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Der Astronaut, der Asteroide jagt

40 Jahre nach seinem Weltraumspaziergang marschiert Rusty Schweickart heute durch alle internationalen Weltrauminstanzen, um Vorkehrungen zu veranlassen, damit Asteroiden nicht zur Gefahr für die Erde werden.

Rusty Schweickart gehört zu den ganz wenigen Menschen, die die Erde vom Weltall aus gesehen haben. Deswegen hat er wohl auch eine größere Perspektive als andere, und der ehemalige Apollo-Astronaut schaut vor allem weiter voraus: Bis ins Jahr 2029 zum Beispiel: Am 13. April, einem Freitag noch dazu, wird in jenem Jahr der Asteroid „Apophis“ an der Erde in einem Abstand von rund 30.000 Kilometern vorbeifliegen. Zum Vergleich: Der Abstand zwischen Erde und Mond beträgt zwischen 350.000 und gut 400.000 Kilometer. Apophis kommt also recht nahe an die Erde heran, näher jedenfalls als so mancher Fernseh-, Navigations- oder Wettersatellit. Zeitweise wurde die Gefahr eines Zusammenpralls sogar recht hoch eingeschätzt, doch davon sind die Wissenschafter mittlerweile abgekommen – für die 2029-Begegnung zumindest.

Denn sieben Jahre später, am 13. April 2036, dieses Mal ein Sonntag, kommt der Asteroid des Aten-Typs mit 270 Metern Durchmesser wieder an der Erde vorüber. Hoffentlich jedenfalls, denn durch die Annäherung im Jahr 2029 und den Einfluss der Gravitationskraft der Erde ist die Bahnberechnung in der Folge mit größeren Fehlern behaftet, ein Einschlag nicht ganz auszuschließen.

Diese Ungewissheit genügt Schweickart, um aktiv zu werden. 40 Jahre nach seinem Weltraumspaziergang marschiert er heute durch nationale und internationale Weltrauminstanzen – dieses Mal wahrlich kein Spaziergang –, um Vorkehrungen zu veranlassen, damit sowohl Apophis als auch weitere, noch zu entdeckende Asteroiden keine Gefahr für die Erde werden. Die Zeit nach seinem Apollo-9-Flug war die wichtigere in seinem Leben, sagt Schweickart im Gespräch mit der FURCHE. Obwohl er die Bedeutung, die Apollo 9 hat, nicht gering schätzt: „Die Mission damals öffnet mir bis heute Tür und Tor – in den USA und international.“ 1983 gehörte Schweickart zu den Gründern der „Association of Space Explorers“ – eine von Astronauten wie Kosmonauten ins Leben gerufene Gruppe, vereint durch „die grundlegende Sorge und persönliche Verantwortung für die Erhaltung und den Schutz der Natur der Erde“. Schweickart ist dabei der Vorsitzende des „Committee on Near Earth Objects“, beschäftigt mit der Ablenkung von bedrohlichen Asteroiden.

Verheerender als tausende Atombomben

Nach Schätzungen der NASA würde Apophis, benannt nach dem altägyptischen Dämon des Chaos, im Falle eines Einschlags eine Energie von 1480 Megatonnen TNT freisetzen. Die über Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von 0,015 Megatonnen. Bei einem Einschlag auf dem Festland würden regional massive Schäden entstehen. Bei einem Einschlag ins Meer jedoch besteht die Gefahr gewaltiger Tsunamis. „Naturereignisse können wir nicht verhindern“, sagt Schweickart, „wir können keinen Hurrikan bändigen, aber wir können die Erde vor Asteroiden schützen.“

Knapp 6000 erdnahe kosmische Objekte, die auch immer wieder die Erdbahn kreuzen, kennt die Forschung. Rund 500 bis 1000 davon sind massive Brocken mit Durchmessern von 150 Kilometern und mehr. Die Zahl der gesichteten und beschriebenen Objekte im Weltraum rund um unseren Planeten wird aufgrund besserer Technologien aber künftig noch dramatisch zunehmen, prognostiziert Asteroiden-Jäger Schweickart, und bis zum Jahr 2020 auf rund eine Million ansteigen. Dieses Wissen ändere zwar nichts an der Wahrscheinlichkeit von Einschlägen, zeigt für ihn aber die Dringlichkeit von Maßnahmen auf.

Allein ein Blick auf den Mond, der Einschlagskrater mangels Atmosphäre und Vulkanismus besser konserviert, führe deutlich vor Augen, dass die Gefahr von Asteroiden-Einschlägen allgegenwärtig ist. Und auch in der Erdgeschichte gibt es zahlreiche Hinweise auf derartige Ereignisse: So donnerte vor 15 Millionen Jahren ein kilometergroßer Brocken auf die Schwäbische Alb und hinterließ einen Krater, der als Nördlinger Ries bekannt ist. Vor 65 Millionen Jahren schlug ein etwa zehnmal so großer Asteroid auf der mexikanischen Halbinsel Yukatan ein. Der Einschlag löste einen abrupten Klimawandel aus und führte höchstwahrscheinlich zum Aussterben der Dinosaurier.

Und am 30. Juni 1908 erhellte ein greller Blitz den Himmel über Sibirien. Eine gigantische Druckwelle raste durch die bewaldete Einöde und knickte auf einer Fläche von der Größe Vorarlbergs Millionen Bäume wie Streichhölzer um. Erdbeben- und Luftdruckwellen liefen mehrfach um die Erde. Die Ursache: Ein vermutlich nur 20 Meter großer Steinmeteorit war in zehn bis 20 Kilometern Höhe über dem Fluss „Steinige Tunguska“ in Ostsibirien explodiert. Dabei wurde nach heutigem Wissen die Sprengkraft von bis zu 1000 Hiroshima-Bomben freigesetzt. Um derartige Katastrophen zu vermeiden, war Rusty Schweickart kürzlich bei der Weltraumagentur der Vereinten Nationen in Wien. Schweickart im Gespann mit Kolleginnen und Kollegen schlägt ein weltweites Forschungs-, Informations- und Abwehrnetz für derartige himmlische Bedrohungen unter der Führung der UNO vor. Das Konzept ist als Blaupause für einen internationalen Mechanismus bei Asteroidengefahr gedacht und bis hinauf zum UN-Sicherheitsrat als letzte Instanz ausgearbeitet.

UN-Mechanismus gegen Asteroiden-Gefahr

„Das klingt zwar wie Zukunftsmusik“, kommentiert Peter Jankowitsch den Asteroiden-Notfallplan, „aber wie die Beispiele aus der Geschichte zeigen, ist das eine Möglichkeit, mit der man rechnen muss.“ Der frühere österreichische Außenminister und hochrangige Diplomat Jankowitsch war lange Vorsitzender im Komitee für die friedliche Nutzung des Weltraums, befasst sich nach wie vor mit internationalen Weltraum-Agenden und sitzt in der UN-Arbeitsgruppe, die sich mit den Schweickart-Visionen auseinandersetzt. Und Jankowitsch bestätigt, dass diese Asteroiden-Abwehrpläne sowohl von der NASA als auch den Vereinten Nationen „sehr ernst genommen werden“.

Was aber tun, wenn ein Asteroid mit gefährlicher Größe auf die Erde zurast? Die spontane Antwort „Abschießen!“ wischt Schweickart mit einer abfälligen Handbewegung zur Seite. „Das ist die typische amerikanische Antwort“, sagt der Amerikaner zum Österreicher, „und sie ist dumm!“ Schweickart gibt aber zu, dass die Traumfabrik Hollywood nicht unschuldig an dieser „plumpen Vorstellung in Millionen Köpfen“ ist. Doch wenn das Zerstören eines Asteroiden nicht möglich ist oder noch größere Probleme schafft, was dann?

Schweickart geht davon aus, dass ein Einschlag zehn bis 15 Jahre vorhergesagt werden kann. Damit wäre Zeit, entsprechende Maßnahmen zu treffen. Der Experte schlägt eine „Axt-Skalpell-Strategie“ vor: Die Axt wäre eine große Masse, die dem die Erde bedrohenden Asteroid entgegenschleudert wird und ihn von seiner Bahn ablenkt. Als Skalpell könnte ein Raumschiff dienen, das als „Gravitations-Traktor“ vor oder hinter dem Asteroid herfliegt und ihn mithilfe der eigenen Anziehungskraft von der Erde wegzieht oder wegschiebt. Die Frage ist nur, sagt Schweickart: „Wohin ziehen oder schieben, besser gesagt, über welche Staaten hinweg den Asteroid entsorgen?“

Und damit ist der ehemalige Himmelsstürmer in den Tiefen politischer Einflusssphären gelandet. Denn welches Land gestattet den mit Unsicherheiten behafteten „Überzug-schub“ eines Asteroiden? Noch dazu, wo es vielleicht laut urprünglich berechneter Einschlagbahn gar nicht in der Gefahrenzone gelegen wäre? „Schwierige Frage“, sagt Schweickart, „da zu einer Entscheidung zu kommen, wird viele Jahre brauchen.“ Und dabei lächelt er und schaut sein Vis-à-vis wissend mit jenen Augen an, die die Welt schon einmal von ganz weit oben betrachtet haben.

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