6762820-1968_22_20.jpg
Digital In Arbeit

Nahziele und Fernziele

Das Reiseland Österreich findet beim internationalen touristischen Publikum nach wie vor ein lebhaftes Interesse — insoweit dieses von dem stets verbesserten und reichhaltigeren Angebot Österreichs Kenntnis erhält. So sind etwa die neuen prächtigen Panoramenstraßen in unseren Alpen, die bäuerlichen Erholungsdörfer, neue Seilbahnen, zahlreiche Hallenschwimmbäder und neue Hotels mit Kindergärten, Kegelbahnen, eigenen Tennisplätzen, Konferenzräumen und verschiedensten Gaststätten im Hause, bedeutende Trümpfe, die im Wettstreit der Motive um die Wahl des Urlaubsplatzes Zugkraft ausüben.

In der gegenwärtigen Situation muß sich dieses Angebot, neben einem viel umfangreicheren der Konkurrenzländer als noch vor wenigen Jahren, behaupten. Es haben nicht nur die Mittelländer, sondern auch die osteuropäischen Staaten — vor allem an der Schwarzmeerküste — ein um zehntausende Betten vergrößertes Angebot herausgebracht. Die Aufwärtsentwicklung der Flugtouristik kommt vor allem touristischen Fernzielen zugute. Österreich ist aber für seine bisherigen Hauptherkunftsländer kein eigentliches „Fernziel“, vor allem nicht für die Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland, die immer noch mit 75 Prozent aller Ausländernächtigungen in Österreich an der Spitze liegen. Der Rückgang im Reisebürogeschäft betrifft vor allem die touristischen „Nahziele“. Das hat Österreich zu der kostspieligen, aber doch wirksamen Direktwerbung um den touristischen Gast veranlaßt, die freilich ohne eine gewisse Breitenwirkung nicht richtig zum Zuge kommt.

Das vergangene Sommerhalbjahr 1967 hat gezeigt, daß auch die Aufwärtsentwicklung der Konjunktur des internationalen Tourismus nicht allein von den Leistungen der touristischen Industrie abhängt. Nicht nur Österreich, sondern auch viele andere europäische Reiseländer haben leichte Rückgänge oder eine Stagnation zu verzeichnen. Die wesentlichen Ursachen für diese Rückschläge im Tourismus sind in der wirtschaftlichen Rezession zu suchen, die in den meisten Herkunftsländern auftrat, in dem Nahostkrieg und dem noch weiter schwelenden Konflikt sowie in der britischen Ausfuhrbeschränkung für Reisedevisen. Als zusätzliche Schwierigkeiten sind besonders für Österreich die Pfundabwertung hinzugekommen und die amerikanischen Pläne, den Überseeverkehr durch Steuermaßnahmen einzuschränken. Ausgelöst wurde diese Entwicklung als Folge des Aufrufes von Präs. Johnson. Sicher aber wird eine Reduktion der Tagesausgaben erfolgen. Obwohl diese Gäste aus den USA nur wenig mehr als 3 Prozent aller Ausländernächtigungen in Österreich tätigten, so betrugen doch ihre Devisenausgaben schon rund 10 Prozent der Gesamteinnahmen Österreichs aus dem Tourismus, also eineinhalb Milliarden Schilling. Diese Tagesausgaben werden sich gewiß verringern. Sind doch schon Anfragen von Amerikanern um Übernachtungen in Privatquartieren für 1 Dollar eingelangt!

Durch die Abwertung der spanischen Peseta, gleichzeitig mit der Pfundabwertung, ist das schon bisher für den deutschen Gast attraktive Reiseziel Spanien jetzt noch billiger geworden. Das gilt ebenso für den Touristen aus den zweitwichtigsten Herkunftsländern des österreichischen Ausländerfremdenver kehrs, nämlich für Holland und England. Dennoch ist Österreich für die Touristen dieser Länder immer noch billig, sobald ihnen nur eindrucksvoll zur Kenntnis gebracht wird, was dieses Ferienland zu bieten hat. Entscheidend für die Information und für das Bild eines Landes sind jedoch vor allem die modernen Werbemittel, was durch Untersuchungen und Befragungen immer wieder bestätigt wird.

Rundfunk, Fernsehen (nun auch Farbfernsehen) und der Film, ferner die illustrierten Zeitschriften prägen zuallererst die öffentliche Meinung — • auch über die Attraktivität eines Reiselandes.

