Realität der Konjunktur

Die derzeitigen Versuche, die Konjunktur nachhaltig anzukurbeln, seien vergebliche Liebesmüh', sagt Erik Händeler. Die Arbeit mit Information und Wissen brauche völlig andere Rahmenbedingungen als im Industriezeitalter.

Die aktuelle Regierung sei schuld an der Arbeitslosigkeit, und mit den jeweils anderen Parteien wird alles wieder gut - weite Teile der Bevölkerung in Europa wollen das glauben. Dabei sind es grundlegende Erfindungen wie Dampfmaschine, Eisenbahn oder zuletzt der Computer, die sich zu ihrer Zeit ausbreiten, die Konjunktur auf Trab bringen und Arbeitsplätze schaffen - bis sie die ganze Gesellschaft durchdrungen haben. Dann fehlen die gewohnten Zuwächse an Produktivität und Wohlstand, die Gewinnmargen gehen zurück, es lohnt sich nicht mehr, zu investieren oder Leute zu beschäftigen. Eine tiefe und lange Wirtschaftskrise bricht aus: So wie im Jahr 1873 nach dem Eisenbahnbau; wie 1929, nachdem die Elektrifizierung weitestgehend abgeschlossen war, oder wie 1973, als jede Mittelstandsfamilie ihr Auto hatte und die Straßen flächendeckend gebaut waren. In der Regierungszeit Reagans und Clintons machte der Computer alle Bereiche des Lebens produktiver - das ist jetzt zu Ende.

Nikolai Kondratieff

Solche langen Strukturzyklen, die der russische Ökonom Nikolai Kondratieff (1892 bis 1938) beschrieb, haben weitreichende Konsequenzen für die Politik: Die Briten sind im 19. Jahrhundert nicht deswegen reich und mächtig, weil sie die Steuern senken oder den Kündigungsschutz lockern oder die Löhne hoch oder niedrig sind. Sondern weil sie jene Knappheiten überwinden, die die Gesellschaft an ihrer Weiterentwicklung hindern: den Mangel an mechanischer Energie mit der Dampfmaschine, die die Eisen- und die Textilindustrie anschiebt; die "Realkostengrenze" im zu hohen Transportaufwand, den die Engländer mit Hilfe der Eisenbahn senken. Wirtschaftskrisen haben reale Ursachen.

Der Kern der wirtschaftlichen Stagnation kommt in den politischen Diskussionen nicht vor: Längst stammt der größte Teil der Wertschöpfung von Menschen, die im gedachten Raum Lösungen erarbeiten: entwickeln, organisieren, planen, Information finden. Das hat andere Spielregeln für Wohlstand und Arbeitsplätze als eine Volkswirtschaft, in der ein vw-Käfer jahrzehntelang läuft und läuft und läuft. In der Informationsgesellschaft hängt der Wohlstand davon ab, wie effizient Informationsarbeit zwischen Menschen in größeren Einheiten geleistet wird; er hängt ab von der Reichweite des Verantwortungsgefühls, sinnverbundener Motivation, Ausdauer, Humor, Demut im Sinne von: die anderen nicht zu dominieren, wenn es nicht angebracht ist. Familienqualität, Wertvorstellungen und Kooperationsfähigkeit sind langfristig entscheidende Standortfaktoren in der Informationsgesellschaft.

Keine neue Technik

Die nötigen Investitionen für den nächsten Strukturzyklus sind immateriell. Zwar warten jetzt die meisten immer noch auf materielle Erfindungen wie früher die Dampfmaschine, um die Wirtschaft anzutreiben. Sie hoffen darauf, das bekannte Erschöpfte durch etwas ersetzen zu können, in dem auch irgendwie das Wort "-Technologie" vorkommt. Doch es wird in Zukunft keine Maschine mehr geben, die unsere Gedanken produktiver macht. Was an Hardware zu dem nächsten Aufschwung beitragen wird - etwa Gentechnik und Nanotechnologie - sind nur das dienende Drumherum um die größte Knappheit: intelligente, unstrukturierte, kooperative Informationsarbeit und ihre produktive Lebensarbeitszeit. Knapp sind nicht mehr standardisierte Arbeiter, Maschinen oder Rohstoffe, sondern kooperative, umfassend gesunde Wissensarbeiter, ihre Fähigkeiten und Ideen, um Probleme zu angemessenen Kosten zu lösen. Die öffentlichen Kassen werden erst dann entlastet, wenn Informationsarbeit von der breiten Masse der Berufstätigen effizienter geleistet wird - dann werden mehr Arbeitsplätze rentabel, steigen mit den Gewinnen die Steuereinnahmen, gibt es mehr Ressourcen für alle Bedürfnisse.

