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Bärbel Wardetzki: „Das stützt die Sucht“

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Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki erläutert im Interview, wie Lebensmittelwerbung gezielt Menschen mit Essstörungen adressiert.

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Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki erläutert im Interview, wie Lebensmittelwerbung gezielt Menschen mit Essstörungen adressiert.

Mit ihrem Buch „‚Iss doch endlich mal normal!‘“ (Kösel-Verlag) hat Bärbel Wardetzki einen Klassiker zum Thema Essstörungen verfasst (14 Auflagen, seit 2015 nur noch als E-Book). Die deutsche Psychotherapeutin, die seit 1992 in einer Praxis in München tätig ist, spricht im Telefoninterview über „ungesundes“ Marketing und die neuen Zielgruppen der Nahrungsmittelhersteller.

DIE FURCHE: Die Coronakrise führt derzeit generell zur Zunahme psychischer Störungen. Wie sehen Sie die Entwicklung im Bereich der Essstörungen, die Sie ja bereits seit Jahrzehnten verfolgen?
Bärbel Wardetzki: Tatsächlich gibt es nach wie vor eine deutliche Zunahme gestörten Essverhaltens. Ich kann mich noch an meine Anfänge in der Klinik erinnern: 1980 hatten wir die erste Bulimikerin (Patientin mit Ess-Brechsucht, Anm. d. Red.). Aus einer globalen Perspektive hängt diese Entwicklung mit der Wohlstandsgesellschaft zusammen. In der Nachkriegszeit wurde Essen noch als etwas Wertvolles gesehen. Meine Oma sagte zum Beispiel noch: „Der Kuchen wurde mit echter Butter gemacht.“ Man hat die Nahrung mit Achtsamkeit behandelt. Als es uns immer besser ging, begannen wir, wie die Amerikaner Dinge wegzuschmeißen. Zeitgleich kam das Ideal des Schlankseins auf. Das ist eigentlich paradox; vielleicht aber auch so etwas wie eine Bremse, die uns sagt: „Iss nicht alles!“ Das Gefühl für den Körper und der Respekt fürs Essen gehen verloren.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt das Marketing bzw. die Bewerbung von Nahrungsmitteln, die einen großen Einfluss auf unser Essverhalten hat?
Wardetzki: Werbung unterstützt definitiv esssüchtiges Verhalten. Das zeigt sich in suggestiven Produktnamen und Werbe­slogans. So lautete etwa die Parole für ein Abnehmmittel: „Damit ihr Durst nicht dick macht.“ Diese Botschaft ist eigentlich paradox, denn es werden zwei Dinge in Verbindung gebracht, die überhaupt nicht zusammengehören. Durst ist ein normales menschliches Bedürfnis, und ein Bedürfnis an sich kann nicht dick machen. Es wird hier aber mit der Esssucht verbunden. „Wenn ich Hunger habe, werde ich dick“ – so denken auch Menschen mit Essstörungen.

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