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Zukunft zwischen Slum und Boomtown

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. Die Entstehung von mega-urbanen Regionen mit mehr als 10 Millionen Einwohnern hat drastische Auswirkungen für uns alle.

Doug Saunders ist nichts für Romantiker. Wenn der kanadische Sachbuchautor über die Zukunft schreibt, dann regiert illusionsfreier Realismus. Sein jüngster Bestseller "Arrival City“ handelt von Megacities, ihrer ökonomischen und sozialen Anziehungskraft und der Zukunft der Menschheit. Diese Zukunft ist laut Saunders weder grün noch rosa. Sie wird - um einen Werbespruch zu missbrauchen - einfach "Stadt finden“. Vergessen ist Friedrich Nietzsches Warnung vor dem Wesen des Stadtbewohners, der "kein Glück hat und kein Glück geben kann“, weil er so "unruhig, zerstreut und begehrlich ist“. Tendenziell wird es nämlich nur noch Städter geben. Wer vom Häuschen auf dem Land, von der Ruhe und Stille, von einer humanisierten Zukunft und entschleunigtem Leben träumt, sollte aufwachen. Denn die Realität wird für die Allermeisten das Großstadtleben sein.

So wie etwa in der Megalopolis Tokio, in der 36 Millionen Menschen auf 13.500 Quadratkilometern leben. Wer einen Vergleich sucht, stelle sich eine Stadt mit der Grundfläche Oberösterreichs vor. Nun - Tokio ist noch 2000 Quadratilometer größer als eben Oberösterreich. In solchen Millionenstädten wird sich, so Saunders, "entweder ein Kulturboom oder eine Explosion“ ereignen - oder beides. Auf jeden Fall dürfte es unruhig werden. Dieser Zukunft sind die folgenden Seiten gewidmet.

Drastische Zunahme

Bis 2050 könnten fast neun Milliarden Menschen eine Erde bevölkern, die an Ressourcenknappheit leidet und mitten im globalen Klimawandel stecken wird: Bereits mehr als zwei Drittel werden dann in Städten leben. Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach nicht zufällig vom "Jahrtausend der Städte“. Das Tempo dieser Umschichtung und Verdichtung ist historisch ohne Beispiel und stellt die Innovations- und Strategiefähigkeit aller Betroffenen auf eine harte Probe: Die Stadtbevölkerung nimmt jährlich um über 60 Millionen Menschen zu, 2011 existierten - je nach Ausmaß der Einbeziehung des Umlandes - mehr als 450 Millionenstädte.

Die meisten davon liegen in den Entwicklungsländern. Dort ist nicht nur das Bevölkerungswachstum anhaltend stark, sondern auch der Aufholbedarf nach städtischen Lebensweisen am größten: Die urbane Wende der Dritten Welt wird von tief schürfenden wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Beweggründen angetrieben. Push-Faktoren (Auswanderungsdruck: Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme, Naturkatastrophen, u.a.) und Pull-Faktoren (Zuwanderungssog: Hoffnung auf Arbeit, Wohlstand, Bildung, Anonymität, u.a.) bewirken zusammen, zuletzt vor dem Hintergrund rapider Globalisierung, dass bis 2030 etwa zwei Milliarden Menschen in die Ballungsräume der Entwicklungsländer gezogen sein werden.

Die Entstehung von Riesenballungsräumen, so genannten mega-urbanen Regionen mit mehr als 10 Millionen Einwohnern, von denen es derzeit 19 weltweit gibt, hat mittelfristig drastische Auswirkungen für uns alle. So werden 85 Prozent der anthropogenen Treibhausgase von Städten emittiert, deren Abwässer Grundwasser und Weltmeere verschmutzen. Und ihr Hunger nach Ressourcen heizt Raubbau aller Art auch in entlegenen (peripheren) Weltregionen an. Der gemeinsame Nenner weltweiter Verstädterung ist massive Verdichtung - von Menschen, sozialen Interaktionen und Wissen.

Dass das heute mehr schlecht als recht funktioniert, zeigt sich an tausenden Einzelfällen - etwa an jenen kanpp 60 Dörfern in der Nähe von Chinas 15 Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai, die langsam von der Stadt geschluckt werden. Yanglingang ist eine dieser Siedlungen - ein kleines Fischernest mit knapp 200 Einwohnern, das zuletzt traurige Berühmtheit erlangte. Die Bewohner Yanglingangs holen ihr Wasser seit Generationen aus dem Jangtse. Seit aber an den Ufern gegenüber des Dorfes petrochemische Industrie, Papier und Faserstoffproduktion angesiedelt wurden, sind elf der 200 Einwohner an Krebs gestorben. Yanglingang ist ein Extremfall, aber nicht der einzige. In den Metropolen Chinas stieg die Zahl der Krebskranken in den vergangenen 20 Jahren um 80 Prozent.

Versorgung, aber wie?

