Das träumende Gehirn

Sigmund Freud nannte den Traum den "Königsweg zum Unbewussten". Allan Hobson hingegen ist überzeugt, dass die Psychoanalytiker auf dem Holzweg sind.

In allen Kulturen und zu allen Zeiten haben Menschen geträumt. Darüber, was Träume bedeuten, gab und gibt es unterschiedliche Ansichten. Vielfach wurden Träume als Nachrichten aus einer anderen Welt, von einer höheren Macht verstanden. Im alten Ägypten etwa wurden die nächtlichen Botschaften genau analysiert und politische Entscheidungen danach getroffen. Und in der Bibel spricht Gott durch Träume direkt zum Menschen (siehe etwa Jakobs Traum in Gen 28, 10-17 und Salomons Traum 1 Kön 3, 5-15). Auch heute noch nehmen manche Kulturen Träume sehr ernst: In gewissen Teilen Afrikas beispielsweise stellen Träume eine wichtige Verbindung zu den Vorfahren dar.

In westlichen Ländern hingegen setzen sich nur mehr wenige Menschen mit ihren Träumen auseinander. Doch auch hier gibt es Priester, Propheten und Medizinmänner, die Träume deuten: die Psychotherapeuten. Wenn die Meinungen über die richtige Art der Interpretation zwischen den Schulen auch auseinandergehen mögen, in einem sind sie sich doch einig: Die Traumbotschaften stammen nicht von den Göttern; sie bilden einen Spiegel unseres seelischen Innenlebens.

Gewusstes Unbewusstes

Laut Freudscher Psychoanalyse bietet der Traum gar einen besonders tiefen Einblick in das Innere eines Menschen. Denn das Ich schafft es im Traum nicht, das Unbewusste völlig zu zensurieren. Und so kann, was im Wachbewusstsein erfolgreich verdrängt wurde, im Schlaf wieder an die Oberfläche kommen. Die Darstellung im Traum folgt dabei eigenen Gesetzen, die August Ruhs, Psychoanalytiker und Professor an der Medizinischen Universität Wien, so formuliert: "Es werden logische Formen des Bewusstseins außer Kraft gesetzt. Es kann etwas durch sein Gegenteil ausgedrückt werden. Oder es kann ein Rätsel entstehen, wo der Gleichklang wichtiger ist wie die Gleichbedeutung: Zum Beispiel steht dann Ungarn für ungern." Ein fixes Symbolsystem, das eine leichte Übersetzung der imaginären Bilder erlauben würde, kennt die Psychoanalyse aber nicht. Dazu Ruhs: "Jeder Mensch ist einzigartig. Die Dinge haben deshalb jeweils eine ganz individuelle Bedeutung - und die gilt es zu berücksichtigen." Der Patient wisse alles, der Therapeut nichts. Aber der Patient wisse nicht, was er weiß. Die Aufgabe des Therapeuten sei es, dieses Wissen hervorzubringen.

Allan Hobson, Traumforscher und emeritierter Harvard-Professor, kennt Freuds Ansatz und schätzt ihn nicht: "Wenn es keine Regeln zur Deutung gibt, wie sollen sich dann Träume richtig interpretieren lassen?" Besonders ärgert ihn, dass die Psychoanalytiker (aber auch andere Psychotherapeuten) die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften nicht zur Kenntnis nehmen. Konkret auch das Aktivierungs-Synthese-Modell, das er mit Robert McCarley entwickelte, um die seltsame Natur von Träumen zu erklären: Demnach befindet sich der Schalter für den REM-Schlaf ("Traum-Schlaf", die Phase der schnellen Augenbewegungen) im Hirnstamm. Ob der Schalter auf Ein oder Aus steht, entscheidet ein Wettstreit zwischen zwei verschiedenen Arten von Nervenzellen. Geht der Schalter in Richtung Schlaf, wird im Gehirn verstärkt der Botenstoff Acetylcholin ausgeschüttet. Im REM-Schlaf ist dieses sogenannte cholinerge System dann voll aufgedreht. Die Folgen sind bekannt: Von der Außenwelt kommt kein sensorischer Input mehr. Und das Umgekehrte gilt auch: Die sensorischen Outputkanäle sind verstopft. Wir träumen, dass wir laufen, doch die Laufbewegung wird nicht an die Beine weitergeleitet. Hobson erachtet dabei die Signale vom Hirnstamm als ein wildes "Neuronenfeuer".

Eine Geschichte basteln

Doch das (Vorder-)Hirn tut sein Bestes und synthetisiert aus den chaotischen neuronalen Signalen eine mehr oder weniger kohärente Geschichte. Dabei bleiben die Spuren der Unordnung deutlich erkennbar. So wechseln bekanntlich in Träumen Figuren und Orte ständig. Oder es kommen Personen zusammen, die sich so im realen Leben nie begegnet wären.

Der bizarre Charakter von manchen Träumen wäre also ein recht zufälliges Produkt der Biochemie; keinesfalls aber das Resultat eines Freudschen Zensors, der Inhalte durcheinander bringt, um den Träumer vor seinem Es zu schützen. Natürlich wird Hobson für seine Idee vom fabrizierten Traum kritisiert - auch von anderen Neurowissenschaftern. Der Südafrikaner Mark Solms etwa (der gleichzeitig begeisterter Freudianer ist) bezweifelt die Richtigkeit einzelner Aspekte des Lehrgebäudes. Professor Ruhs hat einen fundamentaleren Einwand: "Die Traumforschung ist etwas ganz Anderes als die Interpretation der Träume. Ein Polarbär und ein Tiger können auch nicht miteinander kämpfen. Denn sie leben auf ganz verschiedenen Kontinenten."

Doch Hobson versucht den Spagat, will Tiger und Polarbär sein. Ihn faszinieren nämlich nicht nur die bunten Hirnbilder der Neurowissenschaften, sondern er führt gleichzeitig Tagebuch über seine eigenen Träume. Doch kann eine so krass subjektive Erfahrung wie das allnächtliche innere Kino überhaupt als wissenschaftliches Beweismaterial gelten? Hobson kennt den Vorwurf. Als Gegenargument legt er gern Kostproben seiner Selbst-Erkenntnisse vor: "In einem Traum, in dem ich durch London wandere, habe ich 26 Beispiele gefunden, an denen ich hätte merken können, dass es sich um einen Traum handelt. Das war mir aber während des Träumens nicht bewusst. Der Denkapparat muss also irgendwie ausgeschaltet gewesen sein. Dank den bildgebenden Verfahren wissen wir seit kurzem, dass der präfontale Kortex im Traum - als einziger Hirnteil - tatsächlich nicht aktiv ist. Und der ist für das Denken zuständig. Ist diese Korrelation nicht interessant?"

Luzides Träumen

Das ist sie. Nur: Das Phänomen Traum ist sehr vielgestaltig. Und so gibt es auch die sogenannten luziden Träume, in denen der Träumer sich sehr wohl bewusst bleibt, dass er träumt. Die Wiener Gestalttherapeutin Brigitte Holzinger beschäftigt sich seit Jahren damit und meint: "Luzides Träumen lässt sich mit ein wenig Aufwand und Mühe erlernen. Das lohnt sich allemal, weil die erworbene Freiheit im Traum oft als Peak-Experience erlebt wird."

Auch die Idee, dass Träume eine "innere Freude"(Holzinger) auslösen, steht quer zu den derzeitigen Ergebnissen der Traumforschung. Hobson geht etwa davon aus, dass rund zwei Drittel aller Träume Angst und Gewalt zum Thema haben. Ja, er geht so weit, dass er in diesen negativen Emotionen eine natürliche ängstliche Grundspannung sieht und sie im Sinne eines evolutionären Vorteils interpretiert: Die im Schlaf "trainierte" Angst soll im richtigen Leben vor allzu riskantem, selbstzerstörerischem Verhalten schützen. Als Übungsplatz anderer Art sieht Holzinger den Schlaf: "Der Traum ist eine existenzielle Botschaft", meint sie, den Begründer der Gestaltherapie Fritz Perls zitierend. Im Traum lasse sich das Leben nochmals anders, neu, aber ebenso körperlich erfahren, ja im besten Falle als "kleine Psychotherapie" nutzen.

Wer wohl Recht hat? Vielleicht alle beide? Oder auch noch die Freudianer? Experimente mit MRI- und PET-Scannern werden in Zukunft bei der Beantwortung einiger Frage sicher mithelfen. Aber eigentlich könnte jeder Laie hier auch einen wissenschaftlichen Beitrag liefern. Denn die Introspektion ist ja als Methode ausdrücklich zugelassen.

ANLEITUNG ZUM TRÄUMEN

Von Brigitte Holzinger

Klett-Cotta, Stuttgart 2007

160 Seiten, geb., €13,30

Linktipp: www.traum.ac.at

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