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"Wir beuten die Menschen nicht aus"

Veit Sorger, Präsident der Industriellenvereinigung, im Gespräch mit der Furche über die Große Koalition, Verantwortung, Facharbeiter-Mangel und Religion.

Die Furche: Herr Präsident Sorger, Sie waren einer der Gäste beim Kanzlerfest, das unter dem Motto "Zeitenwende" stand. Nun hatte sich die Industriellenvereinigung ja stets ausdrücklich hinter die Reformen der schwarz-blauen bzw.-orangen Regierungen gestellt. Gibt es da seit dem Regierungswechsel jetzt tatsächlich eine solche Zeitenwende?

Veit Sorger: Es ist richtig, dass ich beim Kanzlerfest war, aber das war ich zum Erstaunen vieler auch im vergangenen Jahr, als es ein Fest des sozialdemokratischen Oppositionsführers war. Die Industriellenvereinigung ist überparteilich, das hat auch so zu bleiben. Ich selbst gehöre auch keiner Partei an. Ja, wir haben uns die Reformen der Regierungen Schüssel I und II gewünscht, denn durch die vielen vorangegangenen Großen Koalitionen war es zu einem Reformstau gekommen, der nicht wettbewerbs- und wachstumsfördernd war. Heute, sechs bis sieben Jahre später, stehen wir durch eigenen Fleiß und eine Fülle von Maßnahmen besser da als der europäische Durchschnitt.

Die Furche: Und einen neuerlichen Reformstau wird es mit der aktuellen Großen Koalition nicht geben?

Sorger: Eine Große Koalition aus zwei gleich starken Parteien birgt immer das Problem in sich, dass die Profilierungsnotwendigkeit konstruktive Vorhaben einengt. Die ersten sechs Monate waren von den Untersuchungsausschüssen geprägt; ich hoffe, dass diese Problematik - die auch themenbindend war - erledigt ist. Es gab aber auch bereits einige positive Entwicklungen wie das Doppelbudget, die Klärung der Frage der Erb- und Schenkungssteuer, die Überlegungen im Bereich der Infrastruktur oder die ersten Schritte der Arbeitszeitflexibilisierung.

Die Furche: Die Industriellenvereinigung hat sich das Thema Corporate Social Responsibility (CSR; verantwortungsvolles unternehmerisches Handeln) auf ihre Fahnen geheftet. Kritiker vermuten dahinter eine PR-Strategie; was bedeutet CSR für Sie?

Sorger: Wir betreiben im Haus das Thema CSR deshalb so stark, weil es für uns eine Frage der Entwicklung ist. Gut wirtschaften bedeutet ja nicht nur, Geld zu machen. Jeder Manager und Unternehmer hat das Ziel, Werte zu vermehren. Aber Werte manifestieren sich nicht nur in Finanzkennzahlen, sondern auch in anderen Bereichen. In einer Community als guter Arbeitgeber angesehen zu werden, heißt nicht, dass man wahllos mit der Spendierhose herumgeht, sondern, dass man sich Projekte sucht, die man mit dem Unternehmensgegenstand verbindet und die von der Öffentlichkeit wertgeschätzt werden. Dazu gehört auch, dass die Mitarbeiter ein Umfeld vorfinden, das ein gewisses Maß an Zugehörigkeit und Zufriedenheit fördert, das sich letztendlich auch in einer höheren Produktivität niederschlägt. Auch das Verhältnis zwischen Betrieb und Lieferanten, Banken und Kunden muss von Wertzuwachs geprägt sein. All das bündelt sich für mich im Begriff CSR.

Die Furche: Wie sieht es mit dem Umweltschutz aus? Zu den Klimaschutzzielen der EU hat sich die IV skeptisch geäußert …

Sorger: Sie müssen anerkennen, dass in Europa fast niemand so viel in den Umweltschutz investiert hat, wie die österreichische Industrie. Deswegen müssten wir schon einmal einen Bonus haben. Trotz der Tatsache, dass die Industrie für 50 bis 60 Prozent des BIP verantwortlich ist und zwei von drei unselbstständigen Erwerbstätigen beschäftigt, hat es noch immer den Anschein, wir würden die Menschen ausbeuten und die Umwelt verschmutzen. Wir sagen nicht, dass kluge Investitionen in den Umweltschutz falsch sind, im Gegenteil, dieser Weg muss weitergegangen werden. Wir wehren uns nur, wenn von der Industrie Schadstoffeinsparungen gefordert werden, während zwei Drittel der Emissionen dem Verkehr und dem Hausbrand zuzuschreiben sind. Wir sind gegen Auflagen, die uns in der globalisierten Wirtschaft wettbewerbsunfähig machen.

Die Furche: Wie kann die EU gegenüber Ländern konkurrenzfähig sein, die wenige bis keine Umwelt- und Sozialstandards haben?

Sorger: Diese Frage zu beantworten, ist jedem von uns nur teilweise möglich. Wir sind in Österreich knapp an Rohstoffen. Außer Wasser, Holz, einer schönen Landschaft und sauberen Flüssen haben wir nur "intellectual property". Das heißt, es hat keinen Sinn, in Produktionslinien zu investieren, die Rohstoffe brauchen, die wir in Österreich nicht haben. Wir müssen in die Bildung und in die Forschung investieren, um Produkte zu generieren, mit denen wir wettbewerbsfähig sind. Oberösterreich und Steiermark sind Musterbeispiele, wo der Teilumstieg von der Schwer-auf die Finalindustrie geglückt ist. Und wenn wir das geschafft haben, dann schaffen wir die nächsten Schritte der Globalisierung auch.

Die Furche: Stichwort Facharbeiter-Mangel: Österreich tut sich mit dem Zuzug von qualifizierten Menschen noch immer schwer …

Sorger: Wir haben gelernt, dass wir einen gewissen Zuzug brauchen. Die Industriellenvereinigung und ich waren immer der Meinung, dass ein Abschotten der Märkte nicht richtig ist. Irland hat einen großen Teil seines Wirtschaftswachstums der Öffnung des Arbeitsmarktes zu verdanken. In Österreich wird mit Ausländern Politik gemacht. Die Industriellenvereinigung macht bei diesem Thema keine Partei-, sondern Sachpolitik. Wir wünschen uns, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit da sind. Doch wir werden es schwer haben: Warum soll jemand zu uns kommen, der in England und Irland alle Möglichkeiten vorfindet - bei uns aber nur drei Monate bleiben darf?

Die Furche: Welche Rolle spielt Religion in Ihrem Leben?

Sorger: Ich entstamme einem protestantischen Haus. Ich bin in einem Umfeld unglaublicher Freizügigkeit, liberaler Haltung und Großzügigkeit aufgewachsen. Meine Eltern gehörten keiner Partei an, und so verkehrten Menscher aller Fraktionen und Nationalitäten bei uns. Ich habe mich immer über die Diskussionen mit anderen Konfessionen gefreut. Andere Argumente zu hören, prägt. Mein Hintergrund ist sicher ein christliches Wertegerüst, und das hat auch mein Arbeitsleben geprägt. Ich stelle aber den Protestantismus nicht über alles. Ich habe eine katholische Frau geheiratet, doch die Kinder wurden protestantisch erzogen, da sie somit mehr Wahlfreiheit genießen.

Die Furche: Wie geht es Ihnen mit der ausgeprägten Kapitalismuskritik in den Kirchen?

Sorger: Ich bin ein heftiger Verteidiger des Kapitalismus, weil ich nichts anderes und besseres gesehen habe. Wer hat Arbeitsplätze und hohe Einkommen geschaffen, und mit welchem System kann man ein derartiges Sozialnetz knüpfen? Die Kapitalismusgegner wollen keine Globalisierung. Wir sagen, wir wollen sie, und wenn wir es ausgewogen und geschickt machen, können wir alle davon profitieren.

Die Furche: Gehört das Wort Herz-Jesu-Marxismus zu Ihrem Repertoire?

Sorger: Ja schon, wenn Sie mich so fragen (lacht). Man kann ja nicht verteilen, was nicht da ist.

Das Gespräch führten Thomas Meickl und Rudolf Mitlöhner.

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