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Wenig Spielraum für Studenten

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Die Streichung der Freifahrt, die Koppelung der Familienbeihilfe an eine gewisse Studiendauer und die Nichtanerkennung der Studienjahre als Sozialversicherungszeit würden so gut wie alle Studenten treffen. Bei der Österreichichen Hochschülerschaft (OH) laufen die Telefone heiß.

„Wir erhalten Anrufe von verzweifelten Studierenden, die kein Geld haben und jeden Tag hundert Kilometer zur Uni fahren, weil sie sich eine Wohnung in Wien nicht leisten können", erzählt ÖH-Vorsitzende Agnes Berlakovich. Am meisten sei Niederösterreich betroffen, von wo die meisten Wien-Pendler kämen. „Und die würden nun ohne Freifahrt 12.000 Schilling jährlich verlieren und die Familienbeihilfe vielleicht auch nicht mehr bekommen." Die ÖH-Vorsitzende verwahrt sich auch gegen die Streichung von Schul- und Studienjahren als Versicherungszeiten. Diese könnte man zwar um über 70.000 Schilling pro Versicherungsjahr zurückkaufen, aber: „Dann würden diese Leute ja mehr zurückzahlen, als sie an Transferleisjjmgen erhalten haben."

Vollends unverständlich findet Berlakovich das Ansinnen der Regie-rung, die Familienbeihilfe an die Mindeststudiendauer plus einige Semester zu koppeln. Dies sei in einigen Studienrichtungen schwierig bis unmöglich: „Im Architekturstudium sind für den ersten Abschnitt sechs Semester vorgeschrieben. Von 820 Studierenden erfüllen derzeit drei Personen diese Bedingung."

Würden alle vorgesehenen Kürzungen Wirklichkeit werden, so müßten noch mehr Leute als bisher neben dem Studium arbeiten. (Den Anteil der Werkstudenten beziffert Berlakovich inklusive aller Ferialpraktikan-ten und Halbtagsbeschäftigten mit fast 70 Prozent.) Dadurch würde sich die Studiendauer weiter verlängern, was wiederum einen Wegfall der Familienbeihilfe zur Folge hätte. Die Antwort der zuständigen Minister -Bartenstein, Ditz, Klima und Schölten - auf diese Widersprüche habe gelautet: „Das Paket liegt auf dem Tisch und ist richtungweisend."

Berlakovich plädiert für eine Bindung der Familienbeihilfe entweder an die Durchschnittsseme-j sterzahl oder an die Dauer, in der die meisten Studenten fertig werden. Darüber hinaus spricht sich die OH-Chefin für eine direkte Zahlung der Familienbeihilfe an die Studierenden aus, um die bestimmungsgerechte Verwendung dieser Gelder zu garantieren. Eine Kürzung der Familienbeihilfe um hundert Schilling, wie sie Minister Schölten vorgeschlagen hat, wäre für sie akzeptabel.

Viel Spielraum für Verhandlungen sieht die ÖH-Vorsitzende nicht. Es sei ihr nicht möglich, einzelne Punkte gegeneinander abzutauschen: „Ich kann nicht vor die Studierenden treten und ihnen mitteilen: ,Okay, die Freifahrt ist zwar jetzt gestrichen, aber dafür gibt's die Durchschnittsstudiendauer für die Familienbeihilfe.' So wie die Bedingungen für die Studierenden akkordiert sind, können wir sie nicht akzeptieren." Allerdings glaubt Berlakovich nicht, daß das Angebot der zuständigen Minister an die Studenten, Alternativ -konzepte zu erarbeiten, ernstgemeint ist. Die Regie-PotoAw rung müsse eigentlich wissen, daß die ÖH keinen Spielraum habe. „Unsere Situation heißt ungefähr: Entweder schieß' ich mir gleich in den Kopf oder zuerst noch ins Knie", bringt Österreichs höchste Studentenvertreterin die Lage auf den Punkt.

Doch der ÖH geht es bei ihren Protesten nicht nur um die konkreten Kürzungen von Sozialleistungen, sondern auch um die zukünftigen Arbeitsmarktchancen junger Akademiker. Berlakovich: „Die Verlängerung der Arbeitszeit von 35 auf 37,5 Jahre würde bedeuten, daß bestehende Posten für die nachrückenden Uni-Absolventen um zweieinhalb Jahre später frei würden." Bechnet man den Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst dazu, dann wird es für frische Uni-Absolventen sehr gedrängt im Kampf um den Arbeitsplatz. Und die Chancen stehen in einigen Bereichen schon jetzt äußerst schlecht.

Strikt verwahrt sich die ÖH-Chefin gegen die Unterstellung, die Hochschülerschaft würde gegen das Sparpaket an und für sich auftreten. Zwar würde die ÖH auch Maßnahmen kritisieren, die sozial Schwächere, wie Arbeftslose oder aileinerz*iehendc Mütter, betreffen, aber: „Im Vorder -gund stehen für uns selbstverständlich die Interessen der Studierenden."

In diesem Sinne spricht sich Berlakovich auch dezidiert gegen eine Fortsetzung der Streiks nach Ostern aus. (Es dürfe nicht dazu kommen, daß Studenten durch den Ausfall von Lehrveranstaltungen Prüfungen nicht ablegen könnten. „Es wäre absurd, wenn wir für eine verbesserte soziale Absicherung der Studierenden eintreten, und diese dann um ein Semester bringen." Lehrveranstaltungen, die wegen der laufenden Streiks nicht abgehalten wurden, sollten daher in Form von Blockveranstaltungen nachgeholt werden, schlägt Berlakovich vor. Steist optimistisch, mit den Lehrbeauftragten zu einer diesbezüglichen Einigung /.u kommen.

Worum es in Zukunft gehe, seien zum einen die längst fälligen Strukturreformen an Österreichs Universitäten und zum anderen das Sicherstellen von sozialen Bedingungen, die ein vernünftiges Studieren und echte Arbeitsmarktchancen für Absolventen ermöglichen. Berlakovich schlägt hiefür die Einsetzung einer Kommission aus Schul- und Universitätsexperten vor, die entsprechende Vorschläge ausarbeiten soll.

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