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Wenig Schnee auf unseren Bergen

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Österreichs Winterfremdenverkehr ist gefährdet, weil Bergregionen besonders sensibel auf ein wärmeres Klima reagieren.

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Österreichs Winterfremdenverkehr ist gefährdet, weil Bergregionen besonders sensibel auf ein wärmeres Klima reagieren.

Jedes Jahr ist ein neues Rekordjahr. Auch das 21. Jahrhundert hält, was das 20. Jahrhundert versprochen hat: Soviel November-Regen wie es seit 100 Jahren nicht gegeben hat, das Jahr 2000 mit zwei Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt auf Rekordkurs. Allein der November lag zwischen drei und vier Grad über dem langjährigen Durchschnitt und noch immer ist kein Schnee in Sicht.

Es ist anzunehmen, dass Österreich angesichts der äußerst empfindlichen Ökosysteme der Bergregionen auf eine Klimaänderung sehr sensibel reagieren wird. 70 Prozent der Fläche Österreichs liegen mehr als 500 Meter und 40 Prozent mehr als 1.000 Meter über dem Meeresspiegel.

Berggebiete weisen äußerst komplexe Wettermuster auf, weil deren spezifische Topographie die Dynamik und die thermischen Eigenschaften der Atmosphäre stören. Das macht es sehr schwierig, die Auswirkungen der Klimaänderungen für diese Regionen vorauszusagen.

Aus der Analyse österreichischer Klimadatenreihen konnte nachgewiesen werden, dass die beobachtete Erwärmung um 1,8 Grad Celsius seit Mitte des letzten Jahrhunderts besonders die höheren Lagen bis in eine Höhe von zumindest 3.000 Metern erfasste. Statistische Methoden liefern Hinweise, dass der zu erwartende Temperaturanstieg im alpinen Raum über dem globalen Mittel liegen könnte.

Während die weltweite Durchschnittstemperatur seit 1900 um 0,7 Grad Celsius gestiegen ist, ist es im Alpenraum nun im Schnitt um zwei Grad wärmer. Dies stimmt mit den Ergebnissen regionaler Schweizer Klimamodelle überein, deren Auswertung ebenfalls eine stärkere Erwärmung in den Höhen als in den Tälern gezeigt hat. Die Messungen der alpinen Temperaturstation Kornat im Bezirk Hermagor (1050 Meter) belegen, dass im Laufe von 30 Jahren (1962 bis 1992) eine Erwärmung um 0,8 Grad von statten ging.

Die alpine Umwelt ist auf zweierlei Weise durch eine Klimaänderung bedroht: Die direkten Auswirkungen sind Schäden an Vegetation und Ökosystemen, die zu einer verminderten Widerstandskraft und einer erhöhten Katastrophenanfälligkeit der Umwelt führen.

Als indirekte Auswirkungen werden die menschlichen Eingriffe in die Natur zunehmen, um den Wintertourismus aufrecht zu erhalten. Konflikte mit dem Naturschutz werden daher nicht ausbleiben.

Wird nun die Schisaison kürzer? Da die Länge der Schisaison bereits von geringen Klimaschwankungen empfindlich beeinflusst werden kann, sind beträchtliche sozialwirtschaftliche Einbußen für jene Gemeinden zu erwarten, die große Investitionen in den Schitourismus getätigt haben. Auf längere Sicht wird in Regionen unter 1.600 Metern Seehöhe die Ausübung der Wintersportarten nur noch sehr eingeschränkt möglich sein.

Eine dauerhafte Schneedecke wird es in manchen Ausnahme-Wintern geben. Tiefer liegende Gebiete sind besonders betroffen, während hoch gelegene Gebiete den durch eine Erwärmung verursachten Schneemangel kaum fürchten werden müssen.

Bis zu drei Wochen weniger Schneelage Ersten Ergebnissen zufolge soll ein Anstieg der europäischen Durchschnittstemperatur um ein Grad je nach Höhenlage zu einer Verkürzung der winterlichen Schneebedeckung um bis zu drei Wochen führen. Im sensiblen Höhenbereich von etwa 600 bis 1.400 Meter wird die geschlossene, mindestens fünf Zentimeter hohe Schneedecke im Winter um rund sechs Wochen und im Frühjahr um etwa vier Wochen weniger lang anhalten. Bei diesen Zeiträumen sind auch Schneekanonen keine wirtschaftlich interessante oder ökologisch vertretbare Lösung mehr - um Schisport zu betreiben, ist eine Schneedecke von etwa 30 Zentimetern notwendig.

Die Saison wird bei einer Erwärmung um 0,75 Grad um rund eine Woche verkürzt, bei 1,5 Grad Celsius um rund zwei Wochen, wobei gerade die ertragreiche Weihnachtswoche am meisten gefährdet ist.

