."

So eindringlich wie die Geschäftsführerin wirbt auch das Prospekt von „Earthwatch" um Mitglieder: „Sie können auch warten, bis es zu spät ist" und: „Ob ein Forschungsprojekt stattfinden kann oder nicht, ob wichtige Erkenntnisse gewonnen werden können oder vielleicht für immer verloren gehen, ob wir die Zukunft der Erde positiv beeinflussen können, darüber entscheiden Sie mit."

Seit dem nunmehr 22jährigen Bestehen von „Earthwatch" wurden mittlerweile in 110 Ländern über 2.000 wissenschaftliche Projekte durchgeführt. Nach eigenen Angaben wurden dabei etwa 500 Millionen Schilling aufgebracht. 64 Prozent des Budgets werden direkt für die Förderung der Projekte verwendet - nachdem „eine internationale, uaabhängi-ge Kommission von Wissenschaftlern und Akademikern" geprüft hat, welche Projekte in das Programm aufgenommen werden. Alleine in diesem Jahr fördert „Earthwatch" weltweit 750 Wissenschaftlerteams.

Die finanziellen Unterstützungen, die die Volontäre zu berappen haben, sind hoch. Je nach Projekt müssen bei „Travel'n Care e.V." pro Woche zwischen 7.000 Schilling - ohne Anreise-kosten - für die Beobachtung von Wölfen in den Karpaten bis zu 35.000 Schilling (mit Anreise) für zwei Wochen für die Erforschung von Korallenriffen in Indonesien bezahlt werden. Dafür erleben die freiwilligen Helfer „Außergewöhnliches und Sinnvolles". Geschlafen wird in Block- oder Bambushütten. Kochen, Spülen und Aufräumen muß der Volontär selbst erledigen.

Noch etwas teurer wird es bei „Earthwatch". Wer zwei bis vier Wochen Arbeit investiert, muß überdies mit einem Kostenanteil von 14.000 bis 30.000 Schilling zum Gelingen eines Forschungsprojektes beitragen.

Christian Baumgartner vom Institut für integrativen Tourismus und Freizeitforschung in Wien, sieht die-

se Projekturlaube „sehr skeptisch". „Da sind teilweise Sachen dabei, wo Forschungsergebnisse wieder in der Schublade verschwinden, weil die Gruppe, die in zwei Wochen kommt, genau dasselbe noch einmal macht." Vor allem bei „herkömmlichen" Rei-sebüros werde sehr viel Schindluder mit Öko-Tourismus getrieben, meint Baumgartner. Die Anreise per Flugzeug, bei der große Mengen des Treibhausgases CÖ2 in die Luft geblasen werden oder das Abfallproblem werden dabei oft nicht berücksichtigt. Außerdem profitieren von den Touristen in den meisten Fällen die internationalen Organisationen und nicht das Reiseland selbst.

Die Autorin ist

freie Journalistin.

Hohenzollernring 29 D-2276i.Mam.burg „Earthwatch Deutschland e.V." Haus Rissen

Rissener Landstraße 193 22559 Hamburg.

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