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"Wenn ich König wäre …“

An den Weltuntergang glaubt Jørgen Randers nicht, dafür rechnet er mit einer Klimakatastrophe. Der Norweger wagt eine Prognose für die nächsten 40 Jahre.

Die letzten 40 Jahre hat Jørgen Randers damit verbracht, sich Sorgen um die Zukunft des Planeten zu machen. 1972 entwarf der - damals als junger Ingenieur am renommierten Massachusetts Institute of Technology - zwölf Szenarien für die Zukunft. Das Buch "Grenzen des Wachstums“ wurde ein Beststeller. Jetzt, mit 67, wagt der norwegische Professor noch einmal den Blick in die Zukunft. In seinem neuen Buch zeichnet er ein konkretes Bild von der Welt in 40 Jahren: Die Weltbevölkerung wird sich bei 8 Milliarden einpendeln. Bemühungen, die globale Wirtschaftsleistung zu erhöhen, werden scheitern, der Konsum wird zurückgehen. Und die Erdtemperatur wird sich um mehr als zwei Grad erwärmen - mit katastrophalen Konsequenzen.

Die Furche: Sie widmen Ihr Buch Ihren Kindern und Enkelkindern. Wird es deren Generation 2052 besser oder schlechter gehen als Ihrer?

Jørgen Randers: Das hängt davon ab, wo sie leben: In den USA wird es ihnen schlechter gehen, in Europa wird es gleich sein. Den Chinesen wird es sehr viel besser gehen, den Menschen in Schwellenländern wie Thailand, Mexiko oder Vietnam auch. Man darf aber nicht nur den Reichtum messen: 2052 werden alle Menschen in einer Welt mit einem beschädigten Klima leben. Das heißt: Wetterkapriolen, Dürren hier und Überschwemmungen da werden zum Alltag gehören. Daran werden sie sich gewöhnen. Diese Anpassungsfähigkeit ist ein furchtbares Phänomen. Natürlich ist sie wichtig, weil wir so nicht nachhaltig frustriert sind. Aber sie macht es auch schwierig, politischen Druck aufzubauen.

Die Furche: Lässt sich eine Klimakatastrophe überhaupt noch abwenden?

Randers: Technisch wäre es möglich und es würde nicht einmal besonders viel kosten. Aber wir werden diese Entscheidungen nicht treffen. Die Menschen entscheiden sich nicht dafür, teuren Strom von Solar- und Windkraftwerken zu beziehen, ihr Haus zu isolieren oder aufzuhören, zwei Mal im Jahr auf die Kanarischen Inseln zu fliegen. Es ist kein ökonomisches, auch kein technisches, sondern ein Entscheidungsproblem.

Die Furche: Entscheidungen werden auch von Politikern getroffen.

Randers: Und die folgen in ihren Ansichten den Wählern. Die sind das Problem. Bei uns in Norwegen haben alle Parteien, die eine konsequente Klimapolitik verfolgen, bei den letzten Wahlen verloren. Ist es möglich, dass die grünen Parteien in Europa plötzlich die Mehrheit der Wähler überzeugen und eine radikale Klima- und Energiepolitik durchsetzen? Vielleicht in 20 Jahren. Oder in zehn, wenn es eine Revolution oder einen Krieg gibt.

Die Furche: Die Wähler dürften in der Zukunft aber an Macht verlieren. Sie prognostizieren, dass langsame Demokratien aussterben.

Randers: Demokratie, wie wir sie kennen, wird nicht aussterben. Aber wir müssen Entscheidungsmacht delegieren. Ich schlage vor, dass sich die Demokratie modifiziert. So wie eine Zentralbank den Ländern sagt, wie viel Geld sie drucken dürfen, sollte eine supranationale, globale Zentralbank für Klimagase die Emmission überwachen. Für die Parlamente wäre es sehr einfach, diesem Mechanismus zuzustimmen. Aber die Wähler würden sie abstrafen. Deshalb wird das nicht geschehen.

Die Furche: Lassen Sie uns weiter träumen. Was müsste, außer einer neuen, supranationalen Institution, im Kleinen verändert werden?

Randers: Es ist wichtig ein langsames Bevölkerungswachstum zu forcieren. Weniger Menschen brauchen weniger Energie. Und die Bevölkerung müsste so konzentriert werden, dass es den geringsten CO2-Ausstoß pro Person gibt - also in Städten. Dann müsste man die drei Ursachen von privater Emmission bekämpfen: Autos, schlecht isolierte Häuser, Flugreisen. Und jeder Einzelne sollte so digital wie möglich leben: Videokonferenzen statt Geschäftsreisen, Online-Shopping statt Einkaufszentren in der Peripherie, virtueller Tourismus statt Fernreise. Die wirkliche Herausforderung ist aber, öffentliche Unterstützung für etwas zu finden, das kurzfristig Geld kostet. Versuchen Sie einmal, einen Makroökonomen davon zu überzeugen.

Die Furche: Klingt, als sprächen Sie aus Erfahrung.

