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Schrei nach Stille

Berieselung
Wissen

Bitte abdrehen!

1945 1960 1980 2000 2020

In der Aufmerksamkeitsökonomie werden unsere Sinne von früh bis spät bombardiert. Höchst an der Zeit, sich dagegen zu wehren. Warum es ein generelles Verbot für Zwangsbeschallung braucht.

1945 1960 1980 2000 2020

In der Aufmerksamkeitsökonomie werden unsere Sinne von früh bis spät bombardiert. Höchst an der Zeit, sich dagegen zu wehren. Warum es ein generelles Verbot für Zwangsbeschallung braucht.

Auch jenseits der eigenen Expertise erwies sich Robert Koch als äußerst hellsichtig: „Eines Tages“, so der Medizin-Nobelpreisträger von 1905, „wird der Mensch den Lärm ebenso bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“ Was er damals noch nicht vorhersehen konnte, ist die Pest in Form von musikalischer Dauerberieselung. Hier geht es nicht nur um die Lautstärke: Die Zwangsbeschallung in Supermärkten und Kaufhäusern, Restaurants und Bankfilialen, Taxis und öffentlichen Toiletten hat per se einen seuchenartigen Charakter. Sie wird zwar immer wieder bekämpft, doch bislang leider nur partiell und relativ erfolglos.

Es waren vor allem Künstler und Intellektuelle, die als erste das grassierende Übel benannten. Hans Magnus Enzensberger etwa klagte bereits 1997 sein Leid als „Schallallergiker“ und „musikalisches Opfer“: „Das Beschallungsopfer zeichnet sich gerade dadurch aus, daß es Ohren hat, zu hören“, ätzte der deutsche Schriftsteller im Spiegel, „seine Behinderung besteht darin, daß sein Hörorgan intakt ist.“ Heute werden besonders feinfühlige Menschen mit intakten Sinnesorganen unter dem Label der „Hochsensibilität“ gern an den Rand des Pathologischen gedrängt. Doch vielleicht ist der jüngst zu beobachtende Zuwachs dieser Personengruppe nur ein Symptom dafür, dass die alltägliche Reizüberflutung selbst bereits am Rand des
Pathologischen zu verorten ist. Und für viele eben schon ein schwer erträgliches Ausmaß angenommen hat.

Selbst die Wiener Linien folgen nun dem allmächtigen Trend und fühlen sich berufen, neben ihrer Kernaufgabe auch für multimediale Unterhaltung zu sorgen. Der Verkehrsbetrieb attackiert die Aufmerksamkeit seiner Fahrgäste nicht mehr nur durch Berieselung auf Bildschirmen, sondern neuerdings auch mit Klang- und Geruchseinlagen: Anfang Juli wurden erstmals duftbesprühte U-Bahn-Garnituren präsentiert. Zwangsbeschallung ist fixer Bestandteil dieser sinnlichen Rundum-Beglückung. Es gibt freilich Menschen, die beim Warten auf die U-Bahn nicht unbedingt mit Vivaldi behelligt werden wollen, oder an ohnehin stressigen Stationen nicht auch noch ein Konzert von gecasteten „U-Bahn-Stars“ mitanhören möchten. An sie wird schlicht nicht gedacht. Wiener Linien-Geschäftsführer Günter Steinbauer spricht stattdessen von einem „Wohlfühlfaktor“. Aber kann einem bei diesem infantilen Theater wohl zumute sein? Fahrgäste werden hier wie kleine Kinder angesehen, die rund um die Uhr bespielt werden müssen.

„Musik setzt Freiwilligkeit voraus“ und „Der akustische Raum gehört allen“ sind einige der Slogans, mit denen sich Initiativen gegen die Zwangsbeschallung (zum Beispiel „Beschallungsfrei“ in Österreich) Gehör verschaffen wollen. Doch Bewusstseinsbildung allein reicht offensichtlich nicht aus, um die akustische Epidemie in den Griff zu bekommen. Es braucht Verbote – und zwar aus folgenden Gründen:

1. Musik ist eine Droge

Ob als betörendes Trällern oder Balzgesang, als archaische Kommunikation oder pure Emotion, als martialische Inspiration oder soziales Schmiermittel: Welche Funktion auch immer Musik in der Evolution innehatte, sie war jedenfalls ein ungeheuer mächtiges Instrument. Dass sich mit Musik rauschartige Zustände evozieren lassen, wussten bereits die urzeitlichen Heiler und Schamanen. Die moderne Wissenschaft hat differenziert Wirkungen auf Körper und Geist nachgewiesen: Musik versetzt das Trommelfell in Schwingung und gelangt über die Nervenbahnen ins Gehirn. Dort beeinflusst sie das limbische System, wo das vegetative Nervensystem und das Gefühlsleben reguliert werden. Sie kann den Atem, den Herzschlag und den Blutdruck verändern, ebenso wie die Stimmung und die emotionale Wahrnehmung. Sie kann aufputschen oder beruhigen, für Stress oder Entspannung sorgen. Durch gezielte musikalische Behandlung lassen sich sogar Schmerzen, Ängste und Depressionen verringern.

Musik wirkt also, zumindest unter bestimmten Umständen, wie eine Droge bzw. ein Medikament. Damit sind aber auch unerwünschte Wirkungen zu beachten. Wie bei jedem psychoaktiven Mittel spielt die subjektive Einstellung (Set) unter den jeweiligen Umständen (Setting) eine wichtige Rolle für dessen Wirkung. So wäre ein Anstieg der Stresshormone zu erwarten, wenn die Einstellung zur Beschallung negativ ist oder diese den kulturellen Konventionen zuwiderläuft (zum Beispiel Trancemusik im Supermarkt). Fazit: Mit einem derart mächtigen Mittel sollte man nicht leichtfertig umgehen.