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Von Gänsen und Menschen

Das Martinsfest steht in engem Zusammenhang mit intensiver Gänsemast. Eine christliche Ethik wird sich fragen müssen, wie es den Tieren dabei geht.

In seinem Roman "Das Leben der Tiere" beschäftigt sich der südafrikanische Schriftsteller und diesjährige Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee mit dem Verhältnis von Menschen und Tieren. Im folgenden Ausschnitt aus seinem Buch hält die Schriftstellerin Elisabeth Costello einen Vortrag in der kleinen US-amerikanischen Stadt Waldham. Sie sagt in ihrer Rede: "Heute Vormittag hat man mir Waldham gezeigt. Es scheint eine recht angenehme Stadt zu sein. Ich habe nichts Schreckliches gesehen, keine Versuchslabors der Pharmaindustrie, keine Großmästereien, keine Schlachthöfe. Und doch bin ich mir sicher, dass es sie gibt. Es muss sie geben. Sie machen nur keine Reklame für sich. Ich will es deutlich sagen: Rings um uns herrscht ein System der Entwürdigung, der Grausamkeit und des Tötens, das kein Ende kennt, unaufhörlich Kaninchen, Geflügel, Vieh für das Messer des Schlächters auf die Welt bringt."

Objekt statt Mitgeschöpf

Die Beschreibung Elisabeth Costellos ist zutreffend: Tiere werden von Menschen häufig nicht als leidensfähige Mitgeschöpfe betrachtet und behandelt, sondern als beliebig verfügbare Sachen und Objekte, als industriell nutzbare Fleischlieferanten und als Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung. Massen- und Intensivtierhaltung sind Beispiele dafür, aber auch Tierversuche und Tiertransporte, Treibjagd und Fischfang, Stierkampf und andere Formen des tierquälerischen Brauchtums. Gerade der mit christlichen Heiligen- und Hochfesten in Zusammenhang stehende Anstieg des Fleischkonsums und die damit verbundene enorme Zunahme des Tierleids sind von der theologischen Ethik bisher kaum wahrgenommen worden.

In welchem Zusammenhang Gänse mit dem heiligen Martin von Tours (316-397) stehen, ist unklar. Manche vermuten, dass der traditionelle mittelalterliche Gänsebratenschmaus vor Beginn der adventlichen Fastenzeit irgendwann auf den Festtag des hl. Martin gelegt wurde. Andere verweisen auf Legenden, zum Beispiel jene von der Flucht des hl. Martin in einen Gänsestall, als man ihn zum Bischof machen wollte, er sich jedoch für unwürdig hielt. Als Martin im Gänsestall gesucht wurde, verrieten ihn die Gänse durch ihr aufgeregtes Geschnatter: Pech für Martin, noch größeres Pech für die Gänse. Denn sollte das Geschnatter der Grund für die Gänseverspeisung zum Martinsfest sein, dann haben die Gänse ihr Verhalten teuer bezahlt.

Über 90 Prozent der Martinigänse auf österreichischen Tischen werden aus dem Ausland importiert, vorwiegend aus Ungarn, Polen, Frankreich und Bulgarien. Sie stammen zum Großteil aus so genannten Mastfarmen, denen die schnelle Steigerung ihres Profits und des Gewichts der Tiere am Herzen liegt, keineswegs aber eine artgerechte Tierhaltung. Während eine Freilandgans mehr als 20 Wochen benötigen würde, um das ideale Schlachtgewicht zu erreichen, wird dieses Ziel mit konzentriertem Mastfutter in etwa der Hälfte der Zeit erreicht. In der Regel steht einer Mastgans weniger als ein halber Quadratmeter Platz zur Verfügung. Dazu kommen künstliche Lichtquellen, die den Tieren einen längeren Tagesrhythmus vorgaukeln, um sie zum übermäßigen Fressen zu animieren.

Aus ethischer Perspektive ist eine solche Intensivtierhaltung strikt abzulehnen: Die menschliche Lust, Martinigänse und Truthahnschinken, Wiener Schnitzel und Hamburger zu verspeisen, ist kein ausreichender Grund, Tiere grauenvoll zu quälen, ihnen angemessene Ernährung und Verpflegung vorzuenthalten, ihnen einen artgemäßen Bewegungsraum zu verwehren. Dabei geht es den Mastgänsen noch gut im Vergleich zu den Millionen von Gänsen, die der grauenvollen Tortur des Stopfens unterzogen werden, um die "Delikatesse" der Gänseleberpastete herzustellen. Es soll auch eine Anzahl von Klöstern geben, in denen Gänseleberpastete mittels extrem tierquälerischer Methoden produziert wird.

