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Trickreiche Unternehmen waschen grün

Mit wachsendem Anspruch der Konsumenten steigt der Druck auf Unternehmen, nachhaltige Produkte und Lösungen anzubieten. Was nicht immer mit lauteren Mitteln geschieht.

Lebensmittelkonzerne wie Hofer, Lidl oder Rewe werben seit einiger Zeit mit "grünen“ Tragetaschen, die aus Polyethylen hergestellt werden, und das wiederum zum Großteil aus Zuckerrohr. Mit dem Naturprodukt Zuckerrohr werde ein nachwachsender Rohstoff eingesetzt - "bei 100 %-iger Recyclingfähigkeit“, so die Werbung. Das deutsche Umweltbundesamt nahm sich des Themas an und legte eine gründliche Untersuchung der Möchtegern-Öko-Tüten vor. Ergebnis: "Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“ Die Schlussfolgerung des Umweltbundesamtes lautet: "Wirklich umweltfreundlich sind nur Mehrwegtaschen wie etwa Stoffbeutel.“ Ganz klar: ein Fall von Greenwashing.

Als Greenwashing (deutsch: "Grünfärberei“) werden Werbekampagnen oder PR-Aktionen bezeichnet, die einzelnen Produkten, Unternehmen oder politischen Strategien einen "grünen“ Anstrich geben sollen. Es entsteht der Eindruck, dass die Akteure besonders umweltfreundlich, ethisch korrekt und fair handeln, was nicht immer oder nur in Ansätzen stimmt. Zwar hat das soziale Gewissen von Unternehmen in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt - auch, weil Kunden und Investoren zunehmend verantwortungsbewusstes Handeln und nachhaltige Lösungen erwarten. Jedes Unternehmen, das etwas auf sich hält, besitzt eine eigene Abteilung für CSR (Corporate Social Responsibility) - das bewusste und freiwillige Streben von Unternehmen, soziale und ökologische Ziele mit dem wirtschaftlichen Handeln in Einklang zu bringen.

Mit dem Anspruch auf mehr Nachhaltigkeit steigt allerdings auch die Zahl der PR-Methoden, die darauf abzielen, einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsbewusstes Image zu verleihen - zum Teil mit unlauteren Mitteln.

Lügen, bis das Image stimmt

Der britische Mineralölkonzern BP änderte im Jahr 2007 seinen Namen von British Petroleum auf Beyond Petroleum ("Jenseits des Öls“) und ließ medienwirksam Solarstromanlagen auf einigen Tankstellen installieren. Dass diese Investitionen eine Randerscheinung waren, blieb unerwähnt. Das "Helios-Symbol“, ein Logo in Form einer grün-gelben Blume, sollte dem Unternehmen einen umweltfreundlichen Anstrich verleihen. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im Jahr 2010 und zahlreiche andere Umweltkatastrophen zeigen jedoch vor allem eines: die Nutzung von fossilen Brennstoffen wie Erdöl ist alles andere als umweltfreundlich. Ein anderes Beispiel von Greenwashing liefert McDonald’s, denn die Fast Food-Kette wirbt gerne mit dem AMA-Gütesiegel: "Dem Kunden wird vermittelt, dass sämtliche Produkte aus heimischer Landwirtschaft stammen“, kritisiert Claudia Sprinz, Konsumentensprecherin von Greenpeace. "Es wird mit dem AMA-Gütesiegel geworben, obwohl das Hühnerfleisch beispielsweise bewiesenermaßen aus dem Ausland importiert wird.“

Greenpeace unterscheidet vier Arten des "Greenwashing“: Von "schmutzigen Geschäften“ spricht man, wenn ein Unternehmen ein ökologisches Produkt übermäßig anpreist, die Hauptprodukte jedoch umweltschädigend oder nicht nachhaltig sind. Beim sogenannten "Ad Bluster“ werden genau geplante Werbe- und PR-Kampagnen verwendet, um eine die Umwelt betreffende Leistung aufzubauschen. Oder es wird mehr Geld für die Bewerbung einer ökologischen Verbesserung ausgegeben, als für die Verbesserung selbst. Beim "Political Spin“ wird zwar über "grüne“ Verantwortung gesprochen oder dafür geworben, gleichzeitig jedoch gegen Umweltgesetze oder -bestimmungen lobbyiert. Und zu guter Letzt werden Produkte mit ökologischen Verbesserungen beworben, die bereits von bestehenden Gesetzen angeordnet sind.

Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialpolitikexperten Michael Fischer zeigt auf, dass freiwillig publizierte Nachhaltigkeitsreports bisher primär der "Selbstdarstellung und Imageaufbesserung“ dienten. Vom Studienautor wird angesichts der gefundenen Erkenntnisse der Schluss gefasst, dass "das Prinzip der Freiwilligkeit offensichtlich nicht genügt“ und verbindliche Standards gefordert seien. Erst kürzlich wurden die Richtlinien der Global Reporting Initiative (GRI), an der sich alle große Unternehmen orientieren, überarbeitet: Berichterstattende Unternehmen werden ermutigt, sich auf die für ihr Geschäft wesentlichen Auskünfte und Indikatoren zu beschränken.

Genau hinsehen

Zahlreiche Gütesiegel garantieren nachhaltige Produkte: So gibt es schon seit 1991 europaweit Richtlinien für die Produktion von Bio-Lebensmitteln. Ebenfalls klare Kriterien und eine regelmäßige Überprüfung bieten das österreichische und das europäische Umweltzeichen. Das Fairtrade-Label garantiert Arbeitern und Kleinbauernfamilien in Entwicklungsländern faire Bezahlung und Unterstützung bei der nachhaltigen Bewirtschaftung. Der Greenwashing Report 2010 der kanadischen Umweltagentur "Terra Choice“ besagt: Das Kaufverhalten der Konsumenten hat tatsächlich Einfluss auf die Produktpalette. Je mehr "grüne“ Produkte gekauft werden, umso mehr werden davon auch hergestellt.

Claudia Sprinz von Greenpeace empfiehlt kritischen Konsumenten, genau hinzusehen. Greenpeace hat eine Liste von Fragen zusammengestellt, die als Anregung für wachsame Konsumenten dienen: Gibt es ein anerkanntes Gütesiegel? Wie gut gibt das Unternehmen auf seiner Website Einblick in seine Produkte und deren Herstellung? Wird es von externen, unabhängigen Stellen überprüft und beantwortet es deren Fragen? NGOs wie Greenpeace bieten zahlreiche Informationen an, ebenso der Verein für Konsumenteninformation (VKI), der laufend Tests an Produkten durchführt.

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