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Bedrohte Schätze im Tropenparadies

"Früher hat man gesagt, gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen. Vielleicht sollte man diese alte Weisheit viel ernster nehmen.

Es gibt viele Pflanzen, die völlig uninteressant aussehen. Manche von ihnen könnte ein lebendes biologisches Labor sein, das Antworten auf Fragen hat, die wir vielleicht einmal stellen werden."

Die Insel Mauritius im Indischen Ozean zählt zu den weltweit wichtigsten Hotspots der Biodiversität. Fast die Hälfte der dort vorkommenden Pflanzen sind endemisch: Das heißt, sie kommen nirgendwo sonst auf dem Planeten vor. Doch die Biodiversität auf der kleinen Insel ist stark dezimiert, denn die Natur kann nirgendwohin ausweichen, wenn der Druck durch Besiedelung und landwirtschaftliche Flächen immer größer wird. Einst war Mauritius fast vollständig von Regenwald bedeckt, heute sind davon nur zwei Prozent übrig geblieben. Und dennoch finden sich noch immer Reste einer großen Artenvielfalt: Die Flora auf Mauritius besteht aus fast siebenhundert Arten, wovon die Hälfte endemisch ist. 80 Prozent dieser einheimischen Arten gelten als bedroht. Von knapp hundert Arten gibt es nur noch rund fünfzig Exemplare und von vierzig Arten sind weniger als zehn in der freien Wildbahn bekannt.

heiß begehrter "Affenapfel"

Warum diese Zahlen relevant sind, erklärt die studierte Biologin Ameenah Gurib-Fakim. Sie ist die erste (weibliche) Präsidentin von Mauritius und eine der führenden Wissenschaftlerinnen für Biodiversität. In dieser Funktion analysierte und bewertete sie die Pflanzen auf den Inseln Mauritius, Rodrigues, Réunion und Madagaskar. Anhand von einzelnen Pflanzen verdeutlicht sie, was die Menschheit verliert, wenn sie nur eine Pflanze verliert -zum Beispiel eine Unterart eines Flügelsamengewächses, Terminalia bentzoe. Die Einheimischen verwendeten die abgekochten Blätter seit jeher gegen Infektionskrankheiten. In wissenschaftlichen Testreihen bestätigte sich eine starke Wirkung gegen eine große Bandbreite von Bakterien. Nun stellen sich Forscher die Frage, ob man mithilfe dieser Pflanze eine Antwort auf die große Herausforderung der Antibiotikaresistenz finden könnte. Die wertvolle Pflanze gilt in ihrer natürlichen Umgebung als hochgradig gefährdet. Dasselbe gilt für die Blätter der Pflanze Psiadia arguta, die in der traditionellen Medizin gegen Atemwegserkrankungen eingesetzt wurden. Im Labor hat sich herausgestellt, dass diese Blätter Inhaltsstoffe enthalten, die chemisch hergestellten Asthma-Medikamenten sehr ähnlich sind.

Oder einer der endemischen Baobab- Bäume, Adansonia digitata: Seine Frucht ist als "Affenapfel" bekannt, weil sie die Affen so gerne fressen. Das weiße, mehlige Fruchtfleisch ist nährstoffeich und enthält mehr Eiweiß als Muttermilch(!). Lebensmittelkonzerne aus der ganzen Welt sind hinter dieser Pflanze her. Zuguterletzt geht es um die sogenannte "Auferstehungspflanze". Warum sie so bezeichnet wird, hat einen guten Grund: Bis zu 98 Prozent Austrocknung hält sie bis zu ein Jahr aus und überlebt ohne Schaden. Wenn sie gewässert wird, kann sie sich über Nacht völlig regenerieren.

Die Kraft der "Auferstehungspflanze"

Die Trockenheitstoleranz dieser Pflanze kann der Wissenschaft wertvolle Impulse für die Herausforderung des weltweiten Klimawandels geben. Auch hinsichtlich der Erforschung von Alterungsprozessen und der damit einhergehenden Austrocknung der obersten Hautschicht bietet diese Pflanze ein interessantes Vorbild: Sie liefert wichtige Inhaltsstoffe für die Verlangsamung dieses Alterungsprozesses und für die Stärkung der Zellen gegen Umweltgifte.

Ameenah Gurib-Fakim weist darauf hin, dass jeder Gärtner wohl dieses vertrocknet, sogar tot aussehende Gras ausreißen würde. Es gibt viele Pflanzen, die völlig unscheinbar und uninteressant aussehen. Aber so manche von ihnen könnte so etwas sein wie ein lebendes biologisches Labor, das Antworten auf Fragen hat, die wir vielleicht einmal stellen werden. Früher hat man gesagt, gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen. Vielleicht sollte man diese alte Weisheit wieder viel ernster nehmen.

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