Randers: Ich stand der norwegischen Kommssion zur Reduktion von Treibhausgas-Emmissionen vor. Wir haben einen wunderbaren Plan entworfen, mit dem Norwegen 2050 noch dazu reicher gewesen wäre. Aber kurzfristig müsste man Investitionen über höhere Steuern finanzieren. Deshalb sind wir abgeblitzt.

Die Furche: Sie prophezeien eine Welt mit langsamen Wachstum. Wie werden die Menschen damit umgehen? Wir alle wollen ja unsere Gehaltserhöhungen.

Randers: Mein Vorschlag: Man bekommt nicht drei Prozent mehr Gehalt, sondern drei Prozent mehr Urlaub.Wenn es nach mir ginge, würde die bezahlte Arbeit überhaupt rationiert werden: Die Menschen hätten mehr Zeit. Künste, NGOs und der gesamte Pflegebereich würden florieren. Damit schaffen wir genau jene Gesellschaft, die wir hätten, wenn das Wachstum anhalten und der Dienstleistungsden Industriesektor überholen würde. Nur, dass in meinem Modell nicht viele Ressourcen verschwendet würden. So würde ich es machen, wenn ich König wäre. Aber unsere Demokratie ist leider nicht gewillt, so etwas zu unterstützen.

Die Furche: Ist das politische System ein Grund, warum China die USA als Weltmacht ablösen wird?

Randers: Auch wenn die USA eine größere Armee haben als China, werden sie unfähig sein, zu entscheiden, ob das zum Einsatz kommt. Die Chinesen hingegen können Entscheidungen treffen. Das wird in Zukunft noch wichtiger werden: Das Steuerungs- und Regelungssystem wird wichtiger als technologischer oder finanzieller Vorsprung.

Die Furche: Besteht die Möglichkeit, dass das amerikanische Volk davon am Ende profitiert?

Randers: Ein interessanter Gedanke. Welche Konsequenzen hatte es, als sich das britische Imperium auflöste? Für die Elite war es furchtbar, aber für die meisten Menschen brachte es Vorteile. Wenn die Amerikaner ihre Soldaten dazu brächten, Windmühlen und Elektroautos zu bauen und die Klimaschäden zu reparieren, wäre das ein großer Vorteil für alle.

Die Furche: Laut Ihrer Prognose gibt es auch Gewinner wie den "Neuen Norden“. Schottland wird unabhängig. Gibt es weitere klimabedingte Grenzänderungen?

Randers: Ich denke nicht, dass sich China teilt. Vielleicht kauft China Land in Sibirien, das wie die anderen Länder des "Neuen Nordens“ höhere landwirtschaftliche Erträge und mehr Handel haben wird. Der griechische Architekt Thymio Papayannis schreibt in einem Gastbeitrag, dass sich die EU in einen heißen, trockenen, ärmeren Süden und einen florierenden Norden teilen wird. Eine spannende Frage ist, was aus den Menschen wird, deren Land überschwemmt wird, wenn der Meeresspiegel steigt. Das wird große Migrationswellen auslösen. Ich rechne nicht mit vielen neuen Grenzen, aber mit vielen neuen regionalen Konflikten.

Die Furche: Sie geben auch persönliche Ratschläge, z. B.: Finden Sie keinen Gefallen an Dingen, die verschwinden werden. Oder: Ziehen Sie in ein Land, das Entscheidungen treffen kann. Wohin denn?

Randers: Für Wohlhabende ist Zentraleuropa nicht schlecht. Zumindest Deutschland trifft Entscheidungen und die Folgen des Klimawandels beeinträchtigen die Lebensqualität hier nur gering. Die USA würde ich nicht empfehlen. Genauso wenig wie ländliche Regionen in einem armen Land.

Die Furche: Noch einen letzten Rat, bitte: Zum Schluss bitten Sie Ihre Leser, angesichts der kommenden Katastrophe nicht den Mut zu verlieren. Wie haben Sie das in den letzten 40 Jahren angestellt?

Randers: In den ersten zehn Jahren war ich überzeugt, dass wir die Dinge ändern werden. Ich war jung und dachte, die Welt wäre rational. Ich rechnete damit, dass die Leute sagen: "Mein Gott, Sie haben recht!“ Als ich bemerkte, dass das nicht so war, gab ich auf. Ich war es leid, seit zehn Jahren persönlich angegriffen zu werden, wenn ich versuchte, Leute zu überzeugen. Ich habe meinen Job gekündigt, in der Industrie und später auf der Universität gearbeitet. Was mich aber nie losgelassen hat, war meine Liebe zu unberührter Natur. Genau dort werden die größten Schäden eintreten. Deshalb hoffe ich, mit meiner Prognose der Welt den entscheidenden Arschtritt zu geben, damit die demokratischen Gesellschaften die nötigen Entscheidungen treffen. Es irritiert mich, wie wenig getan werden müsste, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Diese Irritation treibt mich weiter an.

2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre.

Der neue Bericht an den Club of Rome.

Von Jørgen Randers, oekom 2012.

430 Seiten, gebunden, € 24,95

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