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Weniger wird mehr

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Daheim arbeiten, sich eine Stelle teilen oder das "bürolose Büro" - welche Chancen und Risiken bergen die neuen Arbeitsformen? Ein Erfahrungsbericht.

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Daheim arbeiten, sich eine Stelle teilen oder das "bürolose Büro" - welche Chancen und Risiken bergen die neuen Arbeitsformen? Ein Erfahrungsbericht.

Die Kollegen waren anfangs skeptisch. Kann das funktionieren mit zwei Chefinnen? Werden die beiden überhaupt einer Meinung sein? Susanne Wiesinger hat einen anspruchsvollen Job. Sie leitet das Großkunden-Marketing bei Microsoft. Einmal pro Woche pendelt sie nach Wien, einen Tag arbeitet sie zu Hause in Linz. Den Rest der Woche übernimmt ihre Kollegin und Jobsharing-Partnerin.

Für Susanne Wiesinger war klar, dass sie nach der Geburt ihrer Tochter in Teilzeit arbeiten wollte. Beim vom Arbeitgeber veranstalteten "Stay Connected Breakfast" für Mütter in Karenz unterhält sie sich mit einer ehemaligen Kollegin über den Wiedereinstieg. Eine Führungsposition ist gerade frei geworden und bei den Frauen entsteht die Idee, sich gemeinsam für den Job zu bewerben. Sie entwerfen ein Marketing-Konzept und bekommen die Stelle - obwohl es auch Vollzeit-Bewerber gibt.

Vier Augen sehen mehr

"Für die Firma hat Jobsharing viele Vorteile", sagt Wiesinger heute. "Vier Augen sehen einfach mehr als zwei. Außerdem ist die Stelle durchgehend besetzt." Ausfälle wegen Krankheit oder Urlaub gibt es nicht. Zu wichtigen Zeiten arbeiten beide ausnahmsweise auch mal mehr und kommen damit auf bis zu achtzig Wochenstunden. "Das schafft eine Person alleine gar nicht."

Während viele Frauen nach der Karenz auf der Karriereleiter absteigen, ging es für Susanne Wiesinger bergauf. Jobsharing macht's möglich. Der Preis ist die hohe Flexibilität, die ihr der Job abverlangt. "Gerade wenn man auch zu Hause arbeitet, muss man sich abgrenzen können und Prioritäten setzen. Aber dafür arbeitet man viel effektiver und schafft genauso viel wie andere in Vollzeit. Weniger ist mehr!"

Vierzig Stunden im Büro, von neun bis 17 Uhr, das war einmal. Der Trend geht eindeutig in Richtung "multi-lokalem Arbeiten": Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Jugendkulturforschung hervor. Vor allem die jungen "High Potentials" fordern selbstbewusst flexiblere Verhältnisse - zeitlich und räumlich. Das klassische Präsenzprinzip hat für sie ausgedient.

Mit diesen Umwälzungen verändert sich die Arbeitswelt fundamental: Arbeit wird nicht mehr nach den am Schreibtisch verbrachten Stunden gemessen, sondern nach der tatsächlich erbrachten Leistung. Anstelle von Kontrolle und Unterstützung durch Chefleute und Kollegen tritt nun die Selbstkontrolle. Für die Psyche der Angestellten bleibt das natürlich nicht ohne Folgen. Der in Berlin lehrende Philosoph Byung-Chul Han warnt: "Der Neoliberalismus formt aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, quasi einen Unternehmer seiner selbst. Jeder Mensch ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers. Jeder Mensch ist Herr und Knecht in ein und derselben Person."

Dass die neue Freiheit auch Schattenseiten hat, erlebt auch Matthias H. 34 Wochenstunden arbeitet der Informatiker bei einer kleinen Software-Firma. Nur einen Tag der Woche verbringt er im Büro, an drei Tagen arbeitet er zu Hause und einen Tag hält er sich komplett frei. "Die langen Anfahrtszeiten und das tägliche Pendeln fallen fast weg, das sind immerhin eineinhalb Stunden pro Tag."

