Lebensmittel - © Foto: © Ökologisches Institut

Urban Food Spots: Teilen statt Tonne

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Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung gibt es inzwischen einige. Jetzt will ein österreichisches Forscherteam mit seiner Innovation dazu beitragen, dass Essen weitergegeben statt weggeworfen wird.

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Maßnahmen gegen Lebensmittelverschwendung gibt es inzwischen einige. Jetzt will ein österreichisches Forscherteam mit seiner Innovation dazu beitragen, dass Essen weitergegeben statt weggeworfen wird.

"In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, das ist Graz, versorgt werden kann." Bei diesem Satz aus dem Dokumentarfilm "We Feed The World" von Erwin Wagenhofer 2005 ist wohl dem Einen oder Anderen das genannte Gebäck im Hals stecken geblieben. Auch elf Jahre später hat sich nicht viel verändert.

"In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, das ist Graz, versorgt werden kann." Bei diesem Satz aus dem Dokumentarfilm "We Feed The World" von Erwin Wagenhofer 2005 ist wohl dem Einen oder Anderen das genannte Gebäck im Hals stecken geblieben. Auch elf Jahre später hat sich nicht viel verändert.

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"Dass noch genussfähige Lebensmittel im Müll landen, hat viel mit dem Einkaufsverhalten zu tun", weiß Maria Kalleitner-Huber vom Österreichischen Ökologie-Institut, "vielleicht nehme ich mir vor, etwas zu kochen und gehe dann auswärts essen, bin unterwegs oder muss eine Diät halten. Oder ich kaufe etwas ein, das meinen Kindern nicht schmeckt. Viele wissen auch gar nicht, wie Lebensmittel zu konservieren oder zu lagern sind."

Not macht erfinderisch

Die Auswirkungen sind verheerend: 1,3 Milliarden Tonnen und damit rund ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel werden rund um den Globus jährlich weggeworfen oder sind Verluste entlang der Wertschöpfungskette. Gleichzeitig hungern rund 842 Millionen Menschen. In Österreich landet nach Einschätzung des Ökologie-Instituts jährlich eine Million Tonnen an Lebensmittel im Müll. Auf Wien heruntergebrochen enden 70.000 Tonnen noch genießbares Essen im Abfall.

Kalleitner-Huber arbeitet im Bereich Ressourcenmanagement, wo Restmüllsortier-Analysen für Gemeinden durchgeführt werden. Dass man bei diesen Stichproben immer wieder auf Nahrungsmittelabfälle stößt, die bei guter Einkaufsplanung beziehungsweise richtiger Lagerung vermeidbar wären, war Ausgangspunkt für ein Projekt: Gemeinsam mit der Technischen Universität Wien erforscht das Ökologie-Institut, wie es gelingen kann, Kühlstationen -sogenannte "Urban Food Spots" - an öffentlichen Plätzen der Stadt aufzustellen und diese so einladend zu gestalten, dass Privatpersonen unkompliziert nicht benötigte Esswaren hinbringen und kostenlos entnehmen können. Andererseits sollen die Kühlstationen je nach Liefermenge modular erweiterbar sein, sodass auch überschüssige Waren aus Handel und Gastronomie darin Platz finden. Das Projekt wird vom Verkehrsministerium und der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützt.

Initiativen gegen Resteverschwendung

Die UrbanFoodSpots sollen eine Ergänzung zu vorhandenen Maßnahmen sein, mit denen von verschiedenen Seiten gegen die Missstände vorgegangen wird. So übernehmen Sozialmärkte und Initiativen wie die Wiener Tafel einer Studie des Ökologie-Instituts zufolge bundesweit rund 11.000 Tonnen Lebensmittel aus Handel, Industrie sowie Landwirtschaft, um sie auf die Teller armutsgefährdeter Menschen zu bringen. Auch private Initiativen engagieren sich gegen die Resteverschwendung.

In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, das ist Graz, versorgt werden kann.

Eine der Bekanntesten ist Foodsharing, das 2013 von der Wiener Tafel und dem Lebensministerium nach einer Idee des deutschen Filmemachers Valentin Thun ("Taste The Waste") gegründet wurde: Über eine Online-Plattform mit mittlerweile über 110.000 Nutzern im deutschsprachigen Raum werden nicht gebrauchte, noch genussfähige Nahrungsmittel zur Abholung angeboten.

Alternativ können die Esswaren auch in so genannten "FairTeilern", Kühlschränken in Amtshäusern, Restaurants oder Geschäften wie der BioWerkstatt im ersten Wiener Bezirk deponiert werden. Dort landen auch jene Lebensmittel aus 500 Betrieben, die österreichweit 984 "Foodsaver" aktiv vor der Tonne retten. Sofern die Qualität passt - denn das ist den ehrenamtlichen Essensrettern und Betreibern der Einrichtungen wichtig: "Wir prüfen die Waren auf ihr Ablaufdatum und ob sie geöffnet wurden", erklärt BioWerkstatt-Inhaberin Michaela Russmann, "Offenes wird extra kontrolliert und je nach Einschätzung weggeworfen oder nicht. Offene Teepackerl finden wir in Ordnung, offene Chips nicht." Bedienen kann sich jeder, der die Lebensmittel braucht. So die Theorie.

