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Weitermachen wie bisher oder Überleben sichern

1945 1960 1980 2000 2020

So erfreulich die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahrzehnten auch sind, so notwendig ist es, die weitere Entwicklung nicht nur nach rein wirtschaftlichen Kriterien zu steuern. Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit.

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So erfreulich die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahrzehnten auch sind, so notwendig ist es, die weitere Entwicklung nicht nur nach rein wirtschaftlichen Kriterien zu steuern. Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit.

Wenn nach den tragischen Ereignissen im Kosovo der Blick wieder freier wird für die ökologischen Probleme an der Wende zu einem neuen Jahrtausend, bleibt festzustellen, daß die saturierte Gesellschaft (des "homo consumens") der reichen Länder in einer (verlogenen) Traumwelt lebt.

Die Zukunft hat längst begonnen. Während die EU und die USA immer noch ökologische Erfordernisse ökonomischen Zwängen unterordnen, werden die dramatischen Mahnungen der Wissenschafter immer lauter: "Unsere Gesellschaft benötigt einen grundlegenden Konsens über den Weg in die Zukunft: Weitermachen wie bisher - oder langfristige Sicherung des Überlebens. Denn Zeit ist, was fehlt. Unsere Generation ist die letzte, die in der Lage ist, zu agieren, statt zu reagieren. Wenn die Erde im Jahr 3000 noch lebensfähig sein soll, dann reicht es nicht, von ökologischen Visionen zu träumen oder über sie zu diskutieren. Ihre Umsetzung kann nicht auf die oft nachhinkenden Aktionen von oben warten, sondern muß auch von unten eingefordert und eingeübt werden. Noch nie war die Notwendigkeit und die Chance zur Veränderung so groß wie heute."

Diese Feststellung ist eine zentrale Aussage im Buch "Ökologische Gesellschaftsvisionen - kritische Gedanken am Ende des Jahrtausends", das zu kontroversiellen politischen Diskussionen führte. Die Autoren - überwiegend junge Wissenschafter - analysieren darin die Notwendigkeit einer ökologischen Trendwende zur Kreislaufwirtschaft mit deutlichen Worten: "In einer erdgeschichtlich vernachlässigbaren Wirkungsperiode ist es gelungen, das natürliche Gleichgewicht des Ökosystems Erde massiv zu stören und teilweise zu zerstören."

Professor Eduard Pestel, einer der Gründungsväter des Club of Rome und Ingenieurwissenschaftler mit einem umfassenden Wissensdrang, begeisterte sich für die Idee eines Weltmodells ("Grenzen des Wachstums"). Mit einem Team von jungen Wissenschaftern hatte er Daten von 1970 auf das Jahr 2000 hochgerechnet.

1992 erschien eine weitere Studie ("Die neuen Grenzen des Wachstums"), verfaßt vom Ehepaar Donella und Denis Meadows und Jorgen Randers. Sie gingen von ihrem 1972 weltberühmt gewordenen Modell aus und fütterten es mit den Daten aus dem Jahr 1990.

Was brachten die Weltmodelle?

Zwanzig Jahre später zogen sie damit eine erste Bilanz der 1972 getroffenen Voraussagen über die Entwicklung der Weltwirtschaft. Hatte der erste Bericht 1972 in seinen Szenarien bei wachsender Weltbevölkerung sowie steigender Güterproduktion und zunehmenden Dienstleistungen vor allem den Engpaß in der Rohstoffversorgung angenommen, so zeigt die Bilanz von 1990 Entwarnung an der Rohstofffront an.

Zum einen hatten sich die Reserven als größer erwiesen als damals angenommen; zum anderen hat die steigende Recyclingquote zu einer Entlastung geführt. Zum dritten ermöglichte es vor allem der technische Fortschritt, Rohstoffe effizienter zu nutzen.

Befindet sich nun also die Menschheit im freien Fall? Ökonomisch betrachtet, gliedert sich die Welt, wie der "Club of Rome" in seinen bisherigen Publikationen nachweist, in drei große wirtschaftliche Zentren: 360 Millionen Menschen leben in der NAFTA (North American Free Trade Agreement). In ihr haben sich die USA, Kanada und Mexiko 1994 zusammengeschlossen. Dann gibt es Westeuropa mit etwa 380 Millionen und schließlich die Wachstumsregionen des pazifischen Raums mit rund 750 Millionen Menschen, davon 120 Millionen Japaner, die Sonderwirtschaftszonen Chinas nicht zu vergessen.

Faktum ist, daß diese rund 1,5 Milliarden Menschen etwa 85 Prozent der gesamten Weltwirtschaftsleistung verbrauchen.

Außerhalb dieser Triade, im sogenannten "Süden" des Planeten, leben die übrigen rund 4,5 Milliarden Menschen weitgehend in Armut. Sie erwirtschaften heute aber nur 15 Prozent des Weltbruttosozialprodukts. Und jedes Jahr kommen weitere 100 Millionen Menschen dazu!

Die Bevölkerung in den Regionen, die bereits heute einen hohen Lebensstandard haben oder dabei sind, ihn mit hohen Wachstumsraten zu erreichen, wie etwa in Südostasien, wird vielleicht auf zwei Milliarden anwachsen, und die Bevölkerung in der Dritten Welt wird sich nochmals knapp verdoppeln.

Im Buch "Ökologische Gesellschaftsvisionen" ist nachzuvollziehen, daß sich die Menschheit ohne Kurskorrektur im freien Fall befindet, weshalb die politische Realisierung des Konzeptes "Nachhaltige Entwicklung", (Sustainable Development), zuletzt auch beim informellen EU-Agrarministerrat in Dresden diskutiert, das politische Zukunftsprogramm wäre.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre der Übergang vom Konzept des Bruttosozial- zu dem des Ökosozialprodukts. Die derzeit weitgehend anerkannte Definition von nachhaltiger Entwicklung wurde erstmals 1987 im Brundtland-Report formuliert. In diesem Bericht wird nachhaltige Entwicklung als eine definiert, die auf die Bedürfnisse der Gegenwart eingeht, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen einzuschränken.

Im neuen Club of Rome Bericht ("Mit der Natur rechnen") wiederum wird das Modell der ökologischen Gesamtrechnung vorgestellt: Also der Übergang vom Bruttosozialprodukt zum Ökosozialprodukt.

Die Autoren kritisieren die bisher einseitige ökonomische Ausrichtung volkswirtschaftlicher Rechenmethoden. Festgehalten wird, daß die Wachstumsraten des Bruttosozialproduktes, die jedes Jahr von den Regierungen veröffentlicht werden, zwar zeigen, daß die Wirtschaft um einen bestimmten Prozentsatz expandiert. Ein großer Teil dieser Zunahmen werde jedoch durch Faktoren bewirkt, die nicht notwendigerweise zu unserem Wohlstand beitragen. Andere hingegen, die - insgesamt betrachtet - eine Steigerung des Wohlergehens der Menschen bedeuten, finden nicht oder nicht ausreichend ihren Niederschlag in den Berechnungen.

Zwischen Wohlstand und Wohlergehen Im Buch "Mit der Natur rechnen" wird daher dafür plädiert, einen methodologischen Unterschied zwischen "Wohlstand" und "Wohlergehen" einer Gesellschaft zu machen.

* Wohlstand ist ein Zustand, der sich aus der Befriedigung von Wünschen und Bedürfnissen ergibt, und zwar aufgrund unseres Umgangs mit knappen Mitteln.

* Wohlergehen ist ein Zustand, der sich aus der Befriedigung von Wünschen und Bedürfnissen ergibt, und zwar aufgrund unseres Umgangs mit knappen Mitteln und nichtwirtschaftlichen Faktoren.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich eine Reihe von konkreten Empfehlungen. Sowohl der "Club of Rome" wie auch die Autoren des Reports "Ökologische Gesellschaftsvisionen" rufen die Politik eindringlich auf: * die Integration von Werten der ökonomischen Umweltnützung in das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) zu unterstützen; * die ökologische Steuerreform als langfristiges Zukunftskonzept (Entlastung der Arbeit, Belastung der fossilen Rohstoffe, Budgetneutralität) schrittweise umzusetzen; * private Investitionen für Arbeitsplätze zu fördern sowie den Subventionsdschungel in den Industriestaaten zu durchforsten; * die internationale Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und Organisationen (Forschungseinrichtungen, OECD, WTO, FAO, EU-Kommission, Weltbank) zu verstärken und n die Umweltberichterstattung zum Bestandteil nationaler Nachhaltigkeitsstrategien auszubauen.

Fazit: Der Mensch soll im Mittelpunkt der Wirtschaftstheorie stehen und nicht ausschließlich die Jagd nach Wachstum und Verdrängung der Konkurrenten vom Markt.

Der Autor ist Gruppenleiter im Bundesminsterium für Land- und Forstwirtschaft in Wien.

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