Unser Essen als Klimasünde

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Der Blick auf die vollen Regale der Supermärk-te erinnert an Vorstellungen des Schlaraffenlandes oder des Knusperhäuschens im Märchen "Hänsel und Gretel“. Die Überfülle der Warenwelt hat in der Tat etwas Magisches. Doch gerade das lockende Knusperhäuschen verweist auf das Trügerische dieser Überfülle: "Symbolisch dafür steht die Hexe, die die Kinder aus ärmlichen Verhältnissen mit den Verführungen des Überflusses blendet, um sie letztlich zu verzehren“, sagt Nachhaltigkeits-Experte Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen.

Denn das Knusperhäuschen hat einen Preis, den wir bezahlen: "Es ist erkauft mit einem enormen Raubbau an den Naturressourcen. Es basiert auf einem nicht nachhaltigen Energiesystem. Und es geht auf Kosten von Menschen in weniger reichen Erdteilen“, kritisiert Holzinger in seinem Buch "Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“.

Vom Acker bis zum Teller

Denn hinter verarbeiteten Lebensmitteln stecken viele Arbeitsschritte - und ein gewaltiger CO2-Abdruck: Kaum einem Konsumenten ist klar, wie viele Hebel für die Herstellung eines einzigen Stückes Fertig-Lasagne in Gang gesetzt werden: Das Getreide für den Teig wurde gesät, geerntet, transportiert, gereinigt, gemahlen, abgefüllt, verpackt, gelagert, wieder transportiert, verteilt und landet schließlich beim Bäcker. Für die Eier wurde ein Hühnerstall gebaut, Hühner gefüttert. Dann wurden die Eier eingesammelt, gestempelt, sortiert, verpackt, transportiert, eingeordnet, etikettiert.

Noch viel ressourcenintensiver ist die Herstellung des Faschierten: Für ein Kilo Rindfleisch sind 10 Kilo Getreide nötig. Durch die Mägen von Tieren wandern 40 Prozent des Weltgetreides, die Hälfte aller Fischfänge als Fischmehl, 70 Prozent der Ölsaaten und ein Drittel der Milchprodukte. Schon jetzt wird in den armen Ländern des Südens über ein Drittel des Getreides für Futtermittel eingesetzt. Die Naturausbeutung durch diese Monokulturen ist enorm: "Sie dürsten nach Wasser, versagen bei der Regenerierung der Böden und verlangen den Einsatz von Unmengen an schädlichen Pestiziden“, kritisiert Zukunftsforscher Holzinger.

Der ökologische Preis für den Fleischkonsum ist hoch: Allein die Tierhaltung verursacht weltweit 18 Prozent der Treibhausgase. Durch die Schweinefleisch- und Geflügelproduktion entsteht Lachgas, in der Rindfleischproduktion Methan. "Dabei weisen Geflügel und Schwein noch eine günstigere CO2-Bilanz auf als Rind“, so Lebensministerium-Sprecherin Katrin Scherbichler.

Noch ist Fleisch ein "Vorrecht“ der industrialisierten Länder: Österreicher verzehren laut UNO jährlich 90 Kilo Fleisch, Inder nur zwei Kilo. Doch der fleischzentrierte Ernährungsstil breitet sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern aus: Allein in Asien hat sich der Fleischverzehr seit 1991 verachtzehnfacht. Obwohl Massentierhaltung seit langem in der Kritik steht, schreitet der Trend zur industriellen Tierzucht voran. Die sogenannten Experten stehen oft im Dienst von Agrar- und Arzneimittelindustrie, Chemiekonzernen oder der Politik.

Gentechnik über Schleichwege

Zudem erhalten Zuchttiere vielfach Gentechnik-Futter, obwohl Gentechnik-veränderte Lebensmittel in Österreich verboten sind: Auf dem Fleisch muss nicht deklariert werden, ob das Tier Gentechnik-Futter zu fressen bekam. "Beim Geflügel und insbesondere beim Schweine- und Rindfleisch gibt es noch viel Nachholbedarf“, sagt Claudia Sprinz, Konsumentensprecherin bei Greenpeace.

