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Peso für Peso aus der Armut befreien

Es ist hart und äußerst mühsam, aber es gelingt: Mit Kleinkrediten werden auf den Philippinen von Oikocredit Geschäfte von Frauen finanziert. Einzelne ihrer Kinder studieren bereits, wie ein Lokalaugenschein zeigt.

Als Anamaria Maistrecompo schwanger wurde, begann sie sich vor dem Gestank von Hühnern zu ekeln. Nur 45 Tage zuvor hatte sie begonnen, das Federvieh zu züchten. Nun musste sie es wieder bleiben lassen. So einfach wollte die damals 35-Jährige ihre Karriere aber nicht aufgeben, und eröffnete ein kleines Lebensmittelgeschäft. Das war vor zwölf Jahren und damit hat Anamarias Erfolgsgeschichte begonnen. Das Startkapital für ihren Laden erhielt sie von einem Mikrofinanzinstitut namens "Ahon Sa Hirap“, kurz ASHI. Rund 3.000 philippinische Pesos, etwa 55 Euro. "Am Anfang hatte ich ziemlich Angst davor, einen Kredit aufzunehmen, aber dann dachte ich an meine Kinder. Ich wollte sie unbedingt zur Schule schicken“, erzählt Anamaria Maistrecompo.

Kredite an Frauen in Solidarität

ASHI vergibt auf den Philippinen Kredite an Frauen, die von weniger als 1,90 Euro am Tag leben müssen. Beinahe 40 Millionen Philippiner müssen so über die Runden kommen: "Wir vergeben Kredite immer an eine Gruppe von fünf Frauen. Diese sollen einander unterstützen und für einander einstehen, wenn eine Probleme hat“, erklärt Jose Jessie Arzaga, Mitarbeiter von ASHI. Zwischen 2.000 und 10.000 philippinische Pesos beträgt ein solcher Kredit. Das sind 40 bis 190 Euro. Das Geld wird direkt zu den Kunden in das Dorf gebracht, in einem Zentrum vergeben. Auch die Raten werden dort eingesammelt. Wie hoch diese sind, ist von den täglichen Einnahmen und Ausgaben abhängig.

An den unverputzten Wänden des Zentrums "Sitio Ibabaw“ in der Provinz Rizal hängen Anwesenheitslisten, die größer sind als manches Mitglied. Graue Plastikplanen an der Decke schützen Teile des Gebäudes vor dem Regen. In den Ecken wachsen Pflanzen aus dem Lehmboden. Einmal in der Woche treffen sich hier die 37 Mitglieder mit einem Betreuer. Laut wird in der Landessprache Tagalog geschwatzt. Dann erzählen die Frauen wie ihre Geschäfte laufen oder von persönlichen Problemen - der Mann ist krank, die 16-jährige Tochter ist schwanger. "Wenn jemand in der Familie krank wird, dann muss oft ein Teil des Kredites für Medizin verwendet werden“, sagt Jose Jessie Arzaga. Er und seine Kollegen versuchen dann, die Frauen wieder zu motivieren. Kann eine der Frauen ihre Rate nicht bezahlen, springen die Teamkolleginnen für sie ein.

Anamaria Maistrecampo war eine der Ersten, die in ihrem Heimatort Lower Buhangin einen Kredit bekommen hat. Mittlerweile sind 70 Prozent der Frauen im Ort ein Mitglied von ASHI. Nachdem die 47-Jährige ihr Geschäft eröffnet hatte, begann sie Geld zu sparen. Sie hat zwei Dreiräder gekauft. Ein zweites Geschäft eröffnet. Ihr Haus vergrößert. "Zuerst hat es nur aus einem Zimmer bestanden. Gebaut aus Wellblech und Holz“, sagt Anamaria. Heute ist ihr Haus gemauert. Am Boden wurden graue Fließen verlegt. Ein Fernseher und ein Computer stehen an der Wand. "Mein Sohn hat die Universität bereits abgeschlossen. Ein Master of Science“, sagt Anamaria und strahlt.

Indirekt wird Anamaria Maistrecampo auch von Österreichern unterstützt. Seit vier Jahren arbeitet ASHI mit Oikocredit zusammen. Die internationale Entwicklungsgenossenschaft vergibt seit 35 Jahren weltweit Mikro- und Projektkredite. Somit greifen 45.000 Anleger insgesamt 26 Millionen Menschen unter die Arme. "Durch die Wirtschaftskrise haben viele Menschen ihr Vertrauen in Banken verloren. Aber es wurde ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass es wichtig ist, zu wissen, was mit dem Geld passiert“, sagt Birgit Entner, Sprecherin von Oikocredit Österreich. Investiert wird vor allem in Mikrofinanzinstitute wie ASHI aber auch in die Landwirtschaft und den Handel.

Bei der Entscheidung darüber, welche Projekte unterstützt werden, wird auf die Höhe der Managergehälter und die Behandlung von Mitarbeitern und Kunden geachtet. Die Kredite sind dann zwischen 50.000 und fünf Millionen Euro hoch. Bei den Rückzahlraten achtet Oikocredit auf das tägliche Einkommen und die Ausgaben des Unternehmens. Daraus ergeben sich Laufzeiten zwischen 50 Wochen und drei Jahren. Das Mikrofinanzinstitut ASHI wurde mit knapp 560.000 Euro unterstützt. Oikocredit finanziert nicht nur Mikrofinanzinstitute, die das Geld an ihre Kunden weitergeben. Auch größere Unternehmen erhalten Kredite, etwa "1M“.

Kokos - aus Abfall ein Geschäft

Kleine Berge an Kokosnussabfällen sammeln sich vor der Fabrik von "1M“. Mit der Innenseite nach unten trocknen sie dort in der Sonne. Noch vor wenigen Jahren haben die Obstverkäufer den Abfall in den nahegelegenen Fluss geworfen. Jetzt laden sie ihn bei "1M“ ab. Denn Pedro Mendosa, Juan Marlquez und Roberto Gomez wollten die Umweltverschmutzung nicht hinnehmen. Im Jahr 2006 haben sie begonnen, die Kokosschalen aus dem Fluss zu angeln. Ein Jahr später haben sie die Fabrik gebaut - um aus den Abfällen Kohle zu produzieren. Als dabei das Geld fehlte, bekamen sie einen Kredit von Oikocredit über vier Millionen philippinische Pesos, 100.000 Euro. Mehr als die Hälfte konnten sie bereits zurückzahlen.

Die Kokosabfälle werden nach dem Trocknen auf Öfen geschlichtet und zur Verkohlung gebracht. "Wir wollten aber auch die Emissionen, die bei der Produktion entstehen, verringern. Deshalb sammeln wir den Rauch in Leitungen und verflüssigen ihn“, erklärt Pedro Mendosa. Der Flüssigrauch kann dann als Dünger verkauft werden. Oder die Bauern versprühen ihn in Hühnerställen, um den Gestank der Tiere zu verringern. Die Nachfrage nach den Produkten ist groß. Es kommen auch immer wieder Anfragen aus Korea, Schottland und Japan. "Wir können aber gar nicht so viel Kohle produzieren“, sagt Juan Marlquez. Denn die Abfälle werden zum Trocknen im Freien liegen gelassen. Daher ist die Trocknung vor allem während der Regenzeit schwierig. Für eine Überdachung fehlt aber das Geld - außer, es gibt einen Kredit.

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