Tierfreundlicher Herr Abt

Ganz anders verhält sich Joachim Angerer, der bekannte Abt des Stiftes Geras. In einer Werbekampagne für den Konsum artgerecht gehaltener Gänse lässt er sich mit einer Schar "Waldviertler Weidegansln" abbilden. Artgerechte Tierhaltung, so heißt es im beigefügten Text, wird vom Abt für selbstverständlich gehalten, weil "naturnah auch schöpfungsnah bedeutet". Gut so: Wer wie der Herr Abt partout nicht auf seine Martinigans verzichten will, sollte unbedingt zu Fleisch aus artgerechter Tierhaltung greifen, wie es in Bioläden und gelegentlich auch in Supermärkten angeboten wird.

Der Vegetarismus geht über artgerechte Tierhaltung hinaus. Vegetarier bezweifeln, dass der Mensch überhaupt berechtigt ist, Tiere aus reiner "Fleischeslust" zu töten. Sie führen gute Gründe an, warum ein vegetarischer Lebensstil, der auf Fleisch und Fisch verzichtet, sittlich erstrebenswert ist. (Veganer meiden zusätzlich Tierprodukte wie Milch und Honig.) Unter heutigen Lebensbedingungen besteht zumindest in den wohlhabenden Ländern des Westens überhaupt keine Notwendigkeit, Tiere für die menschliche Ernährung zu töten. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich zum heute üblichen Fleischkonsum ist vegetarische Ernährung gesünder und umweltschonender, sie ist menschenfreundlicher, tierfreundlicher und schöpfungsfreundlicher.

Vegetarier liegen im Trend: Sie werden zunehmend nicht als schrullige Außenseiter betrachtet, sondern als besonders verantwortungsvolle Menschen. Einer empirischen Studie an der Arizona State University zufolge werden Vegetarier als moralischer und rücksichtsvoller eingestuft als Fleischesser. Bei zahlreichen jungen Menschen gilt der Verzicht auf Fleisch als ausgesprochen "cool". Vorreiter eines vegetarischen Lebensstil unter den westlichen Ländern ist Großbritannien. 5,7 Prozent der Bevölkerung leben dort fleischlos, und die Vegetarische Gesellschaft verzeichnet pro Woche einen Zuwachs von mehr als 2.000 neuen Mitgliedern.

Fleischliche Abstinenz

Aus Großbritannien kommen auch wesentliche tierethische Impulse für das Christentum: der hl. Richard von Chichester (1197- 1253) ist zu nennen - und William Cowherd, der 1809 in Manchester eine freikirchliche christliche Gemeinschaft gründete, die Fleischabstinenz übte. Aus der heutigen Zeit ist der Tier-Theologe Andrew Linzey zu erwähnen. Linzey, der als Dozent an der Universität Oxford das Fach "Theologie und Wohlergehen der Tiere" lehrt, hat die Bilanz des kirchlichen Einsatzes für die Tiere als "beklagenswert" bezeichnet. Trotz dieser Kritik hat ihm der Erzbischof von Canterbury für sein tierethisches Engagement 2001 ein Ehrendoktorat verliehen.

Bereits im Jahre 1776 hat der anglikanische Geistliche Humphrey Primatt erklärt, dass Grausamkeit gegenüber Menschen und Tieren die schlimmste aller Häresien sei. Die christliche Geschichte wäre auch in Bezug auf die Tiere weniger blutig verlaufen, hätte man Humphreys Botschaft ernst genommen.

Der Autor ist ao. Universitätsprofessor für Ethik und Christliche Gesellschaftslehre in Graz.

BUCHTIPP:

DAS LEBEN DER TIERE

Von J. M. Coetzee. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2000. 93 Seiten,

broschiert, e 10,30.

Martinigansl & Daunen

Informationsbroschüre der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten". Zu bestellen unter (01) 895 02 02-0.

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