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Wirtschaft

Wenn die Manager zu Tätern werden

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Das Gefährdungspotenzial wird unterschätzt: Die Wirtschaftskriminalität ist näher und häufiger als angenommen. Deren Aufdeckung steigt.

Knapp jedes zweite Unternehmen in Österreich war in jüngster Zeit Opfer von Wirtschaftskriminalität. Genauer: 47 Prozent der für eine aktuelle Studie der "PricewaterhouseCoopers Österreich Wirtschaftsprüfungsgesellschaft“ befragten Verantwortlichen in aussagekräftig ausgewählten Betrieben gaben an, dass sie in den vergangenen zwei Jahren von Wirtschaftsdelikten betroffen waren. Das sind lediglich die aufgedeckten Fälle, die Dunkelziffer der nicht erkannten würde die Zahl noch erhöhen. Eine taxative gesetzliche Definition für Wirtschaftskriminalität gibt es nicht. Aber laut Steffen Salvenmoser, Partner bei PwC Österreich und Leiter der dortigen Forensic Services, werden darunter vor allem folgende Delikte subsumiert: Vermögensdelikte, Falschbilanzierung, Korruption und Bestechung, Geldwäsche, Verstöße gegen Patent- und Markenrechte, Industrie- und Wirtschaftsspionage, Diebstahl vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten sowie wettbewerbswidrige Absprachen.

Mehrere Alarmsignale

Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass die Mehrheit der Täter aus den von Kriminalität betroffenen Unternehmen stammen: 42 Prozent der aufgedeckten Täter kamen aus dem jeweiligen Unternehmen. Lediglich ein Drittel der Täter sind firmenfremde Personen. Bei den restlichen berichteten Fällen bestand Tätergemeinschaft betriebsangehöriger und betriebsfremder Personen. Bedenklich stimmt zweitens das Täterprofil: Die Wirtschaftskriminellen kommen aus dem Management: 28 Prozent der Täter waren im Topmanagement zu Hause, weitere 37 Prozent im mittleren Management. Drittes Charakteristikum: Die Täter sind nicht Jugendliche oder Berufsanfänger, sondern überwiegend langjährige Angehörige der jeweiligen Firma: Knapp ein Drittel der überführten Täter war schon bis zu fünf Jahre im Unternehmen tätig, ein Viertel sogar elf bis 20 Jahre, ein Fünftel sechs bis zehn Jahre. Rund 15 Prozent der Täter waren mit mehr als 21 Jahren Betriebszugehörigkeit gar Veteranen.

Die Gründe für Wirtschaftskriminalität liegen nicht nur in persönlicher Bereicherung, sie sind viel komplexer: Dazu zählen ein "aufwändiger Lebensstil“, das "Hinwegsetzen über geltende Regeln“ ("Management over-ride“) und "leichte Verführbarkeit“. Dazu gesellen sich "mangelndes Werte- bzw. Unrechtsbewusstsein“, das "Leugnen der Konsequenzen für das Unternehmen“ und erst dann der "materielle Anreiz“.

Doch Täter machen nicht nur persönliche Gründe, sondern auch betriebliche Umstände dafür verantwortlich, kriminell geworden zu sein: Dazu zählen etwa die "mangelnde Übereinstimmung der Jobanforderungen mit der verfassten Unternehmenspolitik bzw. den Unternehmenszielen“, eine "zu hohe Anonymität“ in der Personalführung oder eine berufliche "Enttäuschung“ durch Karriereknick, Kündigung oder Übergehen bei einer Beförderung. Einige Täter monieren, dass "ethische Richtlinien im Unternehmen nicht klar kommuniziert“ wurden.

Hinzu kommt: 71 Prozent der überführten internen Täter gaben an, die internen Kontrollen seien unzureichend gewesen. Betriebsfremde Täter hingegen versuchen ihre Handlung mit den Hinweisen zu entschuldigen, diese "gehört zur Unternehmenspraxis des anderen Unternehmens“, die Unternehmensleitung habe die Tat gebilligt oder das betroffene Unternehmen achte ohnedies zu wenig auf die Einhaltung gesetzlicher und betrieblicher Bestimmungen (Compliance).

Die Psyche der Täter

Was treibt Täter an? Steffen Salvenmoser unterscheidet drei Persönlichkeitstypen: Die "Visionäre“, die zu hohe Ziele erreichen wollen und aus Frustration "Abkürzungen nehmen“; weiters die "Naiven“, die den Straftatbestand ihres Handelns nicht erkennen; schließlich die "Abhängigen“, die "dabei sein, dazugehören wollen, sich mit ‚Familienabsicherung’ und ‚Rationalisierungsdruck’ rechtfertigen“. Salvenmoser: "Geld ist nur Mittel zum Zweck. Die Begründung lautet: Ich hole mir nur, was mir zusteht.“

Was heißt das nun für die Unternehmen? Jedenfalls, dass an den unzureichenden internen Kontrollen gearbeitet werden muss, dass Compliance-Maßnahmen eingeführt oder verbessert werden müssen. Das Risikomanagement ist auszubauen, ebenso das Monitoring von Kunden und Geschäftspartnern, hieß es bei und nach dem vorjährigen Aktienforum zum Thema Wirtschaftskriminalität.