Eine relativ geringe Erwärmung von 0,75 Grad kann daher schon zu einem Rückgang von rund zehn Prozent der Wintertourismuseinnahmen führen. Hierbei handelt es sich aber um einen österreichischen Durchschnittswert, ungünstig gelegene beziehungsweise stark spezialisierte Gebiete könnten weit höheren Schaden erleiden. Die meisten von ihnen stünden vor dem wirtschaftlichen Bankrott.

Sind die Gletscherschigebiete eine Alternative? Als erste Folge einer Klimaänderung gilt der ökonomische Flop der acht österreichischen Gletscherschigebiete, die für den Sommerschilauf erschlossen wurden. Die Gletscher schmelzen ab. Die Schneekanonen am Mölltaler Gletscher sprechen eine deutliche Sprache.

Die Gletscherschigebiete könnten aber mit Fortschreiten der Klimaänderung zunehmend Bedeutung für den Winterschilauf bekommen. In jedem Fall jedoch sind Eingriffe hier ökologisch schwer verkraftbar, nicht zuletzt aufgrund des Einsatzes von Chemikalien am Ursprung von Trinkwasserreserven. Gewisse, hochgelegene Nobelschigebiete, welche die Anzahl der (Tages-)Gäste zu limitieren versuchen, würden mehr, in diesem Fall unerwünschten Zulauf erhalten. Ein "Qualitätstourismus" wäre unter diesen Voraussetzungen wohl kaum möglich. Indirekt kann es aber auch hier infolge einer Klimaänderung zu Geschäftsrückgängen kommen, wenn das kaufkräftige Publikum in andere, exklusivere Destinationen abwandert.

Wieviel kostet nun der Temperaturanstieg? Die Verluste im Wintertourismus schmälern das österreichische Volkseinkommen um rund 0,5 Prozent pro Grad Celsius Erwärmung. Bedenkt man weiters die Abhängigkeit anderer Wirtschaftssektoren dürften die Gesamtverluste ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.

Die Anpassung ist kostspielig Konsequenzen einer Klimaänderung wären der Ausbau und die Neuerschließung hochalpiner Wintersportregionen, um Verluste in Tallagen wettzumachen. Konflikte mit dem Naturschutz sind auch in diesem Fall programmiert. Aufgrund der gültigen Gesetzeslage ist es nicht möglich, in geschützten hochalpinen Regionen neue Schigebiete zu erschließen.

Zwischen 1992 und 1997 wurden fünf Milliarden in die Errichtung von Beschneiungsanlagen investiert. 1996 lag die Summe noch bei 610 Millionen Schilling, 1999 baute man bereits um 1,1 Milliarden Schilling künstliche Beschneiungsanlagen. Ohne Kunstschnee geht heute nichts mehr: Von 700 Kilometern Pisten in Kärnten sind bereits 60 Prozent - das entspricht 420 Kilometern - künstlich beschneit! Sie müssen den klimabedingten Schneeverlust ausgleichen.

Beschneiungsanlagen sind äußerst ressourcenintensiv. Sie verbrauchen große Mengen an Wasser und Energie. Sie können also nicht als Signal in die richtige Richtung verstanden werden und stehen im Widerspruch zu den Bemühungen Österreichs, die CO2-Emissionen im Zeitraum 1988 bis 2005 um 13 Prozent zu senken.

Niedriggelegene Orte sind die Verlierer Wer sind die Gewinner - wer die Verlierer? Eine Politik des regionalen Ausgleichs wird zunehmend schwieriger. Ökonomische Disparitäten werden im Zuge einer Klimaänderung steigen. Geographisch höher gelegene Wintertourismusgemeinden sind bereits heute wohlhabender als andere. Für hochgelegene Schigebiete bringt die Klimaänderung weitere Wettbewerbsvorteile. Tieferliegende Wintertourismusgebiete werden zunehmend verarmen. Die schon vorhandene Schuldenlast vieler Gebiete wird diesen Prozess stark beschleunigen.

Insgesamt werden in den Alpen elf Prozent aller weltweiten Einnahmen des Fremdenverkehrs erzielt. In Österreich ist etwa ein Drittel aller wirtschaftlichen Aktivitäten mit dem Tourismus verbunden. In den österreichischen Alpen werden Winter für Winter mehr als 60 Millionen Übernachtungen gezählt. Der Wintertourismus erzielt ungefähr die Hälfte der touristischen Wertschöpfung. Dies ist mehr als drei Prozent des österreichischen Bruttoinlandsproduktes. Es ist daher zu befürchten, dass die wirtschaftlichen Folgen einer Klimaänderung im Tourismusland Österreich bzw. in Kärnten umfangreicher sein werden als in irgendeinem anderen Land mit vergleichbarem Entwicklungsstand.

Die Autoren sind Mitarbeiter von Klimabündnis Kärnten.