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Nur ein Zehntel der Rohstoffe

Im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Budgetkrise wurden wieder einmal Umweltsteuern ins Gespräch gebracht - allerdings um Budgetlöcher zu stopfen, nicht jedoch um endlich die notwendige Umorientierung unserer Wirtschaft in Gang zu setzen. Dabei steht es unter Fachleuten längst außer Frage, daß eine ökologische Umorientierung unseres wirtschaftlichen Tuns überfällig ist.

Erinnert sei an den Bericht der Brundtland- Kommission aus dem lahr 1987. Im Auftrag der UNO hatte diese unter der Leitung der norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland tätige Gruppe eine Studie über die Beziehung von Umweltschutz und Entwicklung erarbeitet. Ihr Ergebnis war eindeutig: Die Industriestaaten müssen ihr Konzept des Wirtschaftens ändern, wollen sie nicht den Kollaps ihres Systems verschulden. Stichwort Umweltverträglichkeit.

In dieselbe Richtung zielt die Forderung des „Faktor-10-Club”, eines Zusammenschlusses von 16 internationalen Experten in Umweltfragen. Sie fordern schlicht und einfach die Reduzierung des Stoffdurchflusses durch die Wirtschaft der Industrieländer auf ein Zehntel!

In der „Carnoules-Deklaration des „Clubs”, zu dem unter anderen der Direktor des Wuppertal Instituts für Klimaforschung, Ernst Ulrich Weizsäcker gehört, liest man: „Es gibt gute Gründe zur Annahme, daß die heutige wirtschaftliche und politische Krise tief verwurzelt ist in der Art, wie die Gesellschaft mit ihren ökologischen Ressourcen umgeht und wie sie über Produktion und Konsum, Einkommen und Verteilung, Budgetpolitik und andere Anreizsysteme entscheidet.

Die Produktion ist dazu da, menschliche Wohlfahrt zu schaffen. Wohlfahrt ist aber mehr als Reichtum und

Konsum. Er umfaßt Faktoren wie Einkommen, Konsum, ßeschäftigung, Bildung, Gesundheit, Sicherheit (Freisein von Gewaltanwendung), Umweltqualität, soziale Sicherheit, Freizeit und Gerechtigkeit. Die übliche Denkweise schreibt uns vor, wachsende Produktion mit höherem Wohlstand gleichzusetzen.”

Betrachtet man die Dinge aber von der erwähnten höheren Warte, so erkennt man, daß in dem meisten Industrieländern das Wirtschaftswachstum ab den späten siebziger Jahren mit sinkendem Wohlstand einhergeht.

Die in den Jahren seither verzeichnete enorme Produktivitätssteigerung der Arbeit sei eng verknüpft mit einem stark steigenden Materialdurchsatz durch die Wirtschaft. „Alle Rohstoffe aber, die man der Erde entnimmt, sind potentielle Abfälle.”

Jährlich werden Milliarden von Tonnen an Material in die Produktionsmaschinerie gepumpt, weitere Milliarden werden umgelagert und deponiert, ohne selbst jemals wirtschaftlichen Wert besessen zu haben. „Maschinen bewegen heute zweimal so viel Material wie die geologischen Kräfte an der Erdoberfläche,” heißt es in dem Rericht.

Dabei tauche das Problem auf, daß vieles innerhalb kürzester Zeit in einer chemisch anderen (aber schädlichen) Form an unseren Lebensraum zurückgegeben wird (etwa wenn fossile Energie verbrannt wird). Nur ein Bruchteil der Materialien wird über längere Zeiträume genutzt.

Die negativen Folgen dieses Tuns seien längst auch ökonomisch feststellbar: Immer häufiger verzeichnet man Naturkatastrophen (Stürme, Trockenzeiten, Überschwemmungen ...). Ihre Folgen wiegen immer schwerer. Die Versicherungen antworten darauf mit deutlichen Prämienerhöhungen.

Gibt es Auswege? Einen wichtigen Ansatzpunkt sieht der Club in der Lösung der Beziehung zwischen wirtschaftlicher Aktivität und Stoffverbrauch. Hier gebe es ein riesiges Feld nicht ausgenützter Möglichkeiten, Energie und Rohstoffe weitaus effizienter einzusetzen. „Wir schlagen vor, die Produktivität von Material und Energie zum Angelpunkt zu machen.” Man müsse sie um einen Faktor zehn oder mehr steigern. „Die technischen Möglichkeiten für das Erreichen des Zieles in den nächsten 50 Jahren sind enorm.”

Dazu bedürfe es gezielter Maßnahmen durch die Regierungen. Sie müßten durch einen geeigneten wirtschaftspolitischen Rahmen dafür sorgen, daß sich die Umstellung für Unternehmen betriebswirtschaftlich lohnt. Das werde nur dann geschehen, wenn die Arbeitskraft deutlich weniger kostet als Energie und Rohstoffe. „Es muß attraktiv werden, Kilowatt anstelle von Personen arbeitslos zu machen.” ' Produkte müßten unter Berücksichtigung ihrer gesamten „Lebensdauer” konzipiert werden: Erzeugung, Verpackung, Transport, Verkauf, Verwendung, Wiederverwendung, Recyclie-rung, Entsorgung - all das muß in die Überlegungen einfließen. Langlebigkeit werde zu einem Schlüsselbegriff. Man müsse davon wegkommen, die Nutzung der Leistung von Maschinen mit deren Kauf zu verknüpfen. Man könne Geräte mieten, ausborgen, gemeinsam nutzen...

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