Österreich bietet diesen Werbeträgern durch seine Geschichte, seine berühmten Bauwerke, vor allem auch durch seine Komponisten und mit seiner Landschaft so viel attraktiven Stoff, daß es immer wieder möglich war, im ausländischen Fernsehen Sendungen zu lancieren, die als unbezahlte Werbung zu werten sind. Aber das Spektrum ist euch hier breiter geworden und Österreichs Platz an der Sonne damit schmäler! Es ist irreal, zu hoffen, mit den für die österreichische Touristikwerbung zur Verfügung stehenden Mitteln mehr Werberaum durch bezahlte Insertionen zu bekommen. Denn diese sind enorm teuer! Die zunehmend straffer kalkulierte Berechnung aller redaktionell bearbeiteten Werbung nach dem Insertionsaufwand bringt gerade die Werbung für Österreichs Tourismus in einen Engpaß, der sich in einer Zeit wesent-

lieh verschärfter Konkurrenzverhältnisse besonders gefährlich auszuwirken droht.

Die österreichische Fremdenverkehrswerbung (ÖFVW) hat für das laufende Budgetjahr 1968 zahlenmäßig dasselbe Budget wie für 1967 erhalten. Da jedoch vor allem im Ausland bedeutende Kostensteigerungen für die Werbetätigkeit eingetreten sind und noch immer weitere Preiserhöhungen für Insertion, Lokalmieten, Druckkosten usw. im In- und Ausland gemeldet werden, ist das effektive Budget empfindlich geringer als im Vorjahr.

Die ÖFVW muß ihre Werbeaktivität notgedrungen einschränken. Und das angesichts einer Konkurrenzlage auf dem internationalen Markt, die eine Verstärkung der Werbung erforderlich machen würde! Alle anderen Reiseländer jedoch haben — ungeachtet ihrer eigenen Konjunkturschwierigkeiten — ihre Werbebudgets für die Auslandsfremdenverkehrswerbung erheblich erhöht. Österreich steht nun am Scheideweg! Die österreichische Fremdenverkehrswirtschaft hat auch im vergangenen Jahr Deviseneinnahmen von 15 Milliarden und 891 Millionen Schilling erzielt, und ist damit der größte Devisenbringer des Staates geblieben. Dem steht ein Werbebudget von nur Vs Prozent dieser Einnahmen gegenüber. Das Budget der Schweiz übersteigt das österreichische um nicht weniger als 60 Prozent! Sehr ins Gewicht fällt auch die Verstärkung der deutschen Inlandswerbung.

Man muß sich nun entscheiden, ob man den Gesetzen moderner Wirtschaftsführung entsprechend auch für den Tourismus einen entsprechenden erhöhten Werbeaufwand einsetzen und damit die Fremdenverkehrswirtschaft sichern will oder ob man sich mit dem bisher Erreichten begnügen will, das jedoch bereits abziubröckeln beginnt. Daß der Ausländerfremdenverkehr in Österreich dem gesamten Arbeitsmarkt und dem gesamten Umsatz der Volkswirtschaft wesentliche Impulse gibt und weiter geben kann, ist unbestritten und anerkannt.

Der Fremdenverkehr des Landes hat aber auch für die Zukunft auf dem internationalen touristischen Markt noch gute Chancen. Besonders in Europa auch dann, wenn Einflüsse, die außerhalb des Tourismus liegen, nicht hemmend auf den Tourismus einwirken.

Die weitere Bevölkerungszunahme in Europa — relativ stärker als bei uns in Österreich — läßt eine weitere Zunahme der Industrialisierung und Verstädterung erwarten. Für die Bevölkerung dieser Gebiete hat gerade die österreichische Landschaft mit ihrem Wald- und Bergklima die idealen Erholungsbedingungen zu bieten. Ihre zentrale Lage in Europa mit den kurzen und daher nicht kostspieligen Anreisewegen, läßt einen preisgünstigen Aufenthalt für breite Kreise auch bei einer weniger günstigen Wirt-

schaftslage zu. Die kulturellen, sportlichen und folkloristischen Attraktionen steigern noch das Interesse.

Trotz der steigenden Veranstaltungszahlen sind die Möglichkeiten für Kongreßveranstaltungen bei weitem nicht ausgenützt. Eine verstärkte Werbung könnte schöne Erfolge bringen.

Die Türen in die touristische Zukunft Österreichs stehen immer noch offen. Jetzt gilt es Entscheidungen zu treffen, die einerseits die Substanz dieses Erholungslandes erhalten und anderseits es ermöglichen, die gegebenen touristischen Angebote nachdrücklich bekannt zu machen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau