Bücher gegen Barrieren

Im Jahr 2004 werden nicht nur neue Staaten Einzug in die EU halten, sondern auch Sprachen und Kulturen einander näher rücken. Die Furche sprach mit dem Klagenfurter Verleger Lojze Wieser, der soeben mit einem Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens den ersten Band seiner "Enzyklopädie des Europäischen Ostens" vorgelegt hat.

Die Furche: Herr Wieser, ist Ihnen das Interesse für die "kleinen" Sprachen Mittel- und Osteuropas als Slowene in Kärnten, der zweisprachig aufgewachsen ist, in die Wiege gelegt?

Lojze Wieser: Ich denke, dass eine gewisse Sensibilität natürlich gegeben ist, wenn man selber in einer Sprache groß wird, die von der Mehrheit doch nicht als die "schöne" und als die anerkannte Sprache angesehen wird. Die Töne werden wahrscheinlich etwas anders gehört. Die Tatsache, dass man einen Gegenstand, eine Beschreibung oder eine Situation durch verschiedene Bilder präsentiert bekommt und das als Bereicherung empfindet, öffnet dann auch in der bewussten Auseinandersetzung mit den Sprachen die Möglichkeit, sich dafür aktiv zu interessieren.

Die Furche: Wie ist es zur Gründung des Wieser Verlages gekommen?

Wieser: Dem ist eine turbulente Zeit vorausgegangen. Ich war fünf Jahre Leiter eines anderen Verlages in Kärnten, dann hat es mit den Eigentümern größere Probleme gegeben, ich habe mich verabschiedet, aber irgendwie ist es so, wie Florjan Lipus vom Schreiben sagt: Es muss von innen kommen, sonst ist man kein Schriftsteller. Und ähnlich ist es mit dem Bücher-Machen: Wenn man das Gefühl hat, dass das auch eine Möglichkeit ist, um die Barrieren zwischen Menschen abzubauen oder ihnen die Möglichkeit zu bieten, Schlupflöcher zu finden, durch die man klarer, besser und anders sieht, dann ist es das, was einen treibt. Diese Getriebenheit, Inhalte in Buchdeckel zu verpacken und sich deswegen auch bei einer Versicherung zu verdingen, um zusätzlich Geld zu verdienen, damit man dieser Sucht irgendwie nachkommen kann, ist es wohl.

Die Furche: Sind die Barrieren in Europa im letzten Jahrzehnt geringer geworden? Kommen die Kulturen der mittelosteuropäischen Länder langsam bei uns an?

Wieser: Ich habe vor 20 Jahren, als ich angefangen habe, die slowenische Literatur in den deutschsprachigen Raum zu transportieren, eine ganz große Hoffnung gehabt, und wahrscheinlich hat sie sich ja in einer gewissen Weise bestätigt. Es hat eine größere Aufmerksamkeit gegeben, Barrieren sind überwunden, Tabus sind gebrochen worden und mittlerweile kennt man den einen oder anderen slowenischen oder südosteuropäischen Autor. Gott sei Dank finden sich jetzt Namen aus diesem Raum auch in anderen Verlagen. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass man auf der einen Seite so tut, als ob es sowieso schon immer das Bedürfnis des großen und reichen Europa war, diese Literaturen zu kennen, und jetzt, wo wir ein wenig hineingerochen haben, brauchen wir sie ja nicht mehr näher zu kennen zu lernen. "Was wollt ihr, jetzt kennen wir sie schon." Ich glaube, dass da eine sehr große Gefahr steckt, sich damit zu begnügen, einige Beispiele der Literatur, einige neue Bilder zu erfahren und dann zu sagen: Es reicht. Jetzt beginnt im Grunde erst die Feinarbeit.

Positiv ist, dass es zur Normalität gehört und nicht mehr eine Sensation ist. Positiv ist auch, dass es nicht mehr unbedingt Autoren sein müssen, die in einem Gefängnis als Dissidenten gesessen sind, sondern dass sie einfach als Schriftsteller und Schriftstellerinnen wahrgenommen werden, als Poeten und Poetinnen.

