Kotrschal_giraffe_mensch - <strong>Biologicum Almtal</strong><br />
„Ein frischer Blick auf die Evolution“ prägte dieses Jahr die Veranstaltung im oberösterreichischen Grünau. Heuer wurde erstmals auch ein „Junior Biologicum“ für ein junges Publikum angeboten. - © iStock / kohei_hara
Wissen

Aus den Tiefen der Stammesgeschichte

1945 1960 1980 2000 2020

Angesichts einer Welt im Multitrauma müssen wir verstehen, was die Menschen von Grund auf antreibt und ausmacht. Ein Rückblick auf das Biologicum Almtal.

1945 1960 1980 2000 2020

Angesichts einer Welt im Multitrauma müssen wir verstehen, was die Menschen von Grund auf antreibt und ausmacht. Ein Rückblick auf das Biologicum Almtal.

Was man zu Natur und Wesen der Menschen aus gescheitem Mund nicht schon alles gehört hat: Geis­teswesen oder doch bloß „ratiomorphe Wesen“? Homo oeconomicus, Homo ludens oder Homo philosophicus? Ein ebenso nackter wie „neotäner“ Affe, das Ebenbild Gottes, in seiner Zivilisation „verhausschweint“, das evolutionäre Zwischenstadium zum „wahren“, also vollkommenen Menschen? Ein „Mängelwesen“, von Natur aus gut, oder eine „Sau“, wie es einst in einem Austropop-Song hieß? Aus ideologischen Blickwinkeln wurden zu Zeiten unzulänglichen Wissens Erklärungsversuche mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber wie kann man wissen, was „die Natur des Menschen“ ist? Gibt es die überhaupt? Wandelt sich der Begriff des Menschen nicht ständig mit Wissensstand und gesellschaftlichem Hintergrund?

Im „Zeitalter des Menschen“

Den enormen Fortschritten der Genetik, Verhaltens- und Evolutionsbiologie, sowie der Psychologie und der experimentellen Wirtschaftswissenschaften der letzten Jahre verdanken wir ein wesentlich umfangreicheres, konkreteres und kohärenteres Wissen um die Grundzüge des menschlichen Wesens als je zuvor. Letztlich verdanken Menschen als Topmodelle der Evolution ihre Existenz vielen in der Stammesgeschichte entstandenen Schlüssel­innovationen. Dabei hat die Evolution nicht intelligent geplant, sondern pragmatisch gebastelt – auch und besonders am Organ des Geistes, dem Gehirn.

Übrigens: Die meisten der menschlichen Merkmale teilen wir aufgrund stammesgeschichtlicher Verwandtschaft oder paralleler Evolution mit vielen anderen Tieren. Menschliche Alleinstellungsmerkmale sind rar, aber es gibt sie. Komplexe Symbolsprache und leistungsfähiges Gehirn etwa. Aber auch diese Unterschiede zu den anderen Tieren sind eher quantitativer denn qualitativer Natur. So entstanden Sprachfähigkeit und abstraktes Denken vor allem im sozialen Zusammenhang und aus bereits vorher in der Stammesgeschichte angelegten Eigenschaften. Daher denken und handeln Menschen auch profund irrational, gemessen etwa an den Vorhersagen der Spieltheorie, obwohl sie sich selber ja lieber als geistvolle, rationale und logische Wesen sehen.

Was man zu Natur und Wesen der Menschen aus gescheitem Mund nicht schon alles gehört hat: Geis­teswesen oder doch bloß „ratiomorphe Wesen“? Homo oeconomicus, Homo ludens oder Homo philosophicus? Ein ebenso nackter wie „neotäner“ Affe, das Ebenbild Gottes, in seiner Zivilisation „verhausschweint“, das evolutionäre Zwischenstadium zum „wahren“, also vollkommenen Menschen? Ein „Mängelwesen“, von Natur aus gut, oder eine „Sau“, wie es einst in einem Austropop-Song hieß? Aus ideologischen Blickwinkeln wurden zu Zeiten unzulänglichen Wissens Erklärungsversuche mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Aber wie kann man wissen, was „die Natur des Menschen“ ist? Gibt es die überhaupt? Wandelt sich der Begriff des Menschen nicht ständig mit Wissensstand und gesellschaftlichem Hintergrund?