Die Siedlungs-Korridore S~ao Paulo-Rio (Brasilien) oder Jakarta-Bandung (Indonesien) zeigen ähnliche Wachstumsmuster, stehen aber global weniger im Blickfeld: Die Abhängigkeit von Einzugsgebieten und Versorgungsnetzen (Waren, Energie, Arbeitskräfte, Information) bewirkt vielfach ein Zusammenwachsen von mega-urbanen Räumen, deren sozioökonomischer und ökologischer "Fußabdruck“ oft weit größer als der des eigentlichen Territoriums ist: Städte nehmen weniger als zwei Prozent der Erdoberfläche ein, verbrauchen aber mehr als drei Viertel ihrer Ressourcen.

Während "reiche“ Megacities als Produktionszentren von der Einbindung in globale sozioökonomische und politische Netzwerke profitieren und - im Rang von "Global Cities“ - als Schaltzentralen der Weltwirtschaft funktionieren (London, New York, Tokio), gelten "arme“ Megacities als Auffangbecken ruraler Migration und Armut.

Anna Tibaijuka, bis 2010 Stellvertreterin des UN-Generalsekretärs und Leiterin des UNO-Programms für Siedlungsräume HABITAT, fasst das so zusammen: "Es ist schockierend, dass 70 Prozent der afrikanischen Stadtbevölkerung in Slums leben müssen. Urbane Armut wird zu einem schweren Problem unseres Lebens.“ Im Zuge des Wachstums von Ballungsräumen verschärfen sich Nachhaltigkeitsprobleme in allen drei Dimensionen (wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, soziale Teilhabe, ökologische Tragfähigkeit), teilweise sogar exponentiell (Verkehr, Müll).

Je schneller die Stadt wächst, je stärker natürliche Verdichtung gegeben ist (z.B. Talkessel in Mexico City, Flussdeltas in Hanoi oder Kolkata), desto schwieriger wird nachhaltige Entwicklung; je korrupter und schwächer politische Ordnungsinstitutionen entwickelt sind, und je ärmer die Stadt ist (z.B. Lagos), desto unmöglicher wird sie. Der Geograph David Harvey von der Universität New York hat diesen urbanen Teufelskreis einmal so charakterisiert: "Die Akkumulation von Kapital und Elend gehen auf engem Raum Hand in Hand.“

Bei aller begründeten Skepsis zur Zukunft der Megacities: Verdichtung und Verflechtung sind nicht hoffnungslos. Das zeigt die erfolgreiche Entwicklung von Stadtgebieten wie New York oder Tokio. Die positiven Entwicklungspotenziale sind Verringerung des Pro-Kopf-Flächenverbrauchs, effizientere Ressourcennutzung, optimierte Transportsysteme und verbesserte Bildungs- und Gesundheitsfürsorge.

Selbst in der Dritten Welt liegen Lebenserwartung, Bildungsgrad oder das Gesundheitsniveau der Stadtbevölkerung deutlich über Vergleichswerten aus dem ländlichen Umland. Wirtschaftliche Leistungen wiederum können schneller, effektiver und innovativer erbracht werden. Doch die Voraussetzungen für eine positive Entwicklung müssen stimmen. Raquel Rolnik, UN-Spezialberichterstatterin zum Thema Wohnen: "Wir stehen am Rand einer Lebenshaltungskrise. Wohnen und das Recht auf Boden sind eine Grundvoraussetzung menschlicher Würde. Trotzdem leben Millionen unter der ständigen Gefahr des vollkommenen Verlustes jeden Lebensstandards.“

Ein Mindestmaß an Wohlstand und Wirtschaftswachstum ist jedenfalls erforderlich, um ausreichend Handlungsspielräume zu schaffen. Doch bisher ist das nicht der Fall. Es ist eine zivilisatorisches Manko, das schon der Bauhaus-Gründer Walter Gropius erkannt hat: "Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.“

Megacities sind Arenen sozialer Transformation, die ständig neue Entwicklungsperspektiven fordern. Eine nachhaltige Gestaltung der Urbanisierung könnte zur entscheidenden Überlebensfrage des Planeten werden - vor allem in den "Megastädten von morgen“, wo die Handlungschancen erfreulicher und Erfolg versprechender sind als in vielen mega-urbanen Ballungsräumen der Gegenwart, die sich vielfach bereits jenseits jedweder Steuerungsmöglichkeit befinden: Globale Nachhaltigkeit ist ohne urbane Nachhaltigkeit undenkbar.

In Doug Saunders "Arrival City“ wird ein ehemaliger Bewohner eines Dorfes bei Chongqing zitiert, der samt Familie in die Stadt zog, und nun in einem übelriechenden Slum in einem fensterlosen Raum haust. Ob er denn angesichts der Umstände nicht lieber zurück möchte, wird er gefragt. Und Herr Wang, so heißt der Mann, sagt einen erstaunlichen Satz: "Hier kann man seine Enkel zu erfolgreichen Menschen machen, wenn man richtige Verdienstmöglichkeit findet. Auf dem Dorf kann man nur leben.“

Günter Spreitzhofer ist Lektor am Institut für Geographie der Universität Wien

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