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Alle Jahre wieder: Kling, Gläschen, kling!

Feste und Feiertage sind oft so eine Sache: Wie beim Mond sind sie vorne hell strahlend, während sich hinten eine dunkle Seite verbirgt, schroff und zerklüftet. Das doppelte Gesicht des Festes zeigt sich gerade zu Weihnachten in aller Deutlichkeit. Wenn Erwartungen und Sehnsüchte am größten sind, dann sind sie besonders leicht zu enttäuschen. Und wenn der Stress der Vorweihnachtszeit endlich nachlässt, ist das Innenleben nur mehr schwer zu übergehen. Die Zeit der Besinnung führt bei vorbelasteten Menschen dazu, dass leidvolle Erfahrungen umso stärker ans Tageslicht treten: Einsamkeit, familiäre Probleme, psychische Störungen wie Angst, Sucht oder Depression. Rund um den Heiligen Abend erreichen die Anrufe bei der Telefonseelsorge regelmäßig einen Höhepunkt.

Alkohol und Lebenserwartung

Doch egal, wie schön oder belastet das Weihnachtsfest ist, eines gehört fast in jedem Fall dazu: der Alkohol. Auch er hat ein doppeltes Gesicht: Als soziales Schmiermittel macht Alkohol locker und steigert die Feierlichkeit. Er kann aber auch ein Mittel sein, um Probleme zu bewältigen -den Schmerz zu betäuben, Angst und Einsamkeit auf die Seite zu schieben. Und dabei wird der Alkohol oft selbst zum Problem. Missbräuchlicher Alkoholkonsum ist daran zu erkennen, dass das Trinken eine Funktion übernimmt, die anderweitig kaum noch verfügbar ist, etwa Stressabbau, Beruhigung oder Angstlösung. Kontrollverluste sowie ein starker Drang zu trinken ("Craving") sind bereits Zeichen einer Alkoholsucht.

Die Ambivalenz des Alkohols zeigt sich allein schon dann, wenn Mediziner darüber streiten, wie viel davon noch gesund ist. Das ist eine Frage, die in Studien immer wieder neu verhandelt wird. Schon vor Jahrzehnten wurde das "französische Paradoxon" beschrieben, wonach Franzosen trotz fettreicher Ernährung ein auffallend geringes Risiko für Herzinfarkt haben. Die Entdecker des Phänomens vermuteten einen Zusammenhang mit der französischen Form des Weingenusses: kultiviert und gemäßigt, aber regelmäßig. Doch aus heutiger Sicht ist fraglich, ob Rotwein oder Alkohol per se für dieses "Paradoxon" verantwortlich sind.

Heuer hat eine Studie im Fachjournal Lancet wieder einmal geprüft, wie sich Alkohol auf die Gesundheit auswirkt. Und angesichts der großen Datenmenge von fast 600.000 regelmäßigen Alkoholtrinkern aus 19 Ländern hat sie hohe Aussagekraft. Die Trinkenden wurden nach der Menge ihres Alkoholkonsums in Gruppen eingeteilt. Das Ergebnis: Das geringste Sterblichkeitsrisiko war in der Gruppe zu beobachten, die nicht mehr als 100 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nahm. Das ist eine Menge, die etwa fünf Krügeln Bier oder fünf Vierteln Wein pro Woche entspricht. "Bis zu dieser Menge gleichen sich die Vor-und Nachteile des Alkoholkonsums aus", kommentiert der Wiener Internist Heinz Ludwig die Studie. "Mehr Alkohol ist bereits eindeutig ungesund und verkürzt die Lebenszeit." Trinkende, die bis zu 200 Gramm Alkohol pro Woche zu sich nahmen, hatten bei einem Alter von 40 Jahren eine relativ kürzere Lebenserwartung um circa sechs Monate. Bei jenen, die mehr als 350 Gramm pro Woche konsumierten, war die Lebenserwartung um bis zu fünf Jahre verkürzt. Bemerkenswert ist hier,dass der ideale Alkohol-Schwellenwert von 100 Gramm pro Woche sogar noch unter der von der WHO definierten "Harmlosigkeitsgrenze" liegt, mit der die Alkoholmenge als körperlich bedenkenlos eingestuft wird (Männer: bis zu 168 Gramm bzw. circa acht Viertel Wein pro Woche; Frauen: 112 Gramm bzw. fünf Viertel Wein pro Woche).

Ein Gläschen Wein pro Tag ...

"Die Studie widerspricht der verbreiteten Meinung, dass Alkohol in Maßen sogar gesund ist", folgert Ludwig. "Zwar kann ein wenig Alkohol das Herzinfarkt-Risiko senken, doch insgesamt überwiegen die gesundheitlichen Nachteile." Neben dem erhöhten Risiko für Herz-Kreislaufkrankheiten kann chronisch erhöhter Alkoholkonsum auch zu Entzündungen im Verdauungstrakt und der Bauchspeicheldrüse führen. Diese wiederum steigern das Risiko für Krebskrankheiten, bemerkt der Facharzt, der in seinem Buch "Richtig leben, länger leben" ein umfassendes gesundheitsförderndes Lebensstil-Konzept präsentiert.

Doch es geht hier nicht darum, durch trockene Statistik den Spaß an vereinzelten Fest-und Feiertagen zu verderben. Und wer in aktuellen Studien kramt, findet auch Hinweise, dass lebenslange Enthaltsamkeit nicht unbedingt am gesündesten ist. So beschreiben italienische Forscher im Journal Addiction, dass ein Glas Wein pro Tag das Risiko eines Spitalsaufenthalts deutlich senkt - auch im Vergleich zur Abstinenz. Der moderate Alkoholkonsum erfolgte hier freilich im Rahmen einer gesunden mediterranen Ernährung. Die Studienautoren möchten daraus aber nicht ableiten, dass abstinente Menschen aus gesundheitlichen Gründen zu trinken beginnen sollten.

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