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Das Hohelied der Bewegung

Von einer "alternden Gesellschaft" ist oft die Rede; manche Wissenschaftler sprechen gar von einem "silbrigen Tsunami", der mit großem Getöse auf uns zurollt: Der Anteil älterer Personen wird sich von 2015 bis 2050 weltweit mehr als verdoppeln, wenn man aktuellen Hochrechnungen Glauben schenkt. Dass Altern tödlich ist, ist keine besonders aufregende Erkenntnis. Intuition, Hausverstand und Wissenschaft kommen hier zum selben Befund: Mit zunehmendem Lebensalter steigt auch das Risiko zu sterben. Genauer gesagt: Die Mortalitätsrate nimmt mit steigendem Alter exponentiell zu und verdoppelt sich circa alle acht Jahre. Ebenso beschleunigt sich bei Menschen über 40 Jahren die Häufigkeit schwerer Erkrankungen wie Krebs, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Altern ist somit der wichtigste Faktor, der zu chronischen Erkrankungen und zum Tode führt.

Körperlicher Verfall wurde bislang als natürliche Folge des Alterns gesehen, doch das könnte sich bald ändern. Hier will die Wissenschaft dem Hausverstand ein Schnippchen schlagen. Manche Forscher weisen bereits darauf hin, dass es nicht unbedingt ein biologisches Gesetz für den Zusammenhang von Alter und Gebrechlichkeit gibt. Bei manchen Tierarten steigt die Sterblichkeit im Alter nur langsam an oder nimmt mitunter sogar wieder ab. Das gilt etwa für Nacktmulle oder Fledermäuse, bei denen keine altersbedingte Beschleunigung der Sterblichkeit erkennbar ist. Heißt das womöglich, dass die Sterblichkeitskurve auch beim Menschen abgeflacht werden kann? Kann der Mensch hier von den runzligen Nacktmullen lernen?

"Muskelpakete" versus Asketen

Daten aus medizinischen Studien und großen Biobanken können heute systematisch zur Entwicklung von neuen Anti-Aging-Strategien herangezogen werden, betont Peter Fedichev in der Fachzeitschrift Frontiers in Genetics. Der studierte Physiker will das Rätsel des Alterns lösen und geht davon aus, dass der Alterungsprozess ebenso gehackt werden kann wie ein Computer-Netzwerk. Fedichev ist wissenschaftlicher Leiter der Biotech-Firma Gero, die daran arbeitet, erstmals "lebensverlängernde Therapien" auf den Markt zu bringen. Firmen dieser Art halten Ausschau nach Biomarkern des Alterungsprozesses, so wie es bereits Biomarker für pathologische Prozesse gibt. Sie beginnen, das Alter als Krankheit zu definieren -denn deren Behandlung verspricht große Nachfrage und gute Geschäfte.

Doch bevor man sich überlegt, welche Medikamente hier künftig hilfreich sein könnten, sollte man unbedingt ein einfacheres Mittel für gesundes Altern in Betracht ziehen -regelmäßige körperliche Bewegung. Noam Chomsky, der berühmte amerikanische Intellektuelle, ist zweifellos ein Musterbeispiel für "gutes Altern": Am 7. Dezember feiert er seinen 90. Geburtstag, und seine erstaunliche Energie und Ausdauer hat er mit der "Fahrrad-Theorie" begründet: "So lange du weiterfährst, fällst du nicht hin." Tatsächlich ist Sport ein effektives Mittel zur Prävention chronischer Krankheiten; auch ein Anti-Aging-Effekt wird ihm nachgesagt. Doch wie sollte die sportliche Aktivität beschaffen sein, um Langlebigkeit zu fördern? Dieser Frage sind nun Forscher der Universität Leipzig in einer Studie nachgegangen, die im European Heart Journal erschienen ist. Schließlich gibt es ganz unterschiedliche Sporttypen: Die einen vermehren ihre Muskelmasse durch Krafttraining; die anderen setzen auf Ausdauertraining. Die einen werden zu "Muskelpaketen", die kurzzeitig enorme Wucht entwickeln können; die anderen zu drahtigen Asketen, deren Muskelkraft sich im Durchhaltevermögen bewährt.

Natürlich gibt es auch jede Menge an Mischformen. Wer aber altert besser - der bullige Gewichtheber oder der leichtfüßige Läufer?

Im Fokus der Forscher standen die Telomere: Sie sind wie Kappen an den Enden der Chromosomen, die das Genmaterial der Zellen vor dem Verfall schützen. An ihnen lässt sich die Zellalterung ablesen, denn mit zunehmendem Alter verkürzen sie sich. Ihre Länge gilt somit als wichtiger Hinweis auf das biologische Alter. Das Enzym Telomerase wirkt dieser Verkürzung entgegen und kann die Telomere sogar wieder verlängern -es führt also zu einem Anti-Aging-Effekt, der im Labor zu erkennen ist. Die deutschen Forscher haben nun die Telomerlänge und die Aktivität der Telomerase in Blutproben ihrer Studienteilnehmer untersucht. 124 Probanden wurden jeweils unterschiedlichen Sportprogrammen zugeordnet: Die einen absolvierten ein Krafttraining, die anderen ein Ausdauertraining durch Jogging bzw. Intervalltraining. Die Teilnehmer wurden über sechs Monate und im Vergleich zu einer Kontrollgruppe beobachtet.

Schrumpfendes Denkorgan

Das Resultat war eindeutig: In der Gruppe mit Ausdauertraining erhöhte sich die Telomerase-Aktivität um das Zwei-bis Dreifache; außerdem nahm die Telomerlänge zu. Bei der Gruppe mit Krafttraining hingegen war dieser Effekt nicht festzustellen. "Unsere Studie verweist auf einen Mechanismus im Rahmen von körperlicher Aktivität, der das gesunde Altern fördert", so Studienleiter Ulrich Laufs. "Dieser Mechanismus wird aber nur durch Ausdauertraining und nicht durch Krafttraining aktiviert." In jedem Fall bekräftigt die Studie den guten Ruf des Ausdauertrainings, der sich aus bisherigen Befunden zur Prävention von Herz-Kreislaufkrankheiten ergibt: Auch die Experten der europäischen Kardiologen-Gesellschaft sehen Ausdauer als Richtschnur der körperlichen Aktivität, wobei Krafttraining nur ergänzend zum Einsatz kommen sollte.

Auch Manuela Macedonia stimmt ein Loblied auf einfache körperliche Bewegung an -sei es Gehen, Walken oder Jogging. In ihrem Buch "Beweg Dich!"(siehe auch Kasten) präsentiert sie starke Argumente dafür, dass Bewegung nicht nur der körperlichen Fitness dient, sondern auch dem Gehirn zugute kommt, also der geistigen Leistungsfähigkeit und seelischen Befindlichkeit. Im Alter schrumpft unser Denkorgan, wobei ab dem 40. Lebensjahr eine Volumenreduktion um circa fünf Prozent pro Jahrzehnt zu beobachten ist.

Systemische Wirkung

"So wie unsere Haut, die faltig wird, altert auch unser Gehirn", schreibt die Neurowissenschaftlerin, die derzeit an der Uni Linz tätig ist. "Dies fällt uns erst auf, wenn wir auf Dinge vergessen oder uns einen neuen Namen oder ein paar Zahlen hintereinander schwer merken können." Bereits ausgedehnte Spaziergänge können diesem Prozess entgegenwirken, wie viele Studien zeigen. So konnte bei älteren Erwachsenen, die ein Jahr lang dreimal die Woche eine Stunde walken war, u. a. ein positiver Effekt auf den Hippocampus -eine Gehirnstruktur, die für das Gedächtnis wichtig ist - nachgewiesen werden. Bei einer Vergleichsgruppe, die in der selben Zeit Stretching-Übungen gemacht hatte, war der Hippocampus hingegen weiter geschrumpft. Bewegung ist keine schnelle, aber eine nachhaltige Lösung, denn sie wirkt systemisch, für Körper und Geist. "Grundsätzlich geht es darum, das Gehirn als System im Ganzen aufrechtzuerhalten und nicht nach der Schraube zu suchen, die locker geworden ist", so Macedonia.

Und als bewusste Alternative zur motorisierten Fortbewegung wird Bewegung gleich einer weiteren großen Herausforderung gerecht: nicht nur dem gesunden Altern, sondern auch dem Klimaschutz.

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