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Aids: weiterhin unheilbar

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Aids: Eine Krankheit bewegt die Welt. Zwar weiß man fast •alles über ihren Verlauf, dennoch ist man weitgehend hilflos im Kampf gegen diese tödlich verlaufende Infektion.

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Aids: Eine Krankheit bewegt die Welt. Zwar weiß man fast •alles über ihren Verlauf, dennoch ist man weitgehend hilflos im Kampf gegen diese tödlich verlaufende Infektion.

Das HIV (Human Immunodeficiency Virus), der Aids-Erreger wurde 1983 vom französischen Forscher Luc Montagnier entdeckt. Es konnte im nachhinein in einigen tiefgefrorenen Blutproben aus den siebziger Jahren nachgewiesen werden. Sein Ursprung ist unbekannt.

In die Aids-Forschung sind seither weltweit enorme Mittel geflossen. Seit etwa zehn Jahren weiß man daher im Großen und Ganzen alles Wesentliche über den Erreger und seine Verbreitung.

Als erstes kann man jedenfalls feststellen: Aids ist eigentlich eine schwer übertragbare Krankheit. Dadurch unterscheidet sie sich von den meisten anderen ansteckenden Erkrankungen. Zu einer Aids-Epidemie - von der man so oft in den Medien liest - kann es eigentlich nur durch Fehlverhalten der Menschen kommen. Warum?

Was das Virus anbelangt, so steht fest, daß es sich um einen empfindlichen Erreger handelt. Er wird leicht durch Hitze, Trockenheit, Alkohol oder Chlorverdünnung zerstört. Außerdem ist es ein Virus, das schwer in den Körper eindringt. Eine gesunde Haut oder Schleimhaut halten es ab.

Das bedeutet aber, daß die Aids-Ansteckung beim Menschen nur über eine Wunde, einen Stich, eine Beschädigung der Haut oder einer

Schleimhaut stattfinden kann. Dann genügt allerdings schon eine geringfügige Virus-Infektion, um eine Ansteckung des ganzen Körpers hervorzurufen.

Das ideale Transportmittel für das Aids-Virus sind somit körpereigene Flüssigkeiten: Vor allem Blut und Samenflüssigkeit, aber auch Speichel, Tränen oder sonstige Flüssigkeit, etwa jene, die beim Sexualverkehr ausgesondert werden, was übrigens die-Handhabung von Kondomen zusätzlich problematisch macht.

Die besondere Gefährlichkeit des Aids-Erregers rührt daher, daß sich das HIV-Virus anders als alle andere Krankheitserreger, seien es Mikroben, Parasiten oder andere Viren, verhält. Letztere werden schon von der ersten Linie des körperlichen Abwehrsystems, den Makrophagen, erkannt und meist wirksam bekämpft. Ist der Angriff von Krankheitserregern für dieses System zu vehement, so wird das gesamte Immunsystem in Alarm versetzt. Das äußert sich meist in einer klinisch feststellbaren Form der Erkrankung.

Anders ist der Verlauf der Dinge im Falle des Eindringens von HIV-Erregern: Statt sie anzugreifen und zu zerstören, nehmen einige Makrophagen sie auf. Erkennt der Körper die Gefahr, so mobilisiert er zwar das Immunsystem, das jedoch nicht imstande ist, das Virus zu besiegen. Vermutlich hängt dies auch damit zusammen, daß die Aids-Viren sich bei ihrer Vervielfältigung dauernd ändern, so-daß „möglicherweise eine große Population von sehr ähnlichen, aber nicht identischen Viren, die sich im Körper vermehren” (Science), auf Dauer das Abwehrsystem des Körpers so schwächen, daß er früher oder später nicht mehr imstande ist, sich gegen Krankheitserreger zu wehren.

Dieser Vorgang der Schwächung des Immunsystems kann sehr langsam vor sich gehen, sodaß eine relativ lange Zeit zwischen der Ansteckung mit HIV und dem Auftreten erster verdächtiger Symptome vergehen kann. Nach ungefähr zehn Jahren sind erst etwa 50 Prozent der HIV-Positiven auch tatsächlich an Aids erkrankt. Nach wie vor gibt es kein Mittel zur Aids-Bekämpfung. Diese Krankheit verläuft also früher oder später tödlich.

Nach 10 Jahren sind erst die Hälfte aller HIV-Positiven an Aids erkrankt

Wer gilt nun aber als Aids-krank? Das hat sich in den letzten Jahren mehrmals geändert. 1984 wurde folgendes festgelegt: Aids hat, wer HlV-infiziert ist und an einer von jenen 18 Krankheiten leidet, die bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem häufiger auftreten als bei gesunden.

1987 wird diese Liste geändert und Krebskranke, die HIV-positiv sind, miteinbezogen. In San Francisco erhöhte dieser Definitionswechsel die

Zahl der Fälle um 19 Prozent.Diese in den USA entwickelte Definition wurde von den Industrieländern übernommen und 1993 um drei Infektionskrankheiten erweitert. In den letzten zwölf Jahren wurde die Definition von Aids also immer weiter gefaßt. Allein daraus ergibt sich eine Steigerung der Zahl von Aids-Fällen.

Für Afrika legte die WHO eine eigene Liste von Kriterien fest. Da Aids-Tests schwer durchführbar sind, wird von bestimmten Symptomen ausgegangen: Gewichtsverlust über zehn Prozent, Durchfall oder Fieber über ein Monat als Hauptkriterien und einige Nebenkriterien. Mindestens zwei Haupt- und ein Nebenkriterium müssen vorliegen, damit Aids diagnostiziert wird. Damit ist die Genauigkeit der afrikanischen Daten keineswegs mit jener der europäischen oder amerikanischen vergleichbar und eine Überschätzung der Aidshäufigkeit in Afrika ist nicht ausgeschlossen.

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