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Um Sein oder Nichtsein

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Ethisches Handeln bedeutet, dass nicht alles, wozu man fähig wäre, auch wirklich gemacht wird. Wo zieht man im Fall der Gentechnik die Grenze?

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Ethisches Handeln bedeutet, dass nicht alles, wozu man fähig wäre, auch wirklich gemacht wird. Wo zieht man im Fall der Gentechnik die Grenze?

Am Thema der Gentechnik erhitzen sich in unseren Tagen die Gemüter, nicht nur, weil sie allgemein eine große Herausforderung der Gesellschaft darstellt, sondern weil es für jeden einzelnen um weitreichende Konsequenzen geht und der Durchschnittsbürger ahnt, dass es nicht nur um Arbeitsstellen, um Marktanteile, um einen neuen Industriezweig geht, sondern dass hier Sein oder Nichtsein neuerlich auf dem Prüfstand sind.

Die Debatte um die Gentechnik verläuft in der Öffentlichkeit recht emotional. Oft werden innerhalb dieser Diskussion die Wirkungen und Erfolge nicht berücksichtigt, denn Gentechnik hat sich besonders in den letzten drei Dekaden etabliert und weiter entwickelt. Nicht weniger als 50 Arzneimittel, die ihre Herstellung "gentechnisch" erfuhren, sind bereits auf dem Markt. Mit gentechnisch veränderten Nutzpflanzen wurden bereits 1997 nicht weniger als 12,8 Millionen Hektar bebaut. Trotz allem bleibt die Kritik lautstark. Und das ist wohl auch notwendig, weil man die Abschätzung der Folgen der technischen Möglichkeiten nicht ohne weiteres übergehen darf, denn hier wird in den Ethikkommissionen, die die Gentechnik zum Gegenstand haben, von Fall zu Fall eine Beurteilung statt zu finden haben, die die Nutzbarkeit und die ethische Vertretbarkeit sowie die Folgenwirkung miteinander abwägen.

Destruktive Kritik aber sieht die Gentechnik ausschließlich negativ und arbeitet mit Panik, Angst und Unterstellungen. Ein Argument dabei ist der Nutzen. Während man Gentechnik viel leichter in der Medizin akzeptiert, weil dort Krankheiten des Menschen mit Hilfe der Gentechnik behoben werden könn(t)en, wird sie in der Landwirtschaft eher abgelehnt, weil die schädlingsresistenten Pflanzen dem Letztverbraucher keinen direkten Nutzen bringen, sondern primär dem Landwirt. Ähnlich oft kommt das Argument vom absolut ausgeschlossenen Risiko. Demnach solle die Forschung zuerst alle Risiken mit hundertprozentiger Gewissheit ausschließen, bevor man Gentechnik anwenden dürfe. Dieses Postulat wird aber niemals zu erfüllen sein, weil wir Menschen heute immer mit einem Restrisiko leben müssen und ansonsten weder in den Zug, ins Auto oder ins Flugzeug steigen dürften.

Ethische Grundregeln Trotz allem Pro und Kontra hat sich in der Gentechnik das Prinzip von "Fall zu Fall" sowie von "Stufe für Stufe" bewährt. Dabei ist auch hervorzuheben, dass es bisher zu keiner größeren Gefährdung für Mensch und Umwelt gekommen ist. Auch aus diesem Grunde würde die Versachlichung der Diskussion allen Beteiligten, Betroffenen und künftigen Generationen dienlicher sein als Polemik. Nur so wird ermöglicht, die Bevölkerung adäquat zu informieren, unberechtigte Ängste abzubauen und die Gentechnik zum Wohl für die Menschen und die Ökologie einzusetzen.

Folgende Grundregeln hinsichtlich der Gentechnik gelten auch für Pflanzen und Tiere: Der Forscher muss die Risiken seines Handelns sorgfältig abwägen und evaluieren; er hat sich auch der nicht-menschlichen Schöpfung so zu nähern, dass ein ehrfürchtiger und verantwortungsvoller Umgang gewährleistet ist; und er muss bereit sein, auf die eine oder andere Möglichkeit zu verzichten, weil sie nach dem gegebenen Erkenntnisstand in Wissenschaft und Forschung nicht den Gefährlichkeitsgrad der Auswirkung verringern, sondern so stark erhöhen, dass die Folgen potenziert negativ sind. Bei Beachtung dieser grundsätzlichen Regeln ist es durchaus legitim, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen und dem Menschen dienlich zu machen, ansonsten wäre Fortschritt prinzipiell nicht akzeptierbar. Im Fall der Tiere sollte aber nicht nur die Nützlichkeit gesehen werden, sondern auch, dass ein Tier ein nachgewiesenermaßen lebendiges und Schmerz empfindendes Wesen ist.

Die schnelle Ausbreitung von Epidemien, die Weiterentwicklung von unbehandelbaren Krankheiten sowie die unerwartete Rückkehr von Seuchen sind die Horrorvorstellungen, die mit diesen neuen Möglichkeiten unweigerlich verbunden sind. Zunächst stehen die durch kontrollierten oder unkontrollierten Genaustausch möglichen Freisetzungen - wenn nämlich zwischen verschiedenen Organismen der Tausch des Erbmaterials geschieht - in der Gefahr, hier natürliche Artgrenzen zu durchbrechen. Wird dies nicht eingeschränkt oder verboten, dann sind die Folgen unvorstellbar.

Die Zunahme der Antibiotika-Resistenzen ist dann anzunehmen, wenn die Genmanipulation unkontrollierbar wird. Verschiedene Infektionskrankheiten würden sogar unheilbar oder chronisch, da es zur Genblockade kommt, wo die Kombination der Gene zwar erwartet positive, aber praktisch negative Folgen hat (die Genfalle!). Auch werden transgene Pflanzen neue Allergien hervorrufen, weil der Organismus des Menschen erst neue Abwehrmechanismen zu entwickeln hat, um diese durch das eigene Immunsystem zu nutzen.

Folgen unvorstellbar Die Welt wird immer mehr zum Ergebnis unseres eigenen Handelns. Gab es früher abgrenzbare Gefahren, sind es heute die Risken, die sich nebulös am Horizont abzeichnen. Es kann nicht nur darum gehen, allein die Folgen einer Handlung abschätzen zu wollen und zu sollen, vielmehr sind die Grundfesten angefragt, die Prinzipien und Normen, die sich eignen, Orientierung in einer komplexer werdenden Welt zu geben. Es kann nicht nur um die Verantwortung für die Folgen des Tuns gehen, sondern die Kultivierung dessen ist gefragt, was möglich, aber vielleicht nicht notwendig ist. Auch müssen wir mit Konsequenzen unserer Aktionen umgehen lernen, die nicht uns selbst existenziell betreffen (Verantwortung gegenüber den folgenden Generationen). Deshalb gilt, dass erstens vieles machbar ist (mittels Technik), zweitens von dem Machbaren weniger vertretbar ist und drittens - mit nochmaligen Abstrichen - viel weniger verantwortbar ist.

Der Autor ist Sozialethiker und Autor des Buches "Anything goes?" (Wien 2000).

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