Gleichzeitig kommt in diesem Zusammenhang bei den kleineren Literaturen auch der Drang zum Vorschein, jetzt endlich wirklich vollkommen erkannt und aufgenommen zu werden. Und jeder, der sich in einer Situation der Bedrohung befunden hat, weiß, dass in einer solchen Situation auch Übertreibungen zur Tagesordnung gehören. Man erlebt auch eine gewisse Art der Konzentration auf das Eigene bei den Kleinen und eine gleichzeitige Erblindung gegenüber dem Anderen und die eigene Überhöhung und Überschätzung. Und das führt natürlich im anderen, im arroganten Europa dazu, dass man das als Vorwand nimmt, sich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen. Mit dieser Problematik müsste man sich näher beschäftigen.

Die Furche: Wie könnte man einen tiefer gehenden und nachhaltigen Austausch fördern?

Wieser: Da könnte zum Beispiel Abhilfe geschaffen werden, wenn in dem europäischen Bewusstsein auch die Mittel zur Verfügung gestellt würden, dass eine systematische Übersetzungstätigkeit und eine Austauschbibliothek der europäischen Literaturen - nicht nur der Staatskulturen, sondern der verschiedenen europäischen Kulturen - gefördert würde. Hier müsste eine europäische Austauschbibliothek entstehen, die im Grunde genommen alle diese 150 Sprachen sich gegenseitig vice versa übersetzen lässt und sie so einander näher bringt. So würde man auch allen das Gefühl vermitteln, sie sind gleichberechtigt, egal ob groß oder klein, anerkannt oder nicht anerkannt: Sie sind einfach da, sie sind als kunstschöpfende, produktive Geister und Visionäre des zukünftigen Europa mit einer einheitlichen Seele der verschiedenen Kammern und Abteilungen präsent.

Die Furche: Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Kärnten in den letzten Jahrzehnten? Was hat sich verändert?

Wieser: Ich habe von klein auf die Erfahrung gemacht: Wenn man für das steht und mit seiner Sprache auch umgeht, wenn man nicht unbedingt sich duckt, sondern einfach selbstverständlich die Sprache und die Kultur benützt, dann erfährt man auch in der Umgebung wenn schon nicht eine Achtung, so doch einen Respekt. Und damit neutralisiert man die negative Energie, die es in dem Land zuhauf gibt. Und wenn man auf diesem Gebiet systematisch weiterarbeitet, wird man, was das Verlagswesen anbelangt, was die Sprache im öffentlichen Raum angeht, das Radio und die Medien, sehr wohl einen Gegenwind erzeugen. Ich bin kein Mensch, der zuerst einmal fragt, was nicht geht, sondern der zuerst fragt: Was kann ich tun? Und wenn es nicht geht, überlege ich mir, warum es nicht geht. Viele Politiker und auch Minderheitenvertreter wären gut beraten, wenn sie sich so eine Gelassenheit angewöhnen würden. Dann würden auch bestimmte politische Manöver nicht diese Fallen darstellen, die sie derzeit darstellen, und wir würden auf der einen Seite der unheiligen Allianz des politischen Chauvinismus den Boden entziehen und auf der anderen Seite den sich bedroht fühlenden slowenischen Bürgerinnen und Bürgern die Sicherheit geben, dass sie nicht auf die selben Methoden zurückgreifen müssen, die ihnen gegenüber seit Jahrzehnten angewendet werden.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Ein Verleger, der Europa nie in West und Ost einteilte

Der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser, Jahrgang 1954, Muttersprache slowenisch, setzte sich für die kleinen Sprachen Süd- und Südosteuropas ein, als noch niemand von EU-Erweiterung sprach.Er hat zahlreiche Autorinnen und Autoren im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht und wurde 1990 mit dem Ersten Österreichischen Staatspreis für Verleger ausgezeichnet. 1994 war Lojze Wieser Adressat einer Briefbombe sowie brieflicher Morddrohungen. Besonders bekannt wurde der Wieser Verlag mit der Reihe "Europa erlesen", die Regionen und Städte literarisch porträtiert.

Veranstaltungshinweis:

"Bücher heben Grenzen auf!"

Der Verleger Lojze Wieser im Gespräch mit Cornelius Hell.

Katholische Hochschulgemeinde Graz in Kooperation mit Die Furche

Sonntag, 15. Juni, 10.30 Uhr

Leechgasse 24, 8010 Graz

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