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Zukünftige Generationen sollen auch leben können

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Die wachsende Umweltgefährdung läßt nach neuen Entwicklungsmodellen Ausschau halten. Ein Konzept gewinnt dabei an Bedeutung: Eine nachhaltige Entwicklung soll die Welt vor dem Schlimmsten bewahren.

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Die wachsende Umweltgefährdung läßt nach neuen Entwicklungsmodellen Ausschau halten. Ein Konzept gewinnt dabei an Bedeutung: Eine nachhaltige Entwicklung soll die Welt vor dem Schlimmsten bewahren.

Die Weltbevölkerung wird sich in den nächsten 50 Jahren verdoppeln. Die wirtschaftlichen Aktivitäten dürften sich im selben Zeitraum sogar um das Fünf- bis Zehnfache erhöhen. Diese Prognosen der Vereinten Nationen (UN) machen deutlich, welche Relastungen auf die Umwelt zukommen. Zudem hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß Systeme, auch wenn sie die Dimension unserer Erdkugel haben, endlich sind. Um mit den Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden, wurde ein neues Konzept des Wirtschaftens gesucht - und gefunden. Unter dem Namen „Nachhaltige Entwicklung” (Begriffsentstehung: siehe nebenstehender Beitrag) dominiert es seit der UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro die entwicklungspolitische Diskussion.

Die seither oft zitierte Definition lautet: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die den Redürfnissen heutiger Generationen Rechnung trägt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen, ihren eigenen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, zu behindern.”

Zwar herrscht über die Definition weitgehend Einigkeit - über den näheren Inhalt des Begriffes beziehungsweise über die zu ergreifenden Maßnahmen klaffen die Meinungen aber weit auseinander.

Wie schwierig es sein kann, herauszufinden, ob eine Nachhaltige Nutzung überhaupt möglich ist, soll folgendes Beispiel illustrieren: Seit 1993 jagt Norwegen wieder Zwergwale. Als Begründung wird die große Zahl von 87.600 Individuen dieser Walart angegeben, die eine jährliche Abschöpfung von 301 Tieren erlaube, ohne den Gesamtbestand zu gefährden. Ein unabhängiger Wissenschaftler aber konnte nachweisen, daß sich seine norwegischen Kollegen verrechnet hatten, als sie von den insgesamt 518 Walbeobachtungen auf die vermutliche Gesamtzahl hochrechneten. Neuesten Berechnungen zufolge soll es nur etwa 30.000 Individuen dieser Spezies geben. Das hieße aber, daß nur ein einziger Wal im Jahr geschossen werden dürfte. Wenn es einem hochentwickelten Land wie Norwegen nicht möglich ist, verläßliche Grunddaten für eine Nachhaltige Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen zu erheben, um wieviel schwieriger muß dies erst für Entwicklungsländer sein.

Ein anderer Fall: Manche Umweltwissenschaftler behaupten, tropische Wälder könnten gar nicht nachhaltig bewirtschaftet werden, weil die Ökologie dieses Lebensraumes zu verletzlichsei. Beispielsweise würden die mi -krobiellen Stoffumsätze so schnell ablaufen, daß sich nur eine ganz dünne Humusschicht entwickeln könne. Als langfristige Anbaufläche seien sie ungeeignet, da schon nach wenigen Ernten der Boden hoffnungslos ausgelaugt und der Erosion schutzlos ausgeliefert sei. Andere Experten wiederum sind vom Gegenteil überzeugt. Auch Tropenwälder könnten nachhaltig genutzt werden. Ihr einsichtiges Argument: Die indigenen Völker der Regenwaldregionen haben über Jahrtausende hinweg diesen Lebens-raum besiedelt und seine Produkte genutzt, ohne ihn zu zerstören.

Aber man muß nicht nach Norwegen oder in die Tropen gehen, um auf Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Prinzips der Nachhaltigkeit zu stoßen. Auch in Osterreich gibt es anschauliche Beispiele. So besteht zwar weitgehend Einigkeit darüber, daß der Gütertransport auf der Schiene umweltschonender ist als der auf der Straße. Trotzdem will die Verlagerung nicht gelingen. Wurden bis 1988 sogar mehr Güter mit der Bahn als mit dem LKW transportiert, so hat sich danach letzterer eindeutig durchgesetzt, Tendenz steigend. Oder: Der ökologische Wert der letzten großen Flußauenlandschaft Mitteleuropas, der Donauauen östlich von Wien, ist unbestritten. Dennoch ist es trotz langjähriger Diskussionen bis heute nicht gelungen, dieses Gebiet als Nationalpark auszuweisen. Sanfter Tourismus könnte jedoch gerade hier eine für die ganze Region Nachhaltige Entwicklung bringen.

Eigentlich hätte schon der Bericht über „Die Grenzen des Wachstums”, jene 1972 dem Club of Rome vorgelegte Studie über den beängstigenden ökologischen Zustand der Welt, die Politiker und Wirtschaftstreibenden aufrütteln müssen. Daß eine Strategie grenzenlosen Wirtschaftswachstums gravierende negative ökologische und soziale Folgen mit sich bringt, war klar dargelegt.

Als ökologisch untragbar wird insbesondere das Wachstum der menschlichen Stoff- und Energieströme erachtet, oder klarer formuliert: der Umweltverbrauch. Sowohl die Industriestaaten als auch die Entwicklungsländer belasten den Naturhaushalt schwer: Erstere haben ihren pro Kopf Stoffwechsel auf das etwa Sechzigfache des Natürlichen gesteigert, bei zweiteren wächst die Bevölkerung explosionsartig.

So „verbraucht” der durchschnittliche Österreicher pro Tag 1,3 Tonnen Material: 1150 Kilogramm Wasser, 120 Kilogramm Luft und 55 Kilogramm feste Stoffe (Biomasse, Baumaterialien, Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs). Ein Jäger und Sammler hätte da schon erheblich umweltfreundlicher abgeschnitten: Er benötigte nur ein Vierzigstel dieses Stoffdurchsatzes.

Vier Fünftel des Energieverbrauches und drei Viertel der Umweltverschmutzung gehen auf das Konto der reichen Industriestaaten. Der Norden stößt dabei immer mehr an die Grenzen seines eigenen Entwicklungsmodelles. Noch dazu zahlen für den materiellen Wohlstand der Ersten Welt zu einem beträchtlichen Teil andere: die Armen der Zweiten und Dritten Y\ elt, die zukünftigen Generationen und vor allem die Natur. Nicht nur die Übertragung des westlichen Wirt-schaftskonzeptes auf den Rest der Welt gilt heute als verantwortungslos, sondern auch ein Festhalten am bisherigen Ziel ungebremsten Wachstums.

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