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"Zum Glücklichsein braucht man einen Freundeskreis"

Das Glück des Einzelnen hängt ganz wesentlich vom Glück der Gemeinschaft ab, soErnst Gehmacher. Im Gespräch konstatiert der Sozialforscher, der sich in den letzten Jahren der Untersuchung der Kraft des Zusammenhalts von Gemeinschaften verschrieben hat: Der soziale Kitt bröckelt.

Die Furche: Herr Gehmacher, im Rahmen eines OECD-Projekts erforschen Sie das Sozialkapital in Österreich. Was genau ist Sozialkapital?

Ernst Gehmacher: Mit Sozialkapital bezeichnen wir die Kraft des Zusammenhalts von Gemeinschaften. Jeder Mensch erlebt Sozialkapital - etwa in Form von Vertrauen, Freundschaft, Geselligkeit und Glauben, aber auch in Form von Einsamkeit, Misstrauen und Enttäuschung.

Die Furche: Was hat nun Sozialkapital mit Glück zu tun?

Gehmacher: Ganz einfach gesprochen: Hohes Sozialkapital macht glücklich. Und ein Fehlen fördert gesellschaftliche und wirtschaftliche Krisen.

Die Furche: Sie wechseln in ihren Erklärungen zwischen individuellem Glück und gesellschaftlichem Wohlergehen ...

Gehmacher: Ja, das Glück des Einzelnen und jenes der Gemeinde oder Gesellschaft lässt sich nun einmal nicht voneinander trennen. Die zwei stehen in einem engen Wechselverhältnis.

Die Furche: Überrascht es Sie, dass gerade die Weltwirtschaftsorganisation OECD sich für Sozialkapital interessiert?

Gehmacher: Nein, es werden ja jene Gemeinschaftskräfte gemessen, die Demokratie und Wohlstand garantieren. Die OECD hat sich in ihren Anfängen für den Fluss von Finanzkapital interessiert. Damit ließ sich der monetäre Wohlstand von Nationen relativ leicht ermitteln. Vor einigen Jahrzehnten kam dann das Humankapital als weitere Messgröße hinzu. In einer Wissensgesellschaft ist Ausbildung eben ein wichtiger Faktor für das nationale Wohlergehen.

Die Furche: Und jetzt noch das Sozialkapital. Wie alt ist diese Art von Forschung?

Gehmacher: Die ist vergleichsweise jung: 2000 wurde von der OECD eine Proklamation verfasst und 2002 die erste Konferenz veranstaltet. An der Studie "Measuring Social Capital" nehmen Länder aus der ganzen Welt teil.

Die Furche: Und welche Nation ist die glücklichste?

Gehmacher: Vergleiche zwischen den Nationen sind wenig sinnvoll, da Unterschiede innerhalb einer Nation sehr viel größer sein können als zwischen den Nationen. Auch haben die einzelnen Studien nicht den Charakter von flächendeckenden statistischen Erhebungen. Wir führen geografisch begrenzte, dafür sehr konkrete Projekte durch, in denen am Ende auch Maßnahmen zur Erhöhung des Sozialkapitals stehen.

Die Furche: Wie erhöht man Sozialkapital?

Gehmacher: Zum Beispiel durch die Gründung eines Vereins, die Errichtung eines Treffpunkts in einem Betrieb, die Organisation von Gruppenaktivitäten oder die Festlegung von Mitbestimmungsmustern. Es gibt ein reiches Reservoir an Maßnahmen und oft sind es ganz simple und auch kostengünstige Dinge, die die Lebensqualität messbar verbessern.

Die Furche: Lässt sich in Sachen Sozialkapital irgendein allgemeiner Trend festmachen?

Gehmacher: Aus vielen Studien in zahlreichen Ländern lässt sich klar ablesen, dass das Sozialkapital allgemein schwindet.

Die Furche: Wie lässt sich das erklären?

Die Furche: Zunächst einmal haben wir herausgefunden, dass ein hohes Sozialkapital auf drei Ebenen aufbaut: Die Mikro-Ebene bildet die Familie und der enge Freundeskreis. Die Meso-Ebene sind Vereine und Organisationen. Die Makro-Ebene ist eine größere Gemeinschaft, deren Ideen oder Wertvorstellungen man teilt - wie etwa jene einer Partei oder Kirche. Heute ist das harmonische Zusammenspiel dieser drei Ebenen vielfach gestört.

