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"Auch wir brauchen Mythen"

Er sieht sich nicht als Leugner des Klimawandels. Sehr wohl kritisch betrachtet er aber die Vorhersagen der Klimatologen: Willy Viehöver, Soziologe an der Universität Augsburg, meint im FURCHE-Interview, dass sich mittels Diskursanalyse viel über den Klimawandel lernen lässt.

DIE FURCHE: Herr Viehöver, Sie sind Diskursanalytiker und als solcher haben Sie sich mit verschiedenen Theorien des Klimawandels auseinandergesetzt. Kann man das überhaupt, wissenschaftliche Theorien wie Erzählungen behandeln?

WILLY VIEHÖVER: Aber natürlich. Die Wissenschafter haben ja Ergebnisse und diese müssen sie erzählen. Zum Beispiel tun sie das über Fachmagazine, in denen sie sich mit anderen Experten austauschen. Mich interessiert vor allem das Verhältnis von Klima und Gesellschaft, wie es in den Medien zum Ausdruck kommt.

DIE FURCHE: Aber Wissenschaft beruht doch auf Fakten. Wissenschaft produziert doch nicht bloß Geschichten, oder?

VIEHÖVER: Aber die Fakten sprechen doch nicht einfach für sich. Auch die Fakten müssen erst einmal interpretiert werden. Auffällig ist etwa, dass Geschichten, die eine drohende Klimakatastrophe prophezeien, sich vorwiegend auf einen Zeitraum der letzten 150 Jahre beziehen. Und diejenigen, die die Treibhauskatastrophe für eine Fiktion halten, legen ihren Überlegungen sehr viel langfristigere Zeiträume zugrunde. Nein, bei so einem komplexen Thema wie dem Klima folgt nichts automatisch aus den Fakten. Wissenschafter müssen die Daten entsprechend selektieren und gewichten. Dann fangen sie an, darüber zu sprechen - und erzählen uns so eine Geschichte.

DIE FURCHE: Wer sagt denn die Wahrheit in der Klimadebatte?

VIEHÖVER: Ich glaube nicht, dass sich das sagen lässt. Ich stehe den wissenschaftlichen Schlussfolgerungen der Verneiner eines Klimawandels genauso skeptisch gegenüber wie den Befürwortern. Allerdings finde ich, dass die Befürworter für eine gute Sache kämpfen.

DIE FURCHE: Sie haben ja hunderte von Artikeln zum Klima gelesen. Was für spezifische Einsichten lassen sich mithilfe der Diskursanalyse gewinnen?

VIEHÖVER: Etwa die Erkenntnis, dass der Erfolg oder Misserfolg einer Klimaerzählung keineswegs allein von den erhobenen Fakten und Computersimulationen abhängt. Sehr wichtig ist hingegen die Art und Weise, wie Ereignisse, Daten, Bilder, Personen, Ursachen-und Folgenzuschreibungen zu einer dramatischen und konsistenten Erzählung verwoben werden.

DIE FURCHE: Bedeutet das, dass die in den Medien weniger häufig vorkommenden Geschichten einfach keinen so spannenden Plot haben?

VIEHÖVER: Das ist teilweise sicher richtig. Der Erzählung der Sonnenfleckenzyklen, die eine Kleine Eiszeit auslösen sollen, fehlten immer schon wichtige dramatische Elemente - wie etwa die Figur des Helden und des Bösewichts. Auch deshalb spielte sie in den deutschen Medien von jeher nur eine sehr untergeordnete Rolle.

DIE FURCHE: Gibt es spannende Geschichten, die trotzdem nicht populär sind?

VIEHÖVER: Ja. Die Global-Cooling-Geschichte etwa hatte einen durchaus spannenden Plot, war aber inkonsistent, was die Ursachenzuschreibung und den Zeitpunkt der Katastrophe betraf. In den 1970er Jahren dominierte sie zwar zeitweise die Massenmedien, in den achtziger Jahren verlor sie aber an Prominenz. Ein Grund dafür war sicherlich, dass die These einer anthropogenen Abkühlung kaum mehr vertreten wurde, während gleichzeitig Ideen zum Umweltschutz in Deutschland ihren Durchbruch erlebten. Die Geschichte passte also mit dem allgemeineren meta-kulturellen Code nicht mehr zusammen.

DIE FURCHE: Sie sprechen von einer "Wiederverzauberung des sublunaren Raumes". Was meinen Sie genau damit?

VIEHÖVER:

Der sublunare Raum ist ein etwas poetischer Ausdruck für die Stratosphäre, die stellvertretend für das Klima steht. Und mit dem Begriff der Wiederverzauberung nehme ich auf Max Webers Konzept der Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft Bezug. Weber glaubte, dass die rationalistische Wissenschaft die Welt einst entzaubern könnte, dass sich prinzipiell alles wissen ließe, was man wissen wollte. Die Tatsache, dass selbst in der Wissenschaft eine narrative Vernunft am Werk ist, widerspricht dem. Selbst der moderne Mensch kommt ohne Erzählungen nicht aus. Auch wir brauchen Mythen.

DIE FURCHE: Aber ist es nicht arg, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse sich als Mythen herausstellen?

VIEHÖVER: Daran sehe ich nichts Verwerfliches. Mythen erzählen, heißt ja nicht, eine falsche Darstellung geben. Mythen sind mit Paul Ricoeur gesprochen Geburtstätten möglicher Welten. Erst der Treibhauseffekt-Mythos hat das Klima zu einem schützenswerten Gut gemacht. Mythen können auch - und darauf würde ich insistieren - zur Geburtsstätte besserer Welten werden.

Das Gespräch führte Thomas Mündle

Online-Tipp

Auf www.furche.at finden Sie einige weiterführende Links zum Thema-unter anderem zu einem Greenpeace-Interview mit der bekannten österreichischen Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, zur sehr informativen Webseite des prominenten deutschen Klimatologen Stefan Rahmstorf, und zu zwei Webseiten mit Projekten des Klimawandelpolitik-Kritikers Björn Lomborg.

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