Die andere Seite derselben Knappheitsgrenze sind die stetig steigenden Krankheitsreparaturkosten: Keine der vielfach diskutierten Beitragsreformen werden sie langfristig senken. Eine andere Art der Finanzierung alleine macht einen Mensch weder gesünder noch verlängert sie seine produktive Lebensarbeitszeit - sondern verlängert nur die Lebensdauer eines bereits sterbenden Systems. Wenn sich nichts im realen Leben ändert, bricht das Gesundheitswesen zusammen; Gesundheit wird zum größten Knappheitsfeld in der Gesellschaft und ist - heute abgeleitet aus Kondratieffs Zusammenhängen - der Träger des nächsten Aufschwungs. Damit sich die Nachfrage nach Gesundheit entfalten kann und die Lohnnebenkosten sinken, braucht es ein völlig neues System: In dem die Akteure mit Gesunderhaltung Einkommen abrechnen können, Krankenkassen also Prävention bezahlen (was sich heute nur Reiche leisten können) und höhere Zuzahlungen, die Menschen für ihren Lebensstil in die Verantwortung nehmen.

Ebenso weitgehend wirkungslos ist die Steuerpolitik. Ob den Leuten durch niedrigere Steuern mehr Geld in der Tasche bleibt, das sie etwa in Bildung und Gesunderhaltung sowie über Firmenanleihen in Forschung investieren, oder ob sich der Staat in diesen Feldern durch höhere Steuern mehr engagiert, ist egal. Hauptsache, Informationszusammenarbeit wird jetzt produktiver. Doch ist es wahrscheinlicher, dass sich die Wohlhabenden bei niedrigen Steuern eher ein zweites Auto, ein Ferienhaus oder eine Jacht zulegen (was die Volkswirtschaft nicht im Sinne der Kondratiefftheorie effektiver macht), als in Gesundheitsforschung, in die Qualität der Bildung und in soziale Strukturen zu investieren. Und auch der Staat gibt seine Steuereinnahmen eher für Konsum aus, weil Politik soziale Konflikte solange hinauszögert, bis die Krise nicht mehr zu vermeiden ist, der Bruch dafür um so härter ausfällt.

Wählen statt warten

Im langen Aufschwung, wenn sich ein technologisches Netz wie Dampfmaschine oder Computer ausbreitet, ist das ja alles ganz einfach: Die Wirtschaft läuft von alleine, und gegenüber den Wählern kann man so tun, als ob das mit eigenen Taten zusammenhinge. Im langen Kondratieffabschwung, wenn die gewohnten Produktivitätszuwächse ausbleiben, macht es dagegen keinen Spaß, Politiker zu sein. Man muss wachsende Probleme mit immer weniger Ressourcen lösen, man verzettelt sich in mehr oder weniger erfolglosen Verteilungskämpfen, oder schmeißt die Verantwortung schließlich ganz hin. Nichts wird im langen Abschwung helfen: Keine Staatsausgabenprogramme, keine Niedrigzinsen, nicht das Quälen von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, keine Zentralbankschelte und kein gespielter Optimismus. Die Erwartungen der Menschen werden sich aufhellen, wenn sie in ihrem realen wirtschaftlichen Alltag den Beginn effizienterer Verhältnisse spüren. Die Konjunktur wird erst wieder in Schwung kommen, wenn sich eine neue Kultur der Zusammenarbeit durchgesetzt hat und in Menschen investiert wird. Zugegeben: Das kann lange dauern, so wie früher der flächendeckende Bau der Eisenbahn. Aber wir sind der Krise nicht ausgeliefert - wir haben die Wahl.

Vom Autor sind folgende Bücher zum Thema erschienen:

DIE GESCHICHTE DER ZUKUNFT

Sozialverhalten heute und der Wohlstand von morgen

Brendow-Verlag, Moers, 5. aktualisierte Auflage 2005, 463 S., geb., e 19,50

Kondratieffs Welt. Wohlstand nach der Industriegesellschaft

Brendow-Verlag, Moers 2005

127 S., kart., e 10,30

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