Im „Zeitalter des Menschen“

Den enormen Fortschritten der Genetik, Verhaltens- und Evolutionsbiologie, sowie der Psychologie und der experimentellen Wirtschaftswissenschaften der letzten Jahre verdanken wir ein wesentlich umfangreicheres, konkreteres und kohärenteres Wissen um die Grundzüge des menschlichen Wesens als je zuvor. Letztlich verdanken Menschen als Topmodelle der Evolution ihre Existenz vielen in der Stammesgeschichte entstandenen Schlüssel­innovationen. Dabei hat die Evolution nicht intelligent geplant, sondern pragmatisch gebastelt – auch und besonders am Organ des Geistes, dem Gehirn.

Übrigens: Die meisten der menschlichen Merkmale teilen wir aufgrund stammesgeschichtlicher Verwandtschaft oder paralleler Evolution mit vielen anderen Tieren. Menschliche Alleinstellungsmerkmale sind rar, aber es gibt sie. Komplexe Symbolsprache und leistungsfähiges Gehirn etwa. Aber auch diese Unterschiede zu den anderen Tieren sind eher quantitativer denn qualitativer Natur. So entstanden Sprachfähigkeit und abstraktes Denken vor allem im sozialen Zusammenhang und aus bereits vorher in der Stammesgeschichte angelegten Eigenschaften. Daher denken und handeln Menschen auch profund irrational, gemessen etwa an den Vorhersagen der Spieltheorie, obwohl sie sich selber ja lieber als geistvolle, rationale und logische Wesen sehen.

Brandneues Wissen zur Evolution der Menschen ergibt eine neue Sicht auf Migrationsbewegungen und zeigt, wie unsinnig die alte Erzählung von den ‚Menschenrassen‘ ist.

Die selbstzugestandenen menschlichen Höhenflüge beruhen auf Schlüsselinnovationen über gut 500 Millionen Jahren Stammesgeschichte, die jeweils wieder völlig neue Möglichkeiten der evolutionären Entwicklung schufen: Bei den frühen Fischen entstand etwa aus der Chorda die Wirbelsäule und aus Kiemenbögen echte Kiefer. Reptilien erfanden ein Ei, das sie und ihre Nachfahren in der Vermehrung von Gewässern unabhängig machte. Die Säugetiere legten sich schließlich einen stabilen Schädel zu und lobten die Elemente des vormals primären Kiefergelenks zu jenen Gehörknöchelchen hoch, die uns eine Musikalität über viele Oktaven erlauben. Zusammen mit einer sich rasch vergrößernden Hirnrinde ermöglichten diese Innovationen den Säugetieren, eine Fülle neuer ökologischer Nischen zu konstruieren. Sie wurden damit zu den Schlüsselspielern der komplexen Erdneuzeit. Menschen wurden ökologisch allzu „erfolgreich“. Folgerichtig wird heute die Erdneuzeit vom Anthropozän, dem „Zeitalter des Menschen“, abgelöst.

Aber halt! „Den Menschen“ gibt es eigentlich nicht. Vielmehr leben heute 7,6 Milliarden teils sehr unterschiedliche Leute auf der Welt, in einer schier unüberblickbare Fülle an Ethnien, Kulturen, Lebensweisen und Geschlechterrollen. Man sollte aber dennoch die Kirche im Dorf lassen. Aufgrund ihrer evolutionären Herkunft eint die Menschen aller Kulturen viel mehr als sie trennt. Dies zeigt sich in einer gro­ßen Fülle „menschlicher Universalien“. Sie umfassen den instinktbasierten Ausdruck der Emotionen ebenso wie die Regeln für komplexes Sozialverhalten. Und evolutionär grundgelegte Mentalitäten bewirken, dass es sich in Betrieben, Staaten und anderen Herrschaftssystemen seit der neolithischen Revolution maßgeblich um Macht und Ungleichheit dreht und dass sich allenfalls ein recht labiles Gleichgewicht einstellt zwischen brutalem Patriarchat und einer fairen Beteiligung beider Geschlechter an der Gesellschaft, zwischen autoritären und demokratischen Herrschaftssystemen.