Transparenz ist das Gebot der Stunde: "Je ökologischer ein Unternehmen, umso auskunftsfreudiger“, weiß die Umweltschützerin. Wenn Unternehmen keine Informationen zur Herkunft geben, riecht Greenpeace Lunte: "Der Schluss liegt nahe, dass von der mangelnden Transparenz nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Politik profitiert. Sonst hätte es bereits Gesetzesänderungen im Sinne des Gemeinwohles geben müssen“, ist Sprinz überzeugt.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Initiativen zur CO2-Kennzeichnung von Lebensmitteln gestiegen. Die Biomarke "Zurück zum Ursprung“ der Handelskette Hofer gibt Informationen zum CO2-Fußabdruck an und wurde mit dem österreichischen Klimapreis ausgezeichnet. Derzeit wird auf EU-Ebene an einer einheitlichen CO2-Kennzeichnung gearbeitet: "Die CO2-Bilanz sagt aber nichts über Umweltaspekte wie Flächenverbrauch, Bodenqualität, Biodiversität oder Wasserverbrauch aus“, so Lebensministerium-Sprecherin Scherbichler.

Flugtransport 200-mal schädlicher

Mit Bio-Lebensmitteln können gegenüber der konventionellen Landwirtschaft bis zu 35 Prozent der Treibhausgase eingespart werden. Bio ist aber nicht gleich Bio: "Leider gibt es sehr unterschiedliche Qualitätsstufen“, so Sprinz. Sie kritisiert, dass die ökologische Landwirtschaft nicht ausreichend gefördert werde: "Die Gesetzgeber verabsäumen das, weil es nach wie vor gut verdienende Interessensgruppen in der konventionellen Landwirtschaft gibt.“ Weitere wichtige Klima-Kriterien sind Regionalität oder Transportart: Flugtransporte belasten das Klima 200-mal stärker als Hochseetransporte.

Einen besonders hohen CO2-Abdruck weisen weiterverarbeitete Lebensmittel wie Käse, Wurst, Butter, Konserven und Tiefkühlprodukte auf. Im Obst- und Gemüseanbau wiederum verbrauchen beheizte Treibhäuser und Folientunnel viel Energie. Konsumenten sollten beim Lebensmittelkauf logisch überlegen: Wird ein verarbeitetes Produkt wie Fertig-Lasagne sehr billig angeboten, ist Vorsicht geboten. "Meist sind Fertig-Produkte nicht aus artgerechter Tierhaltung. Auch der Landwirt leidet, wenn er keinen fairen Preis bezahlt bekommt“, berichtet Sprinz. Denn viele Unternehmen sind mit Supermarktketten eine Vertragsverpflichtung eingegangen, Produkte zu Dumping-Preisen zu verkaufen. Wer sparen will, muss Zeit investieren. "Anstatt Fertig-Pommes zu kaufen, sollte man zu Bio-Erdäpfeln greifen und selbst Pommes frites zubereiten.“

Gespart wird beim Essen

Heutzutage bezahlen Konsumenten - gemessen am Einkommen - viel weniger für ihr Essen als früher: Seit den 1960er Jahren ist der Ernährungsanteil am Haushaltsbudget von 50 Prozent auf etwa 15 Prozent gesunken. Nahrungsmittel sind so billig, dass wir achtlos damit umgehen: Laut Welternährungsorganisation (FAO) wird ein Drittel aller Lebensmittel weltweit verschwendet.

Billigprodukte kommen uns letztlich teuer zu stehen: "Die ökologischen Folgekosten sind in die günstigen Preise noch nicht eingerechnet. Diese bezahlt nicht der Käufer oder Hersteller, sondern der Steuerzahler“, meint Sprinz.

Was vielen Konsumenten nicht bewusst ist: Nicht nur der Einkauf im Supermarkt, sondern auch der Besuch im Restaurant hat ökologische Folgen. In den wenigsten Lokalen wird offengelegt, woher die verwendeten Zutaten stammen. "Wir hören vielfach, dass österreichische Restaurants Käfig-eier aus Ungarn einkaufen, seit die Käfighaltung hierzulande verboten ist. Die wenigsten Gäste fragen: Wo kommt das Ei für das Omelett her?“, betont Sprinz.

Die Konsumentensprecherin ist überzeugt: Man dürfe den Verbrauchern nicht suggerieren, noch mehr Fleisch zu essen, wie es etwa das AMA-Marketing tut. "Stattdessen sollte man durch Aufklärung in der Schule zeigen, dass es viele gute Gerichte ohne Fleisch gibt.“

Sprinz weiß einfachen Rat: Sich am Ernährungsstil der eigenen Großeltern orientieren. Regionale und saisonale Produkte konsumieren und nur zwei Mal wöchentlich Fleisch essen. Dann sollte auch Bio-Fleisch leistbar sein.

Was simpel klingt, machen die wenigsten. "Die größte Herausforderung wird es sein, den Leuten klarzumachen, dass ihr Lebensmittelstil - vor allem der Verbrauch von tierischen Produkten - wegen der begrenzten Ressourcen nicht mehr lange möglich sein wird.“

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