Standortvorteil gute Architektur

An den Stadträndern wuchern Gewerbeparks: Überall dieselbe, einfallslose Einheitsarchitektur. Dass man Unternehmen zu anspruchsvollem Bauen bewegen kann, zeigt das Beispiel von Lustenau in Vorarlberg.

Architektur und Wirtschaft stehen in einer lebhaften, aber nie friktionsfreien Beziehung. Wegen der unterschiedlichen Interessen ist dieser Antagonismus auch nicht weiter verwunderlich. Allerdings scheint es früher eher gelungen zu sein, architektonische geglückte Lösungen zu finden. Der Architekturtourismus, den alte Industriegebiete wie das Ruhrgebiet verzeichnen, ist ein Beweis, dass auch Fabrikshallen baukünstlerischen Standards entsprechen können.

Das Spannungsfeld von Architektur und Wirtschaft hat sich in den letzten zehn Jahren verschärft. Entscheidungen müssen schneller getroffen werden, Zeit und Kapital sind knapper geworden. Der Wettbewerb zwingt zu Kostenreduktionen. Eine Folge ist, dass man gute bauliche Lösungen für Betriebsgebäude nur selten antrifft. Die Trostlosigkeit der neuen Einkaufszentren und Betriebsgebiete, die in den letzten Jahren aus dem Boden geschossen sind, veranschaulicht das.

Da und dort findet man aber Bauten und Betriebsgebiete, die zeigen, dass es auch anders ginge. So zum Beispiel der Millenniumspark in Lustenau ganz im Westen von Österreich. Dort entstand am Ortsrand, direkt an der Verbindungsstraße nach Dornbirn, in den letzten vier Jahren ein neues Betriebsgebiet, das ein architektonisches Juwel ist.

"Wir reagieren schnell"

Dass sich architektonische Qualität hier zu etablieren vermochte, hängt mit einer wirtschaftlichen Strukturveränderung zusammen: Anfang der neunziger Jahre war der Boom der Textilindustrie zu Ende. "Von einem Tag auf den anderen war die Stickerei tot", erzählt der Lustenauer Wirtschaftsreferent Raimund Zirker.

Es begann die Suche nach Alternativen. Dabei wollten die Lustenauer kein Sammelsurium aus Bauunternehmen, Transportfirmen und Fachgroßmärkten, sondern einen zukunftsorientierten Gewerbepark, der durch ästhetische Qualität und Stimmigkeit überzeugte. Die Regionalentwicklungsagentur Prisma wurde beauftragt, ein Konzept zu entwickeln. Eine intensive Bewerbung des neuen Betriebsgebietes am Ortsrand wurde gestartet.

1999 begannen sich die ersten Betriebe niederzulassen. Ein großer Kaffeemaschinenhersteller, ein aufstrebendes Unternehmen aus der Computerbranche und ein Spezialist für Bühnenhydraulik hatten am Millenniumspark Gefallen gefunden. Zirker vermutet, dass das Engagement der Gemeindeverwaltung daran nicht ganz unbeteiligt war: "Wenn eine Anfrage kommt, wird bei uns schnell reagiert, in wenigen Stunden", berichtet er. Jeder Antrag auf Betriebsansiedlung wird auch von einem Architekturbeirat unter die Lupe genommen. Nicht nur der wirtschaftliche Aspekt, sondern auch das Urteil der Architekten sei entscheidend für die Projekt-Bewilligung.

Namhafte Architekten

Die Unternehmen des Millenniumsparks zogen bei dieser Strategie mit und engagierten für die Planung ihrer Firmengebäude namhafte Architekten. "Man findet hier nicht den bei Gewerbegebieten üblichen Einheitsbrei, sondern jedes Gebäude ist maßgeschneidert. Sogar bei den Details wurde auf Qualität geachtet. So hat man für die Freiraumgestaltung, wo ansonsten meist Dilettantismus am Werk ist, erstklassige Schweizer Architekten engagiert", lobt Architekturkritiker Otto Kapfinger.

Begeistert vom Millenniumspark waren aber nicht nur die Architekturkritiker. Auch für Unternehmen wurde die "Adresse" prestigeträchtig, sodass es mittlerweile für den Millenniumspark mehr Anfragen als verfügbaren Platz gibt.

Die Gemeinde kann sich aussuchen, wer ein Grundstück erhält, obwohl sie auf Förderungen und finanzielle Zugeständnisse verzichtet. "Unser einziges Entgegenkommen ist ein günstiger Preis für das Grundstück. Sonst gibt es keine Förderungen", sagt Wirtschaftsreferent Zirker.

Keine "Zuckerln" für Firmen

Offenbar sind solche "Zuckerln" auch gar nicht notwendig. Denn Hans-Peter Metzler, Chef des Chipherstellers "NewLogic", ist mit den Bedingungen im Millenniumspark "sehr zufrieden". Dieser High-Tech-Betrieb mit 140 Mitarbeitern ist auf die Herstellung neuer Konzepte im Bereich der drahtlosen Datenübertragung spezialisiert und hat Niederlassungen in Südfrankreich, Hongkong und Singapur. Kunden in Österreich beliefert "NewLogic" überhaupt nicht. Metzler hat sich mit der Standortfrage eingehend beschäftigt. "Es gibt keinen grundsätzlich guten oder schlechten Standort, sondern eine stete Entwicklung", lautet sein Resümee. Warum er sich bei der Firmenzentrale für Lustenau und gegen Singapur entschied, begründet er nicht nur mit der emotionalen Bindung an seine Heimat. "Entscheidend waren neben der guten Verkehrsanbindung die Qualität des Betriebsgebietes und die prompte Erledigung unserer Anliegen durch die Behörden."

