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Der Irrwitz der Menschen machte Pflanzenfresser zu Kannibalen

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Die Story vom „Rinderwahnsinn" ist abenteuerlich. Und vor allem ist sie eine andere, als die meisten Medien zur Zeit verbreiten. Es ist eine Geschichte des menschlichen Geizes, der Verantwortungslosigkeit, der Dummheit, und der automatischen Reflexe, wie sie Interessenvertreter und Politiker an den Tag legen, solange eine heikle Sache nicht in überwältigender Weise bewiesen ist.

Die Story vom „Rinderwahnsinn" ist aber auch vom wissenschaftlichen Standpunkt eine faszinierende Geschichte. In etlichen Punkten gibt es nach wie vor keine Gewißheit. Zwar ist bisher kein einziger Fall einer direkten Übertragung der BSE (Bovine Spongiforme Encephalopathie), also des „Rinderwahnsinns" auf den Menschen bewiesen worden, doch es kann nicht ausgeschlossen werden, daß solche Übertragungen tatsächlich geschehen. Und vor allem: Es kann Jahrzehnte dauern, bis die Krankheit bei Infizierten ausbricht.

Über die Ursache der immer tödlich verlaufenden BSE und anderer ähnlicher Erkrankungen gibt es nur Spekulationen. Der mögliche Erreger gibt noch viele Rätsel auf. Man vermutete zunächst ein Virus. Ein Virus aber war und ist in den erkrankten Tieren nicht nachweisbar. Wenn der Erreger so beschaffen ist, wie die meisten Forscher vermuten, dann bricht er wissenschaftliche Dogmen; dann stürzen ganze Gebäude medizinwissenschaftlicher Hypothesen in sich zusammen.

Beim Menschen und verschiedenen Tieren gibt es degenerative Erkrankungen des Zentralnervensystems (Gehirn und Bückenmark), die einander sehr ähnlich sind. Dabei wird das Gehirn löchrig wie ein Schwamm; es kommt zu motorischen Störungen oder dem Verlust der Gehirnfunktionen. Bisher führt die Krankheit unweigerlich zum Tod.

Bei den Schafen heißt die entsprechende Krankheit „Scrapie", bei den Rindern. BSE und bei den Nerzen „Mink-Enzephalopathie" Beim Menschen tritt dieses Krankheitsbild unter den Namen Creutzfeld-Jakob-Krankheit, „Gerstmann-Sträussler-Syndrom" oder „fatal familial insom-nia" auf. „Kuru" hieß eine Krankheit, die unter den Bewohnern von Papua-Neuguinea grassierte: Sie pflegten bei Trauerfeierlichkeiten das Gehirn der Verstorbenen zu essen. Seit 1957 ist diese Kulthandlung verboten.

Beim Menschen war (und ist) die Erkrankung extrem selten. Die Creutzfeld-Jakob-Erkrankung beispielsweise kommt unter einer Million Menschen jährlich einmal vor — weltweit. In Osterreich bedeutet dies nicht einmal zehn Fälle pro Jahr.

Creutzfeld-Jakob wurde bisher auf zwei verschiedene Ursachen zurückgeführt: Auf eine Übertragung im Krankenhaus - durch verseuchte chirurgische Instrumente, durch Hornhauttransplantationen, oder über Gehirnelektroden. Ebenso auf Vererbung, da die Krankheit in bestimmten Familien gehäuft auftritt. Immer wieder aber traten spontane Erkrankungen auf, ohne erklärbare Ursache.

Zwischen den beim Menschen und bei den Tieren auftretenden Erkrankungen bestand bisher kein Zusammenhang. Scrapie zum Beispiel ist seit Jahrhunderten bekannt, und man hat dort, wo sie vorkommt, genauso wenig Fälle menschlicher Erkrankung festgestellt, wie in Regionen, wo überhaupt kein Schaffleisch gegessen wird.

Die Menschen reagieren seit Urzeiten gleich: Wenn ihnen etwas unheimlich ist, versuchen sie, es zu bannen. Wenn es nicht anders geht, greift man dabei zum einfachsten aller magischen Mittel, um Bedrohliches erträglich zu machen: zur Namensgebung. Wem man einen Namen geben kann, der ist schon um einiges weniger unheimlich. Das ist das Bumpelstilzchen-Prinzip.

Stanley Prusiner, ein amerikanischer Wissenschaftler, fand für den rätselhaften Überträger von BSE und seiner Verwandten den Namen „Prione", was sich aus dem Wort „Protein" ableitet.

Tatsächlich stimmen die meisten einschlägigen Forscher darin überein, daß die Erkrankung durch Proteine, also Eiweiße, ausgelöst wird. Im Gegensatz zu einem Virus oder einer Bakterie verfügen die Prionen aber über keine Erbsubstanz, in denen ihr Bauplan -*so wie bei jedem Lebewesen - codiert ist. Dennoch haben sie charakteristische, gleichbleibende Eigenschaften. Hier zeichnet sich eine wissenschaftliche Sensation ab.

Während Viren in lebende Zellen eindringen, deren Erbsubstanz manipulieren, so daß die Zelle plötzlich weitere Viren produziert, gehen Prione ganz anders vor: Sie bringen ein körpereigenes Eiweiß, das in allen Zellen von Säugetieren und Vögeln vorkommt, dazu, zu entarten. Das normale Eiweiß wird nach und nach durch eine pathogene (krankmachende) Form ersetzt. Das entartete Eiweiß lagert sich nun an Nervenzellen ab und bringt jene schließlich zum Absterben. So entstehen die Löcher im Hirngewebe.

Anders als bei einer Infektion, wo von außen Eindringlinge kommen, die dann von der Immunabwehr bekämpft werden können, genügt hier ein einmaliges Anstoßen eines Mechanismus, und der Organismus führt die verheerende Arbeit selbst durch. Es ist wie bei einer Zündschnur, die nur angezündet werden muß - sie brennt von alleine weiter. Theoretisch genügt ein einziges Prion pro Zelle: Das pathogene Protein wandelt dann alle normalen Proteine um, so daß ein Dominoeffekt entsteht.

Weil jene körpereigenen Eiweiße aber bei Tier und Mensch die gleichen sind, ist die bei den üblichen Krankheiten bestehende Spezies-Barriere nicht mehr dicht. Das ist auch der Grund, warum Gefahr für den Menschen vermutet wird. Wo normalerweise keine Ansteckung über das Tier möglich wäre - hier erscheint sie denkbar.

Denn auch die Rinder hatten früher nie mit der BSE zu kämpfen. Erst durch den Irrwitz landwirtschaftlicher Produzenten in England, die Rindern zum Zweck rascheren Wachstums zu Mehl denaturierte Schafmuskeln und -knochen verfütterten - womit sie Pflanzenfresser zu Kannibalen machten - entstand die jetzige Bedrohung: Die Viehzüchter hatten nämlich Fleisch und Knochen von scrapiekranken Schafen verwendet - offenbar im Bestreben, nichts verkommen zu lassen.

Anfangs war das noch gut gegangen. Aber in den späten siebziger Jahren wurde aus ökonomischen Gründen der Herstellungsprozeß des Schafmehls geändert. Bei der ursprünglichen Produktionsweise hatte man das Fett extra ausgelassen, die neue, billigere Produktionsweise hingegen ließ das Fett unangetastet -möglicherweise gab es dabei eine bis-' her unerklärliche biochemische Be-aktion, die den unbekannten Erreger mit einem Mal gefährlich machte.

Ab diesem Zeitpunkt erkrankten auch Rinder - zuerst nur vereinzelt, dann immer mehr. Heute steht die mögliche Vernichtung des gesamten Rinderbestandes Großbritanniens zur Debatte.

Die bisher feststehenden Tatsachen würden allerdings - kühl, und aus der Distanz betrachtet - nicht ausreichen, eine derart gigantische Maßnahme, die die gesamte Volkswirtschaft durcheinanderbringen würde, zu fordern. Denn anders als in den meisten Medienberichten behauptet, gibt es bisher keinen einzigen Fall einer nachgewiesenen Übertragung der BSE vom Rind auf den Menschen.

Aufgrund der bisher vorliegenden Fakten könnte man für den Normal-menschen, zumal für den Normal Österreicher, eigentlich totale Entwarnung geben: Essen Sie Rindfleisch, soviel Sie wollen. Sie werden dadurch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen „Rinderwahnsinn" bekommen.

Doch es bleibt ein Rest von Unsicherheit: Denn die Erkrankung breitet sich bei Schafen und Rindern seu-chenhaft in der Herde aus, und nicht nur, wie das bisher beobachtet wurde, durch orale Aufnahme (also durch Fressen) von verseuchtem Knochen-und Muskelmehl. Wieso sich die Tiere gegenseitig anstecken, weiß man nicht. Auf jeden Fall hat die Krankheit das Zeug dazu, zu einer Epidemie zu werden.

Es gibt zehn Fälle von Creutzfeld-Jakob bei Briten, die sich durch eines auszeichnen: Sie verlaufen untypisch. Es sind vorwiegend junge Menschen betroffen. Und die histologischen Untersuchungen zeigen ein etwas anderes Bild, als man es von Creutzfeld-Ja-kob gewohnt ist. Diese Tatsachen haben die englischen Gesundheitsbehörden letztendlich doch bewogen, einen Zusammenhang zwischen BSE beim Bind und der entsprechenden Krankheit beim Menschen nicht ganz auszuschließen - als Möglichkeit, keinesfalls als Gewißheit. Und das erst nach jahrelangem Zögern, wobei Forschern, die auf die mögliche Gefahr hingewiesen hatten, mit Gewaltanwendung gedroht wurde.

Immerhin ist die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, extrem lang. Bei den Krankheitsfällen in Papua-Neuguinea betrug die Inkubationszeit teilweise länger als 30 Jahre. Es könnte also sein, daß in den nächsten Jahrzehnten Creutzfeld-Jakob beim Menschen geradezu explosionsartig auftreten wird.

Auch daß die Erkrankung die Speziesbarriere übersprungen hat und die orale Übertragungsmöglichkeit -etwa durch den Verzehr einer schlichten Rindsuppe - besteht, scheinen drastische Maßnahmen zu rechtfertigen. Abgesehen von der möglichen Gefahr für den Menschen ist auch der Gedanke, daß Millionen von Rindern und Schafen über die Weiden torkeln und elend zugrundegehen, nicht sehr erbauend.

Zusammenfassend kann man sagen: Der „Rinderwahnsinn" ist primär ein „Menschenwahnsinn" -ausgelöst durch Dummheit und Gier, möglicherweise prolongiert durch wirtschaftliche und politische Interessen. Vom wissenschaftlichen Stand-pukt ist die Sache faszinierend, doch gesundheitspolitisch handelt es sich um eine Bombe - von der aber derzeit niemand sagen kann, ob sie eine Attrappe ist oder echt, ob scharf oder gesichert.

Der Autor ist

freier Journalist

Medizinische Beratung: Franz Heinz, Universitätsprofessor am Institutfür Virologie an der Universität Wien.

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