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Das berechnete GESICHT

1945 1960 1980 2000 2020

Im Zeitalter von Facebook hat das menschliche Antlitz Konjunktur: nicht mehr als Ausweis des Humanen, sondern als Informationsquelle für Maschinen, Firmen und Regierungen.

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Im Zeitalter von Facebook hat das menschliche Antlitz Konjunktur: nicht mehr als Ausweis des Humanen, sondern als Informationsquelle für Maschinen, Firmen und Regierungen.

Das biometrische Porträt hat mit dem Dürer-Porträt von einst nichts mehr gemeinsam, es ist eine artifizielle Bildmontage.

Sie kennen das vielleicht, wenn Sie mit dem Smartphone fotografieren: Richten Sie die Kamera auf ein Gesicht (oder auf etwas, das die Software für ein solches hält), ringelt sich ein Kreis um den Kopf. So ähnlich, nur beängstigend groß, zeigt sich der biometrische Gesichtserkenner im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden. Spaziert man durch die Ausstellungsräume, steht man plötzlich sich selbst gegenüber: eingescannt und registriert. Bevor man überhaupt realisiert, wie einem geschieht, sieht man sich auf einer Leinwand, versehen mit Gesichtskringel und Balken, die Informationen zu Geschlecht (weiblich; A. A.), Alter (19! Danke!) und Gemütszustand anzeigen: "happy". Happy? Noch!

Zugang zum Smartphone

Entziehen kann man sich alldem nicht: Wer die Ausstellung "Gesicht. Eine Spurensuche" betritt, gibt für einige Zeit das Recht an seinem Gesicht weiter. Die Daten, versichert das Museum, werden nach dem Besuch gelöscht. Diese Ausstellung will eine Spurensuche sein, angestoßen von Sigrid Weigels Forschungsprojekt "Das Gesicht als Artefakt", das die historischen Spuren des Themas in Kunst, Literatur und Wissenschaft verfolgt. Darin versucht sich auch die Dresdner Ausstellung, tiefgründig, bildgewaltig und mit starkem Bezug zu Entwicklungen, die gegenwärtiger sind, als uns vielleicht lieb ist.

Zugleich ist die Gesichtserkennung der letzte Schrei des neuen iPhone X, das im November auf den Markt kommen soll: Die neue Technik soll den Fingerabdruck zur Entsperrung des Handys ablösen und auch für Zahlungen und bei diversen Apps nutzbar gemacht werden. Laut Herstellerfirma Apple wird dadurch die Sicherheit verbessert. Das Risiko, dass eine fremde Person das Gerät entsperren kann, wird beim Fingerabdruck-Sensor mit 1 zu 50.000 angegeben, bei der Gesichtserkennung nur noch mit 1 zu 1.000.000. Diese beruht auf "Tiefenerkennung" und soll sich nicht etwa von vorgehaltenen Fotos täuschen lassen. Daher wird beim Blick in die Handy-Kamera ein 3-D-Modell des Nutzergesichts erstellt. Beim Entsperren mittels "Face ID" wird das jeweils neu errechnete Gesichtsmodell mit dem gespeicherten abgeglichen. Obwohl die letztwöchige Präsentation des iPhone X keineswegs reibungslos verlief, ist davon auszugehen, dass sich bald viele Millionen Menschen weltweit ein solches Gerät zulegen werden. Kritische Stimmen befürchten, dass die Gesichtserkennung dadurch "normalisiert" und salonfähig gemacht wird.

US-Forscher verwendeten Fotos aus einer Dating-Plattform, wo Angaben zur sexuellen Orientierung verfügbar waren. Das Programm lernte, schwule Männer und lesbische Frauen zu erkennen.

Gesicht und Homosexualität

Wie weit die Gesichtserkennung mittlerweile gehen kann, zeigt eine aktuelle Studie der amerikanischen Stanford-Universität. Sie verwendete über 35.000 Fotos von Personen aus einer Dating-Plattform, die dort Angaben über ihre sexuelle Orientierung gemacht hatten. Das Programm lernte dabei selbstständig, schwule Männer und lesbische Frauen zu erkennen. Im Vergleich mit der menschlichen Beurteilung zeigte die Software am Ende eine signifikant bessere Trefferquote. Basierend auf fünf Bildern wurden sogar 91 Prozent der homosexuellen Männer und 83 Prozent der Frauen durch den Computer identifiziert. Ob des heiklen Themas wurden die Forscher binnen kürzester Zeit angefeindet -und sahen sich bald zu einer klärenden Stellungnahme veranlasst: "Wir haben kein Werkzeug gebaut, um in die Privatsphäre von Menschen einzudringen", schrieben sie dort. "Wir haben vielmehr existente Technologien studiert, die bereits von vielen Unternehmen und Regierungen eingesetzt werden ( )." Ihre Studie zeigt übrigens, dass wir das erforderliche Material zum Abgleichen unserer Daten selbst bereitwillig zur Verfügung stellen: Fotos in Dating-Foren, sozialen Netzwerken und Datenbanken aller Art zeigen persönliche Bilder. Lustige Snapchatund Instagramfilter -bei einem "Selfie" kann man sich damit Hundeohren zaubern - verführen noch mehr, Bilder hochzuladen, und tragen zu einer stetig verbesserten Software bei. Lädt man ein Foto mit Menschen auf Facebook hoch, wird bereits angezeigt, welche Freunde darauf zu sehen sind.

Auf Gesichtserkennung setzen heute auch chinesische Forscher, die Kriminelle mittels Computer überführen wollen, oder eine israelische Firma, die potenzielle Gewalttäter anhand des Gesichts zu erkennen verspricht. Das Unternehmen Faception mit Sitz in Tel Aviv, Israel, bietet generell Gesichtsanalyse mithilfe von maschinellem Lernen an, um auf das Verhalten und die Persönlichkeit rückschließen zu können. Die Theorie dahinter: Wichtige Persönlichkeitsmerkmale sind genetisch bedingt, in der DNA festgelegt. Auch die Entwicklung des Gesichts ist durch bestimmte Gene geprägt -der Grund, warum sich eineiige Zwillinge meist täuschend ähnlich sehen. Faception geht nun davon aus, dass das Gesicht die DNA spiegelt und aus seinen Merkmalen Hinweise auf den Gesundheitszustand und die Persönlichkeit herauszulesen sind. Gesichter als Erkenntnisquelle zu nutzen, ist nicht neu, sondern gehört seit Langem zur Arbeit und Ausbildung von Polizisten und Grenzbeamten. Mit Steckbriefen und Fahndungsfotos ging man einst auf Verbrechersuche. Verbrecherkarteien sollten dazu dienen, bereits Straffällige zu überführen, aber auch potenzielle Verbrecher zu erkennen. Psychiatrische Anstalten im 19. und frühen 20. Jahrhundert wiederum sammelten Porträts von Patienten, meist gegen deren Willen und zunächst mit dem Fokus, die "äußere Erscheinung" als "wirklich zuverlässiges Anzeichen einer inneren Störung" festzustellen und so die "Wechselwirkung zwischen dem kranken Hirn des Menschen und seinen Körperorganen und Gesichtszügen" zu enthüllen, wie der englische Nervenarzt Hugh Diamond 1856 notierte.

Im Zeichen der Terrorbekämpfung

Nach "9/11" wurde Gesichtserkennung im großen Maßstab aktuell: Seit dem Terroranschlag auf die Twin Towers in New York setzt man auf Überwachung durch Gesichtsscans. Das biometrische Porträt hat mit dem Dürer-Porträt von einst nichts mehr gemeinsam, es ist eine artifizielle Bildmontage. Das Gesicht wird dafür in rechtwinkelige Quadranten unterteilt. Eine horizontale Linie führt durch die Pupillen, eine vertikale teilt das Gesicht in zwei Hälften. Das biometrische Porträt dient der algorithmischen Gesichtserkennung. Identität wird zur Übereinstimmung zweier Datensätze.

Die potenziellen Tücken der Softwares werden in einer Installation des Dresdner Museums unfreiwillig vor Augen geführt: Sie soll den eingangs gescannten Besucher mit den registrierten Bildern abgleichen und erkennen -und versagt. Beunruhigend -oder nicht? Datenschützer kritisieren eine pauschale Überwachung derzeit wieder heftig. Anlass ist ein Modellversuch zur Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz. Computer vergleichen dort die gespeicherten Gesichtern von 300 Testpersonen, die den Bahnhof regelmäßig benutzen. Auszulesen waren nicht nur die Gesichter, sondern auch Daten, die weit darüber hinausgehen.

Der Blick auf das Gesicht verändert sich mit der Digitalisierung grundlegend. Allein eine blinde Frau erzählt in der Dresdner Ausstellung, dass ihr das Gesicht der Menschen nicht wichtig sei. Auch ob der Mensch eine Burka trage, ob er gepierct ist oder tätowiert, sei nicht relevant, um ein Bild vom Gegenüber zu bekommen. Also vielleicht ist alles doch nicht so unheimlich, wie es scheint? Fragen wir doch den Gefühlsscanner der Dresdner Ausstellung.

Auf die Verheißungen der Gesichtserkennung setzen heute auch chinesische Forscher, die Kriminelle mittels eines neu entwickelten Computerprogramms überführen wollen.

Das Gesicht. Eine Spurensuche. Deutsches Hygiene-Museum, Dresden. Bis 25.2.2018 www.dhmd.de

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