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Botschafter der rätselhaften Teilchenwelt

Wenn er mit bohrenden Journalistenfragen konfrontiert wird, hält er es gerne mit Goethe: Er wolle ergründen, was die Welt im Innersten zusammenhält, sagt Rolf-Dieter Heuer gebetsmühlenartig zur Essenz seiner Tätigkeit. Das wird wohl auch in Wien so sein, wo die Europäische Physikalische Gesellschaft derzeit die weltgrößte Teilchenphysik-Konferenz abhält, für die über 700 Wissenschaftler aus aller Welt angereist sind. Tatsächlich schlägt sich der Direktor der Europäischen Organisation für Kernforschung (CERN) mit Fragen herum, die für den gewöhnlichen Zeitgenossen leicht abgehoben klingen mögen: zum Beispiel mit der mysteriösen Dunklen Materie, deren Gravitationskraft für die Struktur der Galaxien relevant sein dürfte, oder mit der noch rätselhafteren Dunklen Energie, die für die zunehmende Expansionsgeschwindigkeit des Universums verantwortlich sein soll. Vor allem aber mit den kleinsten Bestandteilen der Materie, nach denen im 27 Kilometer langen Tunnel des Teilchenbeschleunigers am CERN mit Hochdruck gefahndet wird. Bei der Wiener Konferenz ist die Forschung mit diesem Technik-Wunder ein großes Thema. Dort prallen Protonen mit bislang unerreichter Wucht aufeinander, um daraus entstehende Phänomene zu untersuchen. Dank erhöhter Kollisionsenergie haben die Forscher erst vor wenigen Tagen den erstmaligen Nachweis von Pentaquark-Teilchen verkündet, über die zuvor nur in theoretischen Modellen gemutmaßt worden war. Seit 2009 leitet der Stuttgarter Professor das weltweit größte Forschungslabor im Bereich der Teilchenphysik, angesiedelt am idyllischen Genfer See. Die "unterirdische Kathedrale der Physik"(H.M. Enzensberger) wurde von ihm in einer schwierigen Phase übernommen: Der Teilchenbeschleuniger litt unter technischen Problemen, und aufgrund der Finanzkrise geriet das CERN-Budget unter Druck. Der 67-jährige Schwabe, der sich selbst als unheilbaren Optimisten beschreibt, manövrierte das Zentrum beharrlich zum kürzlichen Neustart der Protonen-Kollisionen. Und feierte 2012 einen großen Erfolg: Am CERN war nach jahrzehntelanger Suche die Existenz des Higgs-Teilchens nachgewiesen worden. Bei der Konferenz in Wien erscheint Heuer mit seiner designierten Nachfolgerin, der italienischen Physikerin Fabiola Gianotti. Er selbst denkt nicht an den Ruhestand: Ab April 2016 wird er Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, mit 62.000 Mitgliedern die weltweit größte Fachgesellschaft im Bereich der Physik.

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