Die menschlichen Universalien sind dabei nicht einfach „genetisch determiniert“ oder „angeboren“. Sie entstehen – wie alle Merkmale lebender Systeme – in der Interaktion zwischen Erbgut (inklusive Epigenom) und Umwelt. Tatsächlich machen sie Menschen nicht zu Einheitswesen, sondern sind vielmehr das Substrat für die ungeheure Vielfalt menschlicher Individualität und gesellschaftlicher Erscheinungsformen.

Beim heurigen Biologicum Almtal ging es daher nicht um den ebenso oft beschworenen, wie nie verwirklichten „neuen Menschen“, sondern vielmehr um eine auf den neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende, neue Sicht. Angesichts einer Welt im Multitrauma wird es immer wichtiger zu erkennen, „warum wir so sind, wie wir sind“. Es braucht gesichertes Wissen zum eigenen Verhalten, um etwa den Funken einer Chance wahren zu können, eine Welt zu hinterlassen, in der auch unsere Nachkommen noch leben können und wollen.

Ständiges Ringen mit Parasiten

Wissenspakete dazu lieferte unter anderem Sonia Kleindorfer, die neue Leiterin der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau: Sie beleuchtete die zentrale Rolle von Verhalten in der Evolution und verdeutlichte, dass es den Artvergleich braucht, um Einsichten in jene Prinzipien zu gewinnen, die auch die modernen Menschen formten. Genetik-Experte Markus Hengstschläger von der MedUni-Wien widmete sich der Frage, wie Gene, Epigenom und Umwelt zusammenwirken, um jene Vielfalt entstehen zu lassen, die wir tagtäglich erleben. Heute ist der genetische Determinismus ebenso mega-out wie auch die pseudowissenschaftliche Natur-Kultur-Debatte. Denn Merkmale sind nicht entweder „angeboren“ oder „erworben“. Vielmehr entstehen sie in der komplexen Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt. Spannend auch der Beitrag des Archäogenetikers Johannes Krause vom Max-Planck-Institut Jena zur Evolution der Menschen und ihrer Eroberung der Erde in den letzten paar hunderttausend Jahren in ständigem Ringen mit ihren Parasiten. Dieses brandneue Wissen ergibt eine neue Sicht auf die Migrationsbewegungen und zeigt, wie unsinnig die alte Erzählung von den „Menschenrassen“ ist.

Aus all dem ergeben sich zukunftsweisende Fragen, die uns weiterhin beschäftigen werden: Wie werden die Wechselwirkungen zwischen konservativem Menschsein und den neuen Technologien Evolution und Leben der Menschen in Zukunft beeinflussen? Werden Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Gen-Editing dem gemeinsamen guten Überleben dienen oder letztlich die Ungleichheit weiter befördern, Macht und Reichtum immer weniger Menschen mehren – auf Kosten der Biosphäre und Allgemeinheit?

Der Autor ist em. Professor am Department für Verhaltensbiologie der Universität Wien und wissenschaftlicher
Leiter des Biologicum Almtal

Fakt

Warum Menschen so sind, wie sie sind

„Mensch 2.0“, „Homo Deus“ et cetera: Die Frage nach der Natur des Menschen ist virulenter denn je. Denn die menschliche Spezies könnte bald radikal verändert werden, so eine atemberaubende These, die angesichts der Fortschritte in den „Life Sciences“ und der Informationstechnologie gern in den Raum gestellt wird. Doch um die drängenden Probleme der Zeit zu lösen, muss der Mensch gar keine gottgleichen Fähigkeiten entwickeln, erläutert Kurt Kotrschal in seinem neuen Buch „Mensch“ – gibt es doch ein urmenschliches Potenzial zur Einsicht und Vernunft. Seit Langem erforscht der emeritierte Professor der Uni Wien das Verhalten von Wölfen, Hunden und anderen Tieren. Nun präsentiert er ein packendes Bild der Conditio humana, basierend auf den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. „Dieses Buch ist das Ergebnis meiner Erfahrung aus Wissenschaft, Lehre und Leben der letzten 60 Jahre“, so Kotrschal, der hier wieder zeigt, wie man Forschung fundiert und zugleich anschaulich vermitteln kann. (M. Tauss)

Kotrschal_Mensch - © Brandstätter
© Brandstätter
Buch

Mensch. Woher wir kommen, wer wir sind, wohin wir gehen.

Von Kurt Kotrschal.

Brandstätter 2019.

320 Seiten, geb., € 25,–