Virulente Versicherungsfrage

Die mehrfachen finanziellen Aspekte von Wirtschaftskriminalität können Unternehmen existenziell gefährden. Es geht nicht nur um den direkten Schaden. In Deutschland wurden Vorstände und Aufsichtsräte in 2000 Fällen auf Haftung geklagt. Sollten sie Regeln verletzt haben, haben sie Bußgelder zu bezahlen. Daher haben "Directors & Officers (D&O) Versicherungen“ "dramatisch zugenommen“, wie Michael Hendricks, Chef von Hendricks & Co Insurance D&O Brokers, Düsseldorf, aus Erfahrung berichtet. Dabei geht es um wachsende Deckungssummen: Allein die 30 größten börsenotierten Unternehmen Deutschlands, die "DAX 30-AGs“ bräuchten D&O-Versicherungen mit einer Deckungssumme von mehr als 50 Milliarden Euro.

So eine "Berufshaftpflichtversicherung“ für Manager und Aufsichtsräte "wird auch in Österreich kommen müssen“, meint Viktoria Kickinger, Mitglied in Aufsichtsräten und Geschäftsführerin der Initiative Aufsichtsräte Austria INARA. Da D&O-Versicherungen bei Vorsatztätern Regress nehmen, wünschten stets mehr Unternehmen "Vorsatzklauseln“ oder würden spezielle "Vertrauensschadenversicherungen“ abschliessen.

"Gier führt zu Korruption. Das einzige Mittel dagegen ist Transparenz“, ist Gregor Ulrich Henckel-Donnersmarck, Altabt der Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz (NÖ), überzeugt. Durch die Internationalität der Wirtschaft und der Korruption sei deren Verfolgung und Ahndung besonders schwierig. Als wirksames Mittel in der Bekämpfung der Korruption sieht Henckel-Donnerstmarck die Anwendung der Prinzipien der christlichen Soziallehre: das Personalitäts-, das Solidaritäts- und das Subsidiaritätsprinzip.

Das Gefährdungspotenzial wird unterschätzt: Die Wirtschaftskriminalität ist näher und häufiger als angenommen. Deren Aufdeckung steigt.

Knapp jedes zweite Unternehmen in Österreich war in jüngster Zeit Opfer von Wirtschaftskriminalität. Genauer: 47 Prozent der für eine aktuelle Studie der "PricewaterhouseCoopers Österreich Wirtschaftsprüfungsgesellschaft“ befragten Verantwortlichen in aussagekräftig ausgewählten Betrieben gaben an, dass sie in den vergangenen zwei Jahren von Wirtschaftsdelikten betroffen waren. Das sind lediglich die aufgedeckten Fälle, die Dunkelziffer der nicht erkannten würde die Zahl noch erhöhen. Eine taxative gesetzliche Definition für Wirtschaftskriminalität gibt es nicht. Aber laut Steffen Salvenmoser, Partner bei PwC Österreich und Leiter der dortigen Forensic Services, werden darunter vor allem folgende Delikte subsumiert: Vermögensdelikte, Falschbilanzierung, Korruption und Bestechung, Geldwäsche, Verstöße gegen Patent- und Markenrechte, Industrie- und Wirtschaftsspionage, Diebstahl vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten sowie wettbewerbswidrige Absprachen.

Mehrere Alarmsignale

Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass die Mehrheit der Täter aus den von Kriminalität betroffenen Unternehmen stammen: 42 Prozent der aufgedeckten Täter kamen aus dem jeweiligen Unternehmen. Lediglich ein Drittel der Täter sind firmenfremde Personen. Bei den restlichen berichteten Fällen bestand Tätergemeinschaft betriebsangehöriger und betriebsfremder Personen. Bedenklich stimmt zweitens das Täterprofil: Die Wirtschaftskriminellen kommen aus dem Management: 28 Prozent der Täter waren im Topmanagement zu Hause, weitere 37 Prozent im mittleren Management. Drittes Charakteristikum: Die Täter sind nicht Jugendliche oder Berufsanfänger, sondern überwiegend langjährige Angehörige der jeweiligen Firma: Knapp ein Drittel der überführten Täter war schon bis zu fünf Jahre im Unternehmen tätig, ein Viertel sogar elf bis 20 Jahre, ein Fünftel sechs bis zehn Jahre. Rund 15 Prozent der Täter waren mit mehr als 21 Jahren Betriebszugehörigkeit gar Veteranen.

Die Gründe für Wirtschaftskriminalität liegen nicht nur in persönlicher Bereicherung, sie sind viel komplexer: Dazu zählen ein "aufwändiger Lebensstil“, das "Hinwegsetzen über geltende Regeln“ ("Management over-ride“) und "leichte Verführbarkeit“. Dazu gesellen sich "mangelndes Werte- bzw. Unrechtsbewusstsein“, das "Leugnen der Konsequenzen für das Unternehmen“ und erst dann der "materielle Anreiz“.

Doch Täter machen nicht nur persönliche Gründe, sondern auch betriebliche Umstände dafür verantwortlich, kriminell geworden zu sein: Dazu zählen etwa die "mangelnde Übereinstimmung der Jobanforderungen mit der verfassten Unternehmenspolitik bzw. den Unternehmenszielen“, eine "zu hohe Anonymität“ in der Personalführung oder eine berufliche "Enttäuschung“ durch Karriereknick, Kündigung oder Übergehen bei einer Beförderung. Einige Täter monieren, dass "ethische Richtlinien im Unternehmen nicht klar kommuniziert“ wurden.

Hinzu kommt: 71 Prozent der überführten internen Täter gaben an, die internen Kontrollen seien unzureichend gewesen. Betriebsfremde Täter hingegen versuchen ihre Handlung mit den Hinweisen zu entschuldigen, diese "gehört zur Unternehmenspraxis des anderen Unternehmens“, die Unternehmensleitung habe die Tat gebilligt oder das betroffene Unternehmen achte ohnedies zu wenig auf die Einhaltung gesetzlicher und betrieblicher Bestimmungen (Compliance).

Die Psyche der Täter

Was treibt Täter an? Steffen Salvenmoser unterscheidet drei Persönlichkeitstypen: Die "Visionäre“, die zu hohe Ziele erreichen wollen und aus Frustration "Abkürzungen nehmen“; weiters die "Naiven“, die den Straftatbestand ihres Handelns nicht erkennen; schließlich die "Abhängigen“, die "dabei sein, dazugehören wollen, sich mit ‚Familienabsicherung’ und ‚Rationalisierungsdruck’ rechtfertigen“. Salvenmoser: "Geld ist nur Mittel zum Zweck. Die Begründung lautet: Ich hole mir nur, was mir zusteht.“

Was heißt das nun für die Unternehmen? Jedenfalls, dass an den unzureichenden internen Kontrollen gearbeitet werden muss, dass Compliance-Maßnahmen eingeführt oder verbessert werden müssen. Das Risikomanagement ist auszubauen, ebenso das Monitoring von Kunden und Geschäftspartnern, hieß es bei und nach dem vorjährigen Aktienforum zum Thema Wirtschaftskriminalität.

Virulente Versicherungsfrage

Die mehrfachen finanziellen Aspekte von Wirtschaftskriminalität können Unternehmen existenziell gefährden. Es geht nicht nur um den direkten Schaden. In Deutschland wurden Vorstände und Aufsichtsräte in 2000 Fällen auf Haftung geklagt. Sollten sie Regeln verletzt haben, haben sie Bußgelder zu bezahlen. Daher haben "Directors & Officers (D&O) Versicherungen“ "dramatisch zugenommen“, wie Michael Hendricks, Chef von Hendricks & Co Insurance D&O Brokers, Düsseldorf, aus Erfahrung berichtet. Dabei geht es um wachsende Deckungssummen: Allein die 30 größten börsenotierten Unternehmen Deutschlands, die "DAX 30-AGs“ bräuchten D&O-Versicherungen mit einer Deckungssumme von mehr als 50 Milliarden Euro.

So eine "Berufshaftpflichtversicherung“ für Manager und Aufsichtsräte "wird auch in Österreich kommen müssen“, meint Viktoria Kickinger, Mitglied in Aufsichtsräten und Geschäftsführerin der Initiative Aufsichtsräte Austria INARA. Da D&O-Versicherungen bei Vorsatztätern Regress nehmen, wünschten stets mehr Unternehmen "Vorsatzklauseln“ oder würden spezielle "Vertrauensschadenversicherungen“ abschliessen.

"Gier führt zu Korruption. Das einzige Mittel dagegen ist Transparenz“, ist Gregor Ulrich Henckel-Donnersmarck, Altabt der Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz (NÖ), überzeugt. Durch die Internationalität der Wirtschaft und der Korruption sei deren Verfolgung und Ahndung besonders schwierig. Als wirksames Mittel in der Bekämpfung der Korruption sieht Henckel-Donnerstmarck die Anwendung der Prinzipien der christlichen Soziallehre: das Personalitäts-, das Solidaritäts- und das Subsidiaritätsprinzip.