Die Furche: Inwiefern?

Gehmacher: Die Menschen müssen zum Beispiel für ihre Arbeit mobiler sein. Es ist deshalb schwieriger, Beziehungen zu kultivieren. Auch klassische Familienstrukturen lösen sich zunehmend auf. Dabei würde einiges für die Familie als kleinste soziale Einheit sprechen. Allein erziehende Mütter etwa haben es sehr schwer und sind auch öfters krank, wie wir mit einer Studie belegen konnten.

Die Furche: Auf der Makro-Ebene gibt es beispielsweise bei den Kirchen einen Mitgliederschwund ...

Gehmacher: Das ist richtig. Gleichzeitig gibt es aber auch den umgekehrten Trend. Viele junge Menschen interessieren sich besonders stark für spirituelle Fragen. Ich denke, viel schlimmer steht es da mit den Parteien: Das Misstrauen gegenüber Politikern ist heute sehr hoch.

Die Furche: Braucht es tatsächlich alle drei Ebenen, um glücklich zu sein?

Gehmacher: Ja. Sein Glück allein in einer Partnerschaft zu suchen, das funktioniert nicht. Man braucht auch einen Freundeskreis und ein abstrakteres Zugehörigkeitsgefühl zu einem größeren Ganzen.

Die Furche: Wie steht es mit der Arbeit. Glauben Sie, dass die Menschen heute zu viel Zeit in ihre Karriere investieren, weil sie glauben, dass beruflicher Erfolg sie glücklich machen wird?

Gehmacher: Mit der Arbeit ist es wie mit vielen anderen Dingen auch: Es existiert ein Optimalbereich. Zuwenig ist schlecht, zuviel aber auch. Als Sozialforscher sind wir daran interessiert, diesen Bereich empirisch einzugrenzen. Für Personen, mit denen man ein Nahverhältnis pflegt, fanden wir etwa, dass fünf Personen eher einen Minimumwert darstellen.

Die Furche: Und wo liegt das Maximum?

Gehmacher: Ein Pfarrer, in dessen Gemeinde wir die Studie durchführten, meinte, dass das Maximum wohl so bei zwölf liegt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Sicher jedoch ist es unmöglich, mit dreißig Leuten eine enge Freundschaft zu pflegen. Dass ein gesundes Mittelmaß für das Glück wesentlich ist, sollte aber niemanden überraschen.

Die Furche: Hat Sie ein anderes Ergebnis überrascht?

Gehmacher: Wir haben eine Studie zur Umweltschutzerziehung an Schulen durchgeführt. Die Klassen, in denen ein höherer sozialer Zusammenhalt herrschte, nahmen am Ende die ökologischen Ideen viel bereitwilliger auf und setzten sie auch in ihrem Alltagshandeln konsequenter um. Überraschend war nicht, dass eine positive Stimmung in der Klasse dem Erziehungserfolg förderlich ist, sondern in welchem Ausmaß.

Die Furche: Was tun Sie, um selbst glücklich zu sein?

Gehmacher: Wir haben unlängst eine Studie mit älteren Menschen gemacht. Dabei zeigte sich, dass Älterwerden per se die Menschen zufriedener macht - drei Dinge vorausgesetzt. Wir nannten sie die drei Fs: Fit, Friends, Fun. Gesund fühle ich mich, einen tollen Freundeskreis habe ich auch und die Forschung, die ich betreibe, macht mir viel Freude.

Das Gespräch führte Thomas Mündle.

Zur Person

Ernst Gehmacher, geboren 1926 in Salzburg, leitete von 1968 bis 1995 das Institut für Empirische Sozialforschung (IFES). Nachdem er sich von der Leitung des großen Meinungsforschungsinstituts zurückgezogen hatte, gründete er das Büro für die Organisation angewandter Sozialforschung (BOAS), dessen Geschäftsführer er heute noch ist. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Modellierung sozialer Systeme, Policy Research, Methodologie der Umfrageforschung, Bildungs-und Medienforschung. Auch ist der Sozialforscher österreichischer Delegierter im OECD-Projekt "Measuring Social Capital".

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