Vorrang für Kooperation

Die enge Kooperation zwischen Behörden und Unternehmen ist für Otto Kapfinger ein wesentlicher Grund, warum in Vorarlberg gute Architektur entsteht. "Hier arbeitet man miteinander, nicht gegeneinander", lautet sein Befund. Und auch die Strukturen seien im Westen anders als in Ostösterreich: "Mittelbetriebe, meist in Familienbesitz, sind eine wichtige Schiene der Wirtschaft." Der Strukturwandel in den letzten 20 Jahren habe zu einer Konzentration auf Spitzenprodukte geführt.

Dem entspreche auch im Bereich Architektur ein Bekenntnis zu Qualität. "Das hat auch damit zu tun, dass alle diese Betriebe sehr exportorientiert sind und sich unbedingt profilieren müssen." Ein Teil der Strategie sei Qualitätsarchitektur beim Firmengebäude. Wobei die von einem Unternehmen gesetzten Qualitätsstandards oft dazu führen, dass andere Unternehmen nachziehen. "Gute Architektur schlägt in Vorarlberg Wellen und löst wieder neue Qualitätsschübe aus", erläutert er.

Diese Struktur- und Milieuunterschiede seien entscheidend dafür, dass in Ostösterreich vergleichbare Qualität bei Betriebsgebieten bestenfalls in Ansätzen existiert: "Ostösterreich hinkt eindeutig nach." Die Ursachen dafür seien schwer festzumachen.

Aber der Rückstand habe wahrscheinlich damit zu tun, dass die Wirtschaft in Ostösterreich nach 1945 weitaus schlechtere Startbedingungen hatte. "Das wirkt bis heute nach", ist sich Kapfinger sicher. Schuld sei aber auch die Borniertheit in den Unternehmen, wo vorgefertigte Planungen bei Firmengebäuden bevorzugt werden. "Corporate Identity geht beim Firmengebäude vor. Auf die Umgebung wird dabei keine Rücksicht genommen. Die Folge: Eine Firmenhalle sieht dann in Wien, Linz und Villach gleich aus."

Beispielhaft lässt sich diese Fehlentwicklung in Krems beobachten. Dort gibt es in der Nähe des Hafens, weitab vom historischen Stadtzentrum, seit etwa fünf Jahren den "Gewerbepark-Ost". In einer trostlosen Ebene breitet sich der übliche Mix einer Stadtrand-Einkaufszone aus: Baumärkte, Gartencenter, Möbelhäuser, ein Autoshop, ein paar Nachtlokale und ein Großraumkino. Die Gebäude werden von überdimensionalen Parkflächen eingerahmt. Doch so trostlos sah es nicht immer aus. Noch vor einem Jahrzehnt gab es an dieser Stelle einen idyllischen Auwald, ein Paradies für Erholungssuchende.

Die Kremser Stadtväter waren voll guten Willens, diese Schönheit zu erhalten. Ein Muster-Gewerbegebiet sollte entstehen. Die Stadt erwarb Baugründe, ein Salzburger Architekt entwickelte ein Konzept für eine niveauvolle Gewerbezone. "Der Architekt hat eine schöne Arbeit vorgelegt. Da waren die Flächen gut strukturiert, Baufluchtlinien und Geschoßhöhen wurden festgelegt. Sogar an eine gute Außenraumgestaltung wurde gedacht", erzählt der Kremser Stadtbaudirektor Wolfgang Krejs. Auch ein mit prominenten Architekten besetzter Gestaltungsbeirat steuerte Ideen bei. "Leider konnte von diesen Plänen nichts in die Realität hinüber gerettet werden", sagt er heute bedauernd.

Politik-Versagen

"Die Politiker haben versagt", wettert der architekturbegeisterte Baudirektor. Sie hätten sich den Wünschen der Wirtschaftstreibenden gefügt und so lange Abstriche beim Konzept gemacht, bis nichts mehr davon vorhanden war. Doch auch die Politiker seien Getriebene, meint Krejs: "Betriebsansiedlungen sind ein so heißes Thema, dass die Entscheidungsträger die Hosen komplett herunter lassen. Es heißt dann nur mehr: Hauptsache, es kommt irgendjemand. Den potentiellen Investoren werden auch die kleinsten Hürden aus dem Weg geräumt."

Die Strategie ist: Hauptsache, es kommen Betriebe und es entstehen Arbeitsplätze. Doch die könnte man auch mit Qualitätsarchitektur schaffen, wie der Lustenauer Millenniumspark zeigt. Dort gibt es schon jetzt "400 Beschäftigte, die meisten im Hochlohnbereich. Und es wird weiter ausgebaut. Wir glauben, dass es in ein paar Jahren hier 1.000 Arbeitsplätze geben wird", sagt der Lustenauer Wirtschaftsreferent. Es scheint also durchaus möglich, architektonische Qualität und wirtschaftliche Prosperität miteinander zu vereinbaren.

Der Autor ist freier Journalist.

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