In der Praxis allerdings wird mit diesen Maßnahmen nur ein Teil der potenziellen Zielgruppe angesprochen. So muss bei Sozialeinrichtungen oftmals ein Einkommensnachweis erbracht werden, und auch die FairTeiler sind nicht jedermanns Geschmack: "Menschen, die zu uns kommen, sind zu 90 Prozent eher unangenehm berührt. Sie fragen ungern, ob etwas im Fair-Teiler liegt", hat Russmann festgestellt. Ähnliches hat auch Maria Kalleitner-Huber in Gesprächen mit Nutzern bemerkt: "Für einige Menschen stellt es eine Hürde dar, in ein Restaurant zu gehen und Waren aus einem Kühlschrank zu nehmen, ohne etwas zu konsumieren", weiß sie. Genau da möchten die UrbanFoodSpots zusätzlich mir ihrem System die Zielgruppen bedienen, die derzeit nicht abgedeckt sind und so die Lebensmittelrettung auf eine breitere Basis stellen.

UrbanFoodSpots - oder wie auch immer sie heißen werden - sollen für etwas stehen: für das Ziel von uns allen, den Wert von Essen zu transportieren und die Lebensmittelverschwendung nachweisbar zu reduzieren.

Maria Kalleitner-Huber

Um Letzteres zu gewährleisten, war es den Forschern wichtig, potenzielle Nutzerinnen und Nutzer von Anfang an in den Design-Prozess der UrbanFoodSpots einzubeziehen: "Der Knackpunkt ist schließlich: Werden die Menschen das System annehmen?", so die Projektleiterin, die in der kürzlich abgeschlossenen Erhebungsphase deren Anforderungen, aber auch Sorgen erhoben hat. Von Vandalismus bis hin zur Angst vor Vergiftung reicht dabei die Palette. Welche Lebensmittel dürfen in die UrbanFoodSpots? Wie stellt man sicher, dass die Waren in Ordnung sind? Was passiert, wenn etwas passiert? Und wie entsteht eine lebendige Community um die Spots? Diesen Fragen widmet sich das Forscherteam in der Konzeptionierungsphase genauso wie den rechtlichen sowie ökologischen Aspekten.

Einige Fragen sind noch offen

"Wir möchten so wenig Hürden wie möglich einbauen", betont Kalleitner-Huber, "aber eine gewisse Regulierung wird es brauchen." Das haben die Forscherinnen nicht nur im Laufe der Erhebung herausgefunden, auch eine aktuelle Entwicklung bestätigt diese Entscheidung: In Berlin stehen derzeit einige öffentlich zugängliche Fair-Teiler der Foodsharing-Initiative vor der Schließung, weil die Lebensmittelämter unhygienische Zustände dokumentiert haben. Damit das in Wien nicht passiert, müssen zusätzliche Maßnahmen und Regelungen bezüglich Qualität sowie Zustand der Lebensmittel getroffen werden. "Ursprünglich hatten wir auch an eine weitgehende Eigenverantwortung der User wie bei den FairTeilern gedacht", so die Expertin des Ökologie-Instituts, "aber wir haben festgestellt, dass es eine geregelte Eingangskontrolle der Waren sowie eine Aussortierung möglicher nicht brauchbarer Lebensmittel geben muss." Für die UrbanFoodSpots sollen sich deshalb Institutionen oder eine zentrale Stelle verantwortlich zeichnen, die den Lebensmittelunternehmen-Status besitzen. Inwieweit auch die Nutzerinnen und Nutzer Aufgaben wie das Reinigen der Kühlstationen oder die Annahme der Waren übernehmen können, ist noch offen.

Bis 2017 sollen diese Punkte in Zusammenarbeit mit den Experten von Sozialeinrichtungen und Foodsharing geklärt sowie Kooperations- und Finanzierungs-Partner für die nächste Phase gefunden werden. Dann gilt es Prototypen zu bauen und diese in Wien auszuprobieren. "Später ist das Konzept auch auf andere Städte übertragbar", sieht Kalleitner-Huber das Potenzial, und betont: UrbanFoodSpots sollten mehr sein als Kühlstationen an öffentlichen Plätzen. "UrbanFoodSpots - oder wie auch immer sie heißen werden - sollen für etwas stehen", stellt die Projektleiterin klar, "für das Ziel von uns allen, den Wert von Essen zu transportieren und die Lebensmittelverschwendung nachweisbar zu reduzieren."

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