Damasio - © Foto: JB Huynh

Antonio Damasio: „Maschinen sollten auch verletzlich sein“

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Er beschreibt die atemberaubende Evolution des menschlichen Geistes: Antonio Damasio über Selbsterkenntnis, künstliches Bewusstsein und die Ambitionen von Facebook.

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Er beschreibt die atemberaubende Evolution des menschlichen Geistes: Antonio Damasio über Selbsterkenntnis, künstliches Bewusstsein und die Ambitionen von Facebook.

Wie dominant Affekte in Krisenzeiten werden können, zeigt sich nach zwei Jahren Coronapandemie überdeutlich. Gefühle begleiten den Menschen schließlich schon von Anbeginn. Für Antonio Damasio sind sie das Fundament des Bewusstseins und die Grundlage der Kultur. Der Hirn- und Bewusstseinsforscher verfolgt die Geschichte der Gefühle bis zu ihrem evolutionären Ursprung in Bakterien und Protozellen. Seit dem Bestseller „Descartes’ Irrtum“ (1994) stoßen seine Sachbücher auf große Resonanz. Der 77-jährige Portugiese lehrt und forscht seit 1976 in den USA. Er ist Professor für Neurologie, Psychologie und Philosophie an der Universität von Südkalifornien in Los Angeles und leitet dort das „Brain and Creativity Institute“. Die FURCHE konnte ihn für ein schriftliches Interview erreichen.

DIE FURCHE: Herr Professor Damasio, warum ist die Erforschung der Gefühle zu Ihrem Lebenswerk geworden?
Antonio Damasio: Ich habe im Affekt schon immer das Fundament unseres Daseins, ja die Grundlage der Menschheit gesehen. Das war schon so, als ich mit dem Gedanken spielte, ein Schriftsteller oder Filmemacher zu werden – also noch bevor ich mich dazu entschloss, die Karriere eines Arztes und Wissenschafters einzuschlagen.

DIE FURCHE: In Ihrem Werk betonen Sie die herausragende Rolle der Gefühle in der Evolution des Lebens – von den Einzellern bis zum menschlichen Bewusstsein. Aber wird die Welt der Gefühle in unserer modernen Kultur bereits ausreichend gewürdigt?
Damasio: Leider nein. Unsere Kultur erkennt zwar den Wert der Emotionen, etwa die konzertierten Aktionen von Angst, Wut oder Freude – nicht aber die subjektive Erfahrung des Lebens in einem Körper. Und genau darum geht es in der Welt der Gefühle.

DIE FURCHE: Wie entwickelt man einen kultivierten Umgang mit dem Affekt, eine „Kultur der Gefühle“? Der Philosoph Thomas Metzinger hat den Begriff einer „Bewusstseinskultur“ geprägt, um eine gesellschaftlich wichtige Frage in den Fokus zu rücken: Was sind überhaupt gute und wünschenswerte Bewusstseinszustände?
Damasio: Wir müssen zweifellos bewusster werden – über die Beziehung zwischen körperlichen und geistigen Phänomenen, die uns dank der Gefühle und des Bewusstseins zugänglich wird. Mehr darüber zu wissen, wie Körper und Geist interagieren, wäre in vielerlei Hinsicht vorteilhaft. Es würde uns nicht zuletzt eine gewisse Selbsterkenntnis ermöglichen, also Einsichten eröffnen, was wir sind. So könnte man etwa mittels schulischer Achtsamkeitsübungen lernen, mit zwischenmenschlichen Beziehungen gut umzugehen und persönliche Konflikte zu lösen. Die kritische Frage ist der ethische Rahmen, in dem solche Programme stattfinden sollten. Wir sind noch weit von einem Konsens entfernt, welche ethischen Kriterien dafür wichtig sind. Punkto „Bewusstseinskultur“ stimme ich übrigens mit Metzinger überein, dass es auch einer veränderten Drogenpolitik bedarf, da einige der derzeit illegalen Drogen medizinische bzw. nützliche Anwendungen haben können.

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