Pyjama statt Anzug

Seine Arbeitszeit kann er sich komplett frei einteilen. Am liebsten arbeitet er in der Früh ab sechs Uhr. Er steht auf, macht sich einen Kaffee und schon geht es an den Schreibtisch - der zu seinem Bedauern im eigenen Schlafzimmer steht. "Eigentlich bräuchte ich ein abgetrenntes Arbeitszimmer", sagt er, denn Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen immer mehr. Trotzdem möchte er an seiner Situation nichts ändern: "Ich habe viel mehr Zeit als früher, für mein Kind, den Haushalt und Sport."

Einige seiner Kollegen beneiden ihn, vor allem jene, die schon einmal zu Hause gearbeitet haben und gesehen haben, welche Vorteile es bringen kann. Andere sind skeptisch. "Arbeitest du überhaupt?", wurde er etwa gefragt. "Man braucht viel Selbstdisziplin", so Matthias H., vor allem, wenn sein zweijähriger Sohn neben dem Schreibtisch steht und mit ihm spielen möchte. "Aber die Arbeit muss erledigt werden. Egal, ob um sechs Uhr morgens, um zehn Uhr abends oder am Wochenende. Was zählt, ist das Resultat."

Wie Susanne Wiesinger glaubt auch er, dass er seine Zeit jetzt konzentrierter nutzt. "Ehrlich gesagt schaffe ich jetzt mindestens genauso viel wie früher, als ich noch über vierzig Stunden pro Woche im Büro war." Statt der langen Mittagspause mit Kolleginnen und Kollegen gibt es jetzt mehrere kleine Verschnaufpausen, in denen er frische Energie tankt - zum Beispiel, wenn er seinen kleinen Sohn von der Kinderkrippe abholt.

Flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf enorm. "Wir müssen die 60-Stunden-Woche generell loswerden. Es kann nicht sein, dass Karriere nur unter solchen Bedingungen möglich ist", sagt Janneke Plantenga. Die Ökonomin lehrt an der Universität in Utrecht, sie ist Expertin für die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts. In ihrem Heimatland Niederlande scheint man einen Schritt weiter zu sein, nirgendwo sonst in Europa gibt es heute so viele Teilzeitjobs. Das Ergebnis: eine der höchsten Erwerbsquoten der EU -und die höchsten Werte bei Frauen in Teilzeitarbeit.

Doch Jobsharing und Teilzeitarbeit sind nicht nur für junge Eltern attraktiv. Auch wer sich mehr um ältere Angehörige kümmern möchte oder einfach kürzer treten will, könnte profitieren. Teilzeit statt Burn-Out. Auch Matthias H. ist zufrieden. Das einzige, was ihm fehlt, sind die Gespräche mit Kollegen. "Diese spontanenGespräche am Gang, bei denen oft auch Ideen entstehen - die gehen leider verloren."

Ein Büro ohne Räume

Diese Erfahrung macht gerade auch Uli Waibel. Der 61-Jährige hat vor kurzem die Firmenräume seiner Beratungsfirma Innovendo aufgegeben. Seit seine Kinder ausgezogen sind, hat er seine große Wohnung zum Home Office umfunktioniert. Von dort leitet er sein neues "büroloses Büro". Auch seine beiden Angestellten arbeiten zu Hause.

"So leicht wie heute war es noch nie, flexibel zu arbeiten. Alles, was man braucht, ist ein Laptop", sagt Uli Waibel. "Die Wegzeiten fallen weg, es hat finanzielle Vorteile und außerdem hat man ein feines Umfeld. Seit ich zu Hause arbeite, esse ich auch besser, weil ich selbst etwas Frisches koche, anstatt nur schnell eine Semmel beim Bäcker zu kaufen."

Seine Meetings finden heute in Kaffeehäusern statt, die Mittagspause verbringt er zu Hause am Balkon. Seine Angestellten sieht er im Schnitt nur einmal pro Monat, kommuniziert wird via Telefon und Skype. Vom einstigen Büro ist nur ein einziger Besprechungsraum geblieben, den die Firma allerdings selten nutzt. "Die Arbeitsatmosphäre ist eine ganz andere. Im Büro war es geselliger und kreativer", räumt er ein. "Neue Ideen sind oft beim gemeinsamen Kaffee entstanden. Das sollte man nicht unterschätzen."

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