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Wachstum - noch nicht verstanden

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Wachstum auf Dauer ist unmöglich. Die Gründe, die den Ausstieg erschweren, untersucht ein neues Buch. Ein Gespräch mit dem Herausgeber.

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Wachstum auf Dauer ist unmöglich. Die Gründe, die den Ausstieg erschweren, untersucht ein neues Buch. Ein Gespräch mit dem Herausgeber.

DIEFURCHE: Sie haben die Gründung eines Club of Vienna angekündigt Was hat er sich vorgenommen3 BUPERT RIEDL: Nach den „Grenzen des Wachstums” haben wir uns gesagt: Wir sind auf dem halben Weg. Man muß weitermachen, erstens, nun die Ursachen des Wachstums systematisch zu erforschen, wir haben in unserem neuen Buch ja nur gesammelt, was schon in den Köpfen einiger Leute da war. Zweitens geht es darum, nun Steuerungsmechanismen anzubieten. Diese Unternehmung ist zweifellos zu groß für diesen Zwergengarten.

DIEFURCHE: Für den Zwergengarten Österreich oder den Zwergengarten Altenberg?

RIEDL: Altenberg mit seinen räumlichen und administrativen Grenzen. Der Club wird nächste Woche hier in Altenberg offiziell gegründet. Wir konnten Klaus Woltron, einen auch politisch versierten Industriellen, gewinnen, die Federführung zu übernehmen.

DIEFURCHE: Von welchen Seiten erwarten Sie Unterstützung? RIEDL: Ich erwarte mir von den Institutionen relativ wenig, sowohl von den Ministerien als auch von unseren Industrien, weil sie alle in außerordentlichen Zugzwängen stecken.

DIEFURCHE: Von wo soll also die Änderung ausgehen?

RiEDL: Ich glaube, von der Aufklärung der Bevölkerung. Wir haben gesehen, daß jede vernünftige Einsicht sofort politisch umsetzbar wird, sobald eine Majorität in der Bevölkerung zumindest vermutet werden kann. Ein Beispiel sind die Maßnahmen gegen die Treibhausgase. Zuerst lehnte die Industrie jede Alternative zu den FCKW-Spraydosen ab. Als weniger als zehn Prozent, ich glaube, es waren sieben, beim Einkaufen nach Sprays ohne Treibgas fragten, waren die nach wenigen Wochen auf dem Markt, wenige Monate später haben die Firmen dafür geworben.

DIEFURCHE: Aber kann denn alles von unten ausgehen? Wie soll das geschehen1

RIEDL: Die Einsicht der Bevölkerung ist entscheidend. Der Bürger muß die Möglichkeit haben, zwischen Prosperität und Lebensqualität zu unterscheiden. Er soll erfahren, daß die Lebensqualität nur einige Zeit mit der Prosperität gemeinsam steigt, dann trennen sich die beiden. Ein zweites Phänomen ist der Unterschied zwischen Bruttonatio-nalprodukt und Bruttonationalvermögen. Man muß lernen, daß mit der Steigerung des Brutto-nationalprodukts Bruttonationalvermögen zerstört wird, Böden, Wälder und so fort. Wer hat jemals Bruttonationalvermögen berechnet?

DIEFURCHE: Man kann nicht künftigen Wert antizipieren

RIEDL: Nein, aber ich kann berechnen, was es kosten würde, hundert Hektar Hochwald, der weg ist, wieder aufzubauen, einen halben Meter Humus achtzig Jahre lang zu betreuen, bis der Wald wieder steht. Das kann sich kein Land mehr leisten. Also haben wir einen Verlust von Vermögen, während die Prosperität steigt.

diefurche: Wir haben aber derzeit keine Prosperität Prosperität wird mit Konjunktur und Beschäftigung gleichgesetzt, wir haben Arbeitslosigkeit Sie erwarten von der Bevölkerung große Opfer.

riedl: es ist eben die Frage, zu erforschen, beispielsweise in demoskopischen Untersuchungen, wie unsere Empfehlungen ankommen werden.

diefurche: Im Buch ist viel die Rede von der Umwelt, dabei spielt aber eben jenes Problem, das den Menschen am nächsten geht, die Arbeitslosigkeit, keine Rolle. Sie erscheint nicht in die Konzeptionen integriert riedl: Das wäre ja nicht eine Erforschung der Wesenszusammenhänge, sondern da nähern wir uns einer Aufgabe des Alltags. Sie ist viel zeitgebundener als die Gesamtübersicht. Das österreichische Publikum erfährt fast täglich aus dem Fernsehen, welche Katastrophe es ist, daß das Wachstum schon wieder nur eineinhalb Prozent beträgt, drei Prozent wären das Minimum, um den Absturz zu vermeiden, fünf Prozent wären besser. So ein Wachstum verdoppelt aber den Durchzug von Energie, Material, was auch immer, in 15 Jahren, das bedeutet eine Vervierfachung in 30 Jahren, eine Verachtfachung in einer Generation.

diefurche: Die Reduktion der Koppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch ist im Gang. Aber selbst die Hälfie bedeutet ja noch immer in 30 Jahren das Vierfache. Auch das wäre eine ökologische Katastrophe. riedl : Ja. Hier hat der Club of Vienna nicht nur Rezepte zu geben, wie eingebremst werden kann, sondern die Dinge wirklich ganz zu verstehen. Der Club of Rome befaßt sich mit den

Wachstumsgrenzen, der Klub von Budapest mit den Grenzen der Phantasie und Ingeniosität, und wir wollen eine Sachkunde des Vorgangs selber machen.

diefurche: Wie könnte das politisch wirksam werden3

riedl: Ich bin kein Hellseher. Was ich wirklich möchte, ist, daß meine Enkel einmal sagen können, ob der Großvater etwas zustandegebracht hat, wissen wir nicht, aber daß er sich bemüht hat, ist sicher. Wenn sich viele bemühen, entsteht jedenfalls Druck.

diefurche: Das eine Apfelbäumchen, das man pflanzt, ist also die Theorie, das andere die Praxis. Die gehört doch auch zu Ihren Aktivitäten dazu, oder? riedl: Allerdings ist nicht vorherzusehen, ob es überhaupt eine Lösung gibt. Aber daß eine Lösung durch Kenntnis wahrscheinlicher wird, ist auch sicher. Wenn man keine Ahnung hat, wird man weiter in alles hineintappen. Wenn Sie ein aktuelles Beispiel wollen: Nehmen wir die Sonntagsarbeit. Um konkurrieren zu können, müssen wir auch am Sonntag arbeiten. Es gelingt uns nur noch, die Prosperität anzukurbeln, und das ist absurd. Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

mefürche: Das Buch über die Ursachen des Wachstums liegt nun vor, wie soll es weitergehen? riedl: Der Club of Vienna ist eine Knospe des Autorenverbandes des Buches über die Ursachen des Wachstums, und der ist eine Knospe unseres zweiten Symposions zur Evolutionären Erkenntnistheorie. Der Ansatz war, daß Wissenschaftler verschiedener Disziplinen eine gemeinsame Sprache finden sollten. So entstand die Gruppe zur Untersuchung der Ursachen des Wachstums, die Kontakt mit Denis Meadows aufnahm. Der Club of Rome hatte die Grenzen des Wachstums relativ richtig erkannt, das Wachstum ging ex-ponentiell weiter. Vielleicht, weil die Ursachen des Wachstums noch nicht untersucht sind. Die Verklammerung der Gebiete ist geglückt, doch wurden nicht alle Fragestellungen aufgeschlossen.

Nicht alle Autoren konnten sich entschließen, die ganze Wahrheit anzufassen, zum Beispiel, die Juristerei so weit zu durchleuchten, daß erkennbar wurde, daß Becht ein der Macht nachfolgendes Prinzip ist. Das Becht stützt die Notwendigkeiten des jeweils Stärkeren. Etwa, wenn Bauernland enteignet wird, wo ein Hochspannungsmast stehen oder eine Autobahn gebaut werden soll. Das nehmen wir heute als selbstverständlich. Noch wird nicht deutlich erkennbar, was gutes und schlechtes Wachstum ist. Aber aus einer Anthologie ein orchestriertes Werk zu machen, schafft ja fast niemand. Es gibt noch viele offene Fragen. Es ist nun unsere Aufgabe, herauszufinden, ob wir Strategien anbieten können.

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