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Das Geschäft mit der Authentizität

Eigentlich wollte ich das schöne Lob des Bilderbuchs von Heinz Janisch in dieses Editorial verlängern, aber mir kam anderes dazwischen. Auf dem Buchumschlag eines soeben in einem österreichischen Verlag erschienenen Romans las ich, dass der Autor „eine große Geschichte“ erzählt: „eine Geschichte von Liebe und Gewalt, von Freundschaft und Betrug, von Leidenschaft und Rebellion, die Geschichte einer verlorenen Generation in unserer Wohlstandsgesellschaft. Und er erzählt diese Geschichte genau so, wie sie erzählt werden muss: hart, direkt, authentisch und emotional.“

Diese Schlüsselworte scheinen mir, der Autor möge das verzeihen, zunächst interessanter als der Inhalt des Buches, das ich noch gar nicht gelesen habe. „Hart, direkt, authentisch und emotional“: mit diesen Worten erhofft man Erfolg am Buchmarkt. Vor allem die Authentizität feiert fröhliche Urständ – und wird dabei immer weniger sie selbst. „Der Tauschhandel, welcher im Zuge des Authentizitätskults im Kulturbetrieb Einzug hielt, vollzieht sich so: Ich, das Publikum, zahle dafür, dass du, der Künstler, deinen Leib, deine Lebenszeit, deine Krankheit in die Waagschale wirfst – dass du dich für die Kunst und für mich, deinen Zeugen, verzehrst“, schrieb unlängst Peter Kümmel in der Zeit und traf damit den Literaturbetriebsnagel auf den Kopf.

Es punktet, wer eine skandalaffine Biografie im Leben und möglichst erkennbar auch im Text aufzuweisen hat. Auch die Phrase „nackte Fakten“ kommt dabei zu ihrem Bedeutungsrecht. Helene Hegemann genoss nicht zuletzt deswegen die Aufmerksamkeit der Medien; dass sich nun in ihrem Text das Nicht-Authentische (oder das Authentische?) gerade dadurch erwiesen hat, dass es abgeschrieben ist, macht die Sache eigentlich schon wieder amüsant und sollte aufhorchen lassen.

Womit kann man noch toppen?

Denn mit der Authentizitätsmasche werden wir schon lange gefoppt. Authentisch war doch auch „Das sexuelle Leben der Catherine M.“, das behauptete 2001 jedenfalls die französische Autorin Catherine Millet und legte inner- und außerhalb des Buches ihre ganze sexuelle Freizügigkeit bloß. So genau wollten es viele gar nicht wissen – für Skandal war gesorgt, für Verkauf und Profit aber auch, denn andere wollten es wissen, und zwar genau. Wenn allerdings schon jedes intime Detail auf dem Büchertisch liegt und der Buchmarkt sich als ein wahres Feuchtgebiet erweist: Womit kann man dann noch toppen?

Mit dem Gegenteil. Millets Strategie ist ebenso verblüffend wie einfach: In ihrem neuen Buch bekannte sie sich – sicher wieder ganz authentisch – als tiefeifersüchtige Ehefrau und schrieb damit, wie es auf dem Buchumschlag zu lesen ist, „Ein Buch, das Ehen retten kann“.

Das nächste BOOKLET erscheint am 1. April 2010 als Beilage in der FURCHE Nr. 13/10

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