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"Wir trauern um die Gletscher!"

Für den Züricher Glaziologen Wilfried Haeberli ist der Gletscherschwund auch ein Verlust an Heimatgefühl.

Die Furche: Herr Professor Haeberli, ist das weitere und noch verstärkte Abschmelzen der Alpengletscher eine unumkehrbarer Vorgang?

Wilfried Haeberli: Ja, die Entwicklung für die nächsten 25 Jahre ist weitgehend vorbestimmt. Was wir mit heutigen Klimaschutzmaßnahmen noch beeinflussen können, betrifft die Mitte dieses Jahrhunderts und damit die Lebensbedingungen für unsere Kinder und Großkinder.

Die Furche: Wieviele Alpengletscher werden übrig bleiben?

Haeberli: Realistisch ist, dass die Hälfte der Gletscher in den Ostalpen, die es jetzt noch gibt, innerhalb der nächsten 20 Jahre verschwindet. Das ist weit jenseits dessen, was der historische Alpenbewohner je erlebt hat. Wir kommen in Bedingungen hinein, die es historisch noch nie gegeben hat und die auch weit von den Gleichgewichten der letzten 10.000 Jahre entfernt sind.

Die Furche: Gerade am Rückgang der Gletscher wird die Klimaerwärmung für jeden anschaulich ...

Haeberli: Deswegen gelten die Gletscher als das Demonstrationsphänomen für den Klimawandel schlechthin. Außerdem gehören in einigen Alpenländern die Gletscher zum Heimatgefühl. Die Leute lieben die Gletscher und trauern, wenn sie nicht mehr da sind. Seither schauen die Leute die Berge ganz anders an: Die über 4000 Meter hohe Jungfrau bei Interlaken steht auf einmal nicht mehr in ihrem silberweißen Brautkleid aus Schnee und Eis da, sondern grau, schäbig, steinschlägig - und die Leute fangen an zu realisieren, dass wir vielleicht nicht unschuldig an dieser Entwicklung sind. Die entgletscherten Alpen werden für die kommenden Generationen ein Beweis dafür sein, was letztlich unsere Generationen verursacht hat - und zweitens könnten die entgletscherten Alpen es zu einer Projektion für unser schlechte Gewissen werden.

Die Furche: Neben dem ästhetischen Verlust - wird uns auch einmal das Wasser der Gletscher abgehen?

Haeberli: Das größere Problem, das wir von den Klimamodellen her sehen, ist: Wir werden nicht nur zuwenig Wasser haben, wir haben auch kurzfristig zu viel - weil die Gletscher ihre dämpfende